Die berühmtesten Fotografien der Welt sind jene, die man nicht einmal sehen muss, sondern allein an ihren Beschreibungen erkennt. Der tödlich von einer Kugel getroffene Soldat im Spanischen Bürgerkrieg; der knarzige alte Matisse in Gesellschaft seiner weißen Tauben; Audrey Hepburn als federleichte, selbstversunkene Ballerina - das sind Bilder in unseren Köpfen, die zuvor aufgenommen wurden von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David Seymour. Die drei gehören zu den Gründungsmitgliedern der ersten unabhängigen Foto- und Fotografenagentur, 1947 in Paris ins Leben gerufen und angeblich benannt nach der Größe der zu diesem Anlass geleerten Champagnerflasche: Magnum.Die Agentur Magnum Photos (der die Berlinale eine Sonderreihe widmet) verstand sich nicht ohne Pathos als Gemeinschaft Gleichgesinnter, welche die Welt mit Verantwortungsgefühl und Respekt betrachtete und durchaus auf den erzieherischen Einfluss der Fotografie abzielte. Neben den humanistischen Leitmotiven wurden allerdings gleich zu Beginn auch geschäftliche Maximen festgelegt, die wie Vorläufer des modernen Urheberrechts anmuten: Der Name des Fotografen musste bei jeder Veröffentlichung angegeben werden, die Bilder durften nie beschnitten werden und nur mit der kompletten Bildbeschreibung des Fotografen gedruckt werden. Die Rechte an der Aufnahme blieben beim Urheber, so wurde - ein Novum - der mehrfache Verkauf möglich. "Wir wollen uns nicht zu den Domestiken der Presse machen lassen und uns auch unsere Themen selbst aussuchen, was zu dieser Zeit einer Revolution gleichkam", so erinnerte sich Cartier-Bresson. Der Erfolg gab ihnen das Recht dazu, Bedingungen zu stellen: Der blühende Illustriertenmarkt nämlich verlangte unablässig nach Nachschub.Derzeit gibt es 46 Mitglieder bei Magnum Photos, eins der jüngeren ist der in die Absurditäten des Alltags vernarrte Brite Martin Parr. "Magnum ist ein elitärer Laden. Aber das hat auch seine Vorteile. Wir haben eine Reputation, dass wir nur die Besten haben. Ob es immer klappt, ist die andere Frage, aber seltsamerweise funktioniert dieses Ausleseverfahren", sagte Thomas Höpker, der amtierende Präsident der Agentur, jüngst über diese Kooperative "einzelgängerischer Zenmeister" (Philip Jones Griffiths).Höpker ist - etwa mit Aufnahmen wie jener von Kindern dieser Stadt, die 1963 im Schatten der Mauer spielen - in der Magnum-Ausstellung mit Berlin-Fotografien vertreten, die die Galerie Camera Work zeigt. Die unbekanntere Seite der Agentur-Legende erhellt die Berlinale mit der Filmreihe "Magnum in Motion": Es werden nicht nur berühmte Gäste wie Eliott Erwitt, René Burri oder Martine Franck erwartet, sondern auch 33 Filme von und über die Magnum-Bildreporter gezeigt. Porträts sind darunter wie "Eve And Marilyn" von Rosemary Bowen-Jones über Eve Arnold (1987), die Marilyn Monroe bei den Dreharbeiten zu "The Misfits" begleitete. Oder "In Love And War" (2002) von Anne Makepeace, die Lebensgeschichte von Robert Capa, dem ersten Magnum-Präsidenten, der fünf Kriege sah und 1954 in Indochina starb.Mitunter scheinen die Filme der Fotografen sich zu ihrem Einzelbild zu verhalten wie die Skizze des Malers zu seinem Gemälde: Der ganze Prozess der Annäherung an ein Sujet, ein Individuum wird im Nachhinein sichtbar. Weil Fotografieren eben doch nicht ist wie Bogenschießen ("richtig zielen, schnell schießen, abhauen"), ein Ausspruch, mit dem Henri Cartier-Bresson gern die Pointe über die Kunst des Handwerks gestellt hat.------------------------------Magnum in Motion ab heute, 17.30 Uhr, im Cinemaxx 6 (Potsdamer Platz) und im Zeughauskino.Magnum Fotos in der Galerie Camera Work und im Museum für Fotografie.------------------------------Foto: Robert Capa während des Spanischen Bürgerkriegs, Oktober 1938