Berlin - Bei seinen Wahlkampfauftritten erfährt Michael Müller fast überall in der Stadt positive Resonanz, und doch scheint er immer nervöser zu werden. Drei Wochen vor der Wahl steht der Regierende Bürgermeister und SPD-Spitzenkandidat offenkundig unter Druck.

Wie angespannt er ist, zeigte sich etwa, als er am Freitag mit Gerüchten über seine Senatssprecherin Daniela Augenstein konfrontiert wurde. Medien hatten am Vorabend über Spekulationen berichtet, wonach es zwischen ihr und Müller zum Zerwürfnis gekommen sein soll. Sie habe deshalb Urlaub genommen und werde nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Abschottung im Rathaus

Doch anstatt schnell für Aufklärung zu sorgen, schottete man sich im Roten Rathaus ab. Müller und sein Umfeld wollten zu den Vorwürfen zunächst nicht mehr sagen als: „Frau Augenstein ist im Urlaub, der Sprecherdienst im Presseamt ist sichergestellt.“ Das lädt natürlich zu weiteren Nachfragen ein, zumal Augenstein ihr Handy im Urlaub abgeschaltet hat.

Erst gegen Mittag reagierte das Rote Rathaus, sprach in einer Mitteilung von „absurden Spekulationen“. „Frau Staatssekretärin Daniela Augenstein befindet sich im Urlaub. Der Urlaub endet am 9. September 2016. Am Montag, dem 12. September wird sie ihren Dienst wieder antreten. Wir freuen uns auf ihre Rückkehr.“

Die Tatsache, dass Daniela Augenstein seit Montag nicht in der Stadt ist, war indes kein Geheimnis. Sie hatte im Gespräch mit der Berliner Zeitung schon Mitte der vergangenen Woche angekündigt, sie werde in dieser Phase des Wahlkampfes kürzer treten und Resturlaub nehmen. Die Kommunikation müsse ohnehin strikt zwischen Regierung und Partei getrennt werden, sagte sie. Für Müller als Spitzenkandidat ist die SPD-Sprecherin Marisa Strobel zuständig. Das gilt seit April, als Müller wieder Parteichef wurde.

Augenstein wirkte entspannt. Nichts deutete auf interne Konflikte hin. Sie ist seit Jahren eine der engsten Vertrauten von Müller, gilt als umsichtige Beraterin, loyal und professionell. Umso unverständlicher ist, warum sie sich nicht selbst zu Wort gemeldet und etwa über den Kurznachrichtendienst Twitter einen Urlaubsgruß versendet hat.

So boten sie und Müller am Freitagvormittag Raum für weitere Spekulationen. Nicht nur in der SPD, sondern auch in anderen Parteien wurde kräftig getuschelt. Von einem Burn-out war die Rede. Oder davon, dass Müller Daniela Augenstein rausgeschmissen habe – auch weil es in seinem Wahlkampfstab Streit gegeben habe. Das kursierte etwa in der Linkspartei.

Augensteins angespanntes Verhältnis zu ihrem Stellvertreter

Zu den Wirren beigetragen hat, dass die Senatssprecherin ihren Stellvertreter Bernhard Schodrowski von der CDU nicht vorab über die konkrete Dauer ihrer Abwesenheit informiert hat. Sie habe ihm per Mail nur mitgeteilt, dass sie ihren Resturlaub nehme – ohne Angabe von Gründen und ohne ein Rückkehrdatum, hieß es.

Das Verhältnis zwischen Schodrowski und Augenstein gilt schon länger als angespannt, im Wahlkampf riss der Faden vollends. Allerdings ist es nicht ungewöhnlich, dass zwei scharf konkurrierende Parteien wie SPD und CDU in solchen Zeiten auch intern auf Distanz gehen. Wie die Berliner Zeitung erfuhr, hat Augenstein vorab wenigen Vertrauten in der Senatskanzlei erzählt, warum sie Müller um Urlaub gebeten habe. Sie müsse sich dringend um familiäre Angelegenheiten kümmern. Der Zeitpunkt sei richtig, wenn auch nicht ideal.

Das alleine wäre aber kein Grund, so schmallippig zu reagieren wie Müller es getan hat. Über allem schwebt ein Konflikt, den die SPD-Führenden und -Funktionäre nun schon Jahre miteinander austragen. SPD-Fraktionschef Raed Saleh möchte wie Ex-Parteichef Jan Stöß selber Regierender Bürgermeister werden, besser heute als morgen.

Parteiinterne Machtkämpfe

Saleh hat seine Niederlage bei der parteiinternen Kür des Wowereit-Nachfolgers bis heute nicht wirklich akzeptiert. Sein Umfeld sendet regelmäßig Signale, was es an Müller zu kritisieren gebe, Unterstützung gibt es kaum. Auch an den Gerüchten um Daniela Augenstein waren Leute aus der SPD-Fraktion zweifelsohne beteiligt.

Auf Seiten der Grünen und Linken, den potenziellen künftigen Koalitionspartnern, beobachtet man das Verhalten von Raed Saleh mit Sorge. Offenbar bereite es ihm keinerlei Bauchschmerzen, dass die SPD mit einem mäßigen Ergebnis aus dieser Wahl herausgehen könne, hieß es. Das Kalkül dahinter sei offenkundig: Je schlechter Müller abschneide, desto stärker stehe er selber da.

Bei den Grünen will man nicht einmal ausschließen, dass Saleh Müller direkt nach der Wahl am 18. September ablösen wolle, wenn die SPD weit unter ihrem letzten Wahlergebnis von 28,3 Prozent liegt. CDU-Leute um Spitzenkandidat Frank Henkel, der selbst unter massivem Druck steht, spekulieren in die selbe Richtung.

Über Jan Stöß wiederum kursiert das     Gerücht, er habe sich mit seinem alten Widersacher Saleh wieder gegen Müller verbündet. Darauf angesprochen, reagierte er dieser Tage nur nonverbal: Stöß lachte empört. Und machte zugleich deutlich, dass er Müllers erneuten Griff nach dem SPD-Vorsitz für einen Fehler gehalten habe, weil Saleh nun mehr Einfluss habe. Stöß konzentriert sich zurzeit auf seinen eigenen Wahlkampf, er will in Mitte gegen die frühere Arbeitssenatorin Carola Bluhm von den Linken ein Direktmandat gewinnen.

Die Aussichten stehen nicht schlecht. Wenn es ihm gelingt, dürfte Stöß als Fraktionsmitglied wieder kräftig mitmischen wollen in diesem Machtkampf.