HAMBURG, 27. Februar. Es war schon recht spät, als Dariusz Michalczewski die Hamburger Color-Line-Arena verließ und sich auf den Weg nach Hause machte. Prächtig gelaunt, trotz deutlicher Zeichnungen im Gesicht, versicherte er noch einmal, dass alles ein wenig unglücklich und somit gegen ihn gelaufen sei, dass die Niederlage dem eigenen Übermut und somit nicht der Überlegenheit des Gegners geschuldet ist. Auf gar keinen Fall wolle er überstürzt entscheiden, ob er denn aufhöre, nach nunmehr 50 Kämpfen. Lieber sollten erst mal ein paar Tage vergehen. Derweil sorgten sich Freunde und Bekannte um das gesundheitliche Wohl des einstigen Meisters. Trainer Fritz Sdunek erklärte unmittelbar nach dem Fight, dass er zum Rücktritt raten würde. Es wäre ein weiser Rat gewesen, hätte Sdunek ihn auch gegenüber Michalczewski unmissverständlich formuliert. Der hatte nämlich recht spektakulär verloren in dieser Nacht, um die WM im Halbschwergewicht nach Version der WBA. Fabrice Tiozzo, der alte und der neue Champion, machte in Runde sechs Schluss, eine Rechte an die Schläfe schickte Michalczewski zu Boden. Als der wieder auf den Beinen war und Tiozzo, entschlossen zu allem, nachsetzte, bewahrte die Intervention des Ringrichters den Herausforderer vor einem schweren K.o. Wertvolle Entscheidungshilfe könnte Michalczewski das Video des Kampfes geben. Es wird die verzerrte Erinnerung des Boxers widerlegen. "Ich hatte ihn in der vierten Runde schön erwischt. Dann bis ich zu leichtsinnig geworden", referierte Michalczewski. So war es nicht. Vielleicht will er die Dinge so sehen, weil ihm dieses Bild ein wenig erträglicher erscheint: Michalczewski, der kompromisslose Angriffsboxer, der, den zweiten, dritten oder vierten Wind im Rücken, den Kontrahenten in aussichtsloser Lage mittels Kondition und Schlagkraft einfach überfährt (und dabei versehentlich in einen dummen Konter rennt). Hat sonst immer geklappt, ganz gleich, wie oft er getroffen wurde. Im entscheidenden Augenblick konnte er zusetzen, nur einmal nicht, vor sechzehn Monaten an gleicher Stätte bei der Punktniederlage gegen den Mexikaner Julio Cesar Gonzalez.Auch damals hatte er gehadert, wähnte sich nicht ganz auf der Höhe, erbat sich einige Tage Bedenkzeit, denn es war ja nur eine Niederlage, die erste überhaupt, doch es war keine Demontage. Aber diesmal? Da war es eine Demontage, und was für eine: Der Champion aus Frankreich präsentierte sich während sechs spektakulärer Runden als Souverän im Ring. Er bestimmte Tempo und Stil des Gefechts. Die Führhand, mit der Michalczewski sonst seine Kämpfe diktiert, wusste Tiozzo wirkungsvoll zu kontern, mustergültig seine Aufwärtshaken, bilderbuchhaft die Körpertreffer, die den Herausforderer zermürbten. Die ersten drei Runden gingen klar an den Titelverteidiger, der nach Belieben traf. Und mancher fragte sich, wie lange es dauern würde, bis Trainer Sdunek das Handtuch zum Zeichen der Aufgabe wirft.In der Halbdistanz vollends unterlegen, ließ sich Michalczewski dennoch auf die Keilerei ein, in der Hoffnung, den Kontrahenten einmal richtig anzuklingeln. Hätte beinahe geklappt, in Runde vier, doch auch diese brenzligen Situation meisterte Tiozzo im Stile eines Weltklasseboxers und vermied weitere Wirkungstreffer."Dann hat er mich weggeputzt. So wie sich das gehört", sagte Michalczewski. Genau so, wie er es sonst immer getan hatte, wenn er Witterung aufnahm. Die Niederlage indes raubte zumindest den Beobachtern alle Illusionen über die Verfassung Michalczewkis. Seine 36 Jahre sind eine Last, mag auch Tiozzo nur ein Jahr jünger sein. Wäre er nicht doch besser eine Gewichtsklasse höher geklettert, ins Cruisergewicht? Nur latent dringt das Eingeständnis durch, einem Überlegenen unterlegen gewesen zu sein. Klaus Peter Kohl, der Manager, dem nach dem Weggang der Klitschkos und der Niederlage in der Nacht zum Sonntag allmählich die spektakulären Fighter abhanden kommen, befand denn auch unumwunden, was Michalczewski nicht sagen wollte: "Wir gewinnen und verlieren zusammen. Und heute haben wir gegen einen Besseren verloren." Doch Michal- czewski ignorierte solche Sätze einfach. Er strafte Fritz Sdunek mit bösen Blicken, nachdem der den Rücktritt ins Gespräch gebracht hatte. Der Boxer erwartet Loyalität von seinen Betreuern. So lavierte Sdunek hinterher, und genauso tat es Kohl. Und Michalczewski gab überraschender Weise zum Besten, wie er sich gegen Tiozzo über die Zeit hatte retten wollen: "Ich wollte nach dem Niederschlag den Mundschutz ausspucken, um ein paar Sekunden zu gewinnen und mich zu erholen." Der Angreifer in der Defensive: Solche Erklärungen sind wirklich neu für ihn.------------------------------"Wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen. Und heute haben wir gegen einen Besseren verloren."Box-Manager Klaus Peter Kohl------------------------------Foto: Angezählt: Champion Fabrice Tiozzo trifft Michalczewski entscheidend.