Die Geisterstunde auf Sonnabend war längst vorbei, als Klaus-Peter Kohl, der Hamburger Großgastronom mit Nebenberuf Box-Promoter (oder eher umgekehrt?) für sich ein Fazit zog: "Da wird immer soviel von einem Vakuum nach dem Abtritt von Henry Maske geredet. Wenn es überhaupt ein Vakuum gibt, dann hat das Wilfried Sauerland. Der braucht nämlich dringend einen Weltmeister. Wir haben vier."Neben Regina Halmich und dem Russen Artur Grigorjan gehören Dariusz Michalczewski und Ralf Rocchigiani in dieses Quartett der Champions. Sie haben in Hannover ihre WM-Würde sicher bestätigt und ins neue Jahr hinübergerettet. Als uneingeschränkter Sieger steht Kohl allerdings nicht da. Denn er hat es sich mit seinem Fernseh-Haussender "Premiere" verdorben. So sehr, daß beide Parteien über eine Auflösung des bis Ende 1997 geschlossenen Vertrags nachdenken. Premiere brachte es fertig, die eigenen Kämpfe als "Notprogamm" und den Michalczewski-Gegner als "Ersatzmann des Ersatzmannes" anzukündigen. Der "Tiger" verweigerte daraufhin dem Sender das von Maske abgeschaute Live-Interview im Ring. Kohl sprach von einem "Tiefschlag gegen das Boxen" und fügte an, daß man "mit solchen Leuten nicht zusammenarbeiten" könne.Freilich kann er sich diese Art Kraftmeierei nur leisten, weil er längst einen auf 42 Millionen bezifferten Sechs-Jahres-Vertrag mit der Kirch-Gruppe in der Tasche hat. Der garantiert ihm ein umfangreiches Box-Programm, verteilt auf den Pay-TV-Sender DSF plus für die Highlights, auf den allgemein zugänglichen Sender DSF für Zweitverwertung und boxerische Alltagskost sowie in der Zukunft auf SAT. 1.Bis dahin bleibt noch das Jahr mit "Premiere", das offenbar niemand mehr will. Der Sender nicht, weil die hohen Einschaltqouten ausblieben. "Premiere"-Sportchef Michael Pfad sieht das ganz realistisch: "Kohl verfügt gegenwärtig in der Spitze einfach nicht über die Anzahl an Boxern, so daß man sagen könnte: Da kann jetzt einmal einer wegfallen, und da kommen gleich drei hinterher. Da geht ein Promoter, der mit den Leuten Geld verdient, pfleglich mit seinen Leuten um. Das muß aber nicht deckungsgleich mit dem Interesse der Zuschauer und dem Interesse eines Fernsehsenders sein."Kohl will die Zusammenarbeit aufkündigen, weil er mit dem neuen, finanzkräftigeren Partner endlich die Führung gegenüber Sauerland und RTL zu übernehmen gedenkt. "Wir werden nicht vertragsbrüchig. Wenn es nötig ist, bummeln wir das letzte Jahr ab", sagt der offensichtlich gestärkte Promoter. Nach Weihnachten will man sich zusammensetzen und "vernünftig miteinander reden" (Pfad). Bummelstreik im Boxring - wer vermag sich schon etwas darunter vorzustellen? Neben allen verbalen Tiefschlägen - geboxt wurde auch in Hannover, und mindestens die beiden Hauptkämpfe verliefen auf überraschend gutem Niveau. Halbschwergewichtler Michalczewkski ließ sich weder davon beeindrucken, daß er mit dem Franzosen Christophe Girard den vierten Gegner nach den Ausfällen Duran Williams, Eddy Smulders und Mark Prince vorgesetzt bekam, noch von der Tatsache, daß sein letzter Kontrahent Graciano Rocchigiani als Kommentator in Sichtweite am Ring saß (noch so ein "Premiere"-Ärgernis). Der Hamburger boxte äußerst konzentriert, hatte bald das entscheidende Rezept gefunden (links zum Körper, rechts zum Kopf) und war gegenüber dem schmeichelhaften Punktsieg vom Juni in Köln gegen den gleichen Girard nicht wiederzuerkennen. Wobei einzuschränken ist, daß der Franzose nicht in der Form vom Juni antrat. "Dariusz war viel zu schnell für mich", gab er denn auch zu. Als aus der französischen Ecke in der achten Runde das Handtuch flog, stand der Sieger längst fest.Auch die fünfte Titelverteidigung von Ralf Rocchigiani gegen den von vielen "Experten" von vornherein mitleidig belächelten Stefan Angehrn war am Ende eine klare Sache. Der Berliner schlug härter, traf genauer, mußte aber zwölf Runden aufpassen und bekannte: "Das war schwerer, als erwartet. Immerhin habe ich bewiesen, daß ich auch zwölf Runden gehen kann." Mit einigen Kunstpausen, sei hinzugefügt. Dennoch, am klaren Punkturteil gab keinen Zweifel, allenfalls an der Höhe der Wertungen: 119:109, 117:114, 118:110 - jeweils für Rocchigiani. Im Rahmenprogramm gefielen die Berliner Oktay Urkal, der in seinem vierten Profikampf den Belgier Riahi Hamit ausknockte, und der inzwischen 18jährige Michel Trabant mit einem Punkterfolg über mittlerweile schon sechs Runden gegen den Franzosen Aziz Makloufi. Beide werden nun wie die bestätigten Weltmeister - auch wenn sie nur die Gürtel vom international wenig renommierten Verband WBO tragen - zu den Hauptkämpfern im nächsten Jahr gehören. Für Rocchigiani läuft es wohl auf eine Pflichtverteidigung gegen den Engländer Carl Thompson hinaus, dem er im Oktober 1995 völlig unprogrammgemäß in Manchester den Titel abnahm. Von dem großen Karriere-Abschluß gegen "Hitman" Thomas Hearns und Riesengagen ist derzeit keine Rede mehr. Michalczewski soll gleichfalls einen "großen Gegner" (Kohl) erhalten, so daß zum Bummelstreik erst einmal keine Zeit bleibt. +++