O Gott, wie ist das menschliche Leben mit Elend und Unheil angefüllt! Kaum ist ein Unglück vorüber, da geraten wir schon in das nächste." Finanzkrise, Dienstwagenaffäre, Koma-Saufen, S-Bahn-Skandal, Klimaschock - wir leben in unsicheren Zeiten. Da kommt mit dem "Abenteuerlichen Simplicissimus Deutsch" ein Buch höchst gelegen, das von wahrhaft grauenvollen Zeitläufen berichtet. Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen erzählt vom Dreißigjährigen Krieg, und er hat eine Menge zu berichten, von Entführungen, Raub, Vergewaltigungen, Mord, Plünderungen, Betrug, Hunger, Erniedrigungen und ganz beiläufig auch vom Glück, am Leben zu sein. Gleich zu Beginn hört der Held, Simplicissimus, in der finsteren Nacht "sowohl das Geschrei der gefolterten Bauern als auch den Gesang der Nachtigallen."Simplicissimus wird in die Irrnisse und Wirrnisse des Krieges geworfen, er verliert seine Eltern und den Einsiedler, der ihn erzieht, wird von Soldaten verschleppt und kann sich am Hof des Gubernators von Hanau eine Zeitlang als Narr über Wasser halten - ein früher Horst Schlämmer in Kalbsfell und Eselsohren. Er gerät unter die Soldaten und Plünderer und wird einer von ihnen. Als Jäger von Soest erwirbt er Ruhm in der Kunst des Plünderns, er stiehlt, lügt, betrügt, wird reich und kommt zu Ansehen, wird ausgeraubt und gefangen genommen, beginnt von vorn, verkleidet sich als Frau und kann sich nur mit Mühe den Anträgen liebestoller Männer erwehren, entkommt und gerät in die Schlacht bei Wittstock, die er in allen grausigen Einzelheiten schildert. Zu Ruhm und Ehren gekommen, vergnügt er sich als Frauenheld und wird unversehens verheiratet, gleich danach von seiner Frau getrennt, in Köln übel hintergangen, in Paris als Lustknabe für adelige Damen begehrt und reich beschenkt, entkommt im Rhein dem Tod durch Ertrinken nur knapp durch ein Gelübde, das er gleich darauf bricht, und als er zu seiner Frau heimkehrt, ist sie längst gestorben, und so zieht er weiter und weiter, ein Spielball des Glücks, das ihn nur hebt, um ihn desto tiefer stürzen zu können.Der Mensch, das SchweinSimplicissimus ist keiner von uns, die wir unsere Lebenswege zwischen Bausparverträgen, öden Fernsehprogrammen, Steuererklärungen und Schrebergärten absolvieren. Wir halten uns für unschuldig, Simplicissimus hält sich stets für einen Sünder, den es schmerzt, dass er wie ein Tier lebt. Er lebt in einer Welt, die Kopf steht, und er will nichts als entkommen. Doch am meisten quält ihn "der Umstand, dass manche Menschen, wie ich ja schon selbst gesehen hatte, sogar säuischer als Schweine waren, grimmiger als Löwen, geiler als Ziegenböcke, neidischer als Hunde, ungebärdiger als Pferde, gröber als Esel, versoffener als Rinder, närrischer als Affen". Seine Ruhe findet er schließlich als frommer Einsiedler, der dieser Welt entsagt: "Leb wohl, o Welt, o schnöde, schlimme Welt, o stinkendes elendes Fleisch. Du machst aus uns einen finsteren Abgrund, einen elenden Erdklumpen, ein Kind des Zorns, ein stinkendes Aas, einen schmutzigen Nachttopf in der Jauchegrube, eine Schüssel der Verwesung voller Gräuel und Gestank."Luther hat dem Volk aufs Maul geschaut. Grimmelshausen hat mit dem Volk gelebt. Er hat fünfzehn Jahre im Krieg verbracht, wurde als Knabe von Soldaten verschleppt, war Trossknecht, Musketier, Schreiber, später Verwalter, Gastwirt und Schultheiß. Er weiß, wovon er spricht. Seine Biografie steht in krassem Gegensatz zu den Lebensläufen der zeitgenössischen Gelehrtendichter, und obgleich sein "Simplicissimus" sofort ein großer Erfolg wurde, blieb er stets ein Außenseiter im Literaturbetrieb seiner Zeit. Sein Roman strotzt nicht nur von Alltagsdetails und verschiedenen Spezialkenntnissen, etwa wie man im Würfelspiel betrügt oder die braven Bauern mit medizinischen Tinkturen übers Ohr haut, sondern er zeugt auch von einer unheimlichen Belesenheit. Kühn werden theologische, philosophische, politische, naturkundliche, astrologische Wissensdiskurse seiner Zeit in den Fluss der Lebenserzählung des Simplicissimus integriert.Dies ist ein Schelmenroman, ein Entwicklungsroman, eine soziale Satire, und ein Kompendium verschiedenster Erzählweisen. Grimmelshausen mischt fröhlich Lebenserzählung und Traktat, collagiert Gedichte und Briefe, Reportage und Phantastik. Mangel an Anschaulichkeit kann man ihm nicht vorwerfen. Quentin Tarantino ist ein Waisenknabe dagegen. Einem Bauern, der sich weigert, zehn Soldaten den Hintern zu lecken, wird mit einem Degenhieb der Kopf bis auf die Zähne gespalten. "Den Knecht legten sie gefesselt auf die Erde, sperrten ihm mit einem Holz das Maul auf und schütteten ihm einen Melkeimer voll Jauchewasser in den Leib. Einem anderen banden sie ein Seil um den Kopf, dass ihm das Blut zu Mund, Nase und Ohren herausspritzte." Die gefangenen Frauen, Mägde und Töchter hört man "aus den Winkeln des Hauses erbärmlich schreien."Nirgends ist der Roman beschaulich. Grimmelshausen hat kein Auge für liebliche Landschaften oder schöne Städte, das ist dann Goethes Sache. Zwischen diesen beiden, Luther und Goethe, steht Grimmelshausen als großer deutscher Sprachschöpfer. Wir haben es bloß nicht mitbekommen bisher, weil wir ihn nicht lesen konnten. Das verblüffend überfällige Unternehmen von Reinhard Kaiser, den Roman in ein heutiges Deutsch zu übersetzen, macht damit Schluss und gewährt einen neuen Anfang.Die Übersetzung ist, wie auch das Lektorat und die Ausstattung, spürbar ein Werk der Liebe. Dieses Buch ist ein Geschenk. Das bildungsbürgerliche Naserümpfen über die Unverfrorenheit, einen deutschen Text zu übersetzen, geht fehl. Der Roman ist dreihundert Jahre alt. Wer bisher Grimmelshausen las, stolperte in jedem Satz zweimal; nun gleitet man dahin. "Ich lauschte wie eine Sau, wenn sie ins Wasser pisst." Im Original: "Ich lausterte wie eine Sau, die ins Wasser harnt." (Wer auf den Geschmack kommt, kann sich gern der vorzüglichen Ausgabe von Dieter Breuer im Klassiker Verlag zuwenden.) Die kraftvolle Sprache ist erhalten und wird nun erst ganz verständlich; gelegentlich helfen Anmerkungen. Die barocken Drechseleien und Latizismen erspart Kaiser uns. Er gibt uns Grimmelshausen zurück, einen Schriftsteller, der frischer, wacher und welthaltiger erzählt als die meisten der heutigen Autoren.Warum aber sollen wir ihn lesen? Der Erzähler warnt eindringlich genug: "Wenn jemand glaubt, ich würde meinen Lebenslauf nur erzählen, um anderen die Zeit zu vertreiben oder, wie es Schalksnarren und Spaßmacher tun, um die Leute zum Lachen zu bringen, so täuscht er sich gewaltig." Oh doch, er unterhält uns, er fabuliert, er spinnt, er belehrt, er vergnügt, er bringt uns zum Lachen - und hilft uns, das Leben einmal ganz anders zu sehen.------------------------------Foto: Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch. Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser. Die Andere Bibliothek im Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009. 763 S., 49,95 Euro.Foto: Säuischer als Schweine sind die Menschen, sagt Simplicissimus.