Inzwischen hat Durs Grünbein New York gesehen und Toronto, Amsterdam und Paris - überall ist die "Grauzone morgens" (so heißt sein erster Gedichtsband von 1988) so ernüchternd wie in Dresden oder Berlin. Gewalt, Obszönität und jede Menge fremde Tode. Man hat ihn darum schon versehentlich "Großstadtlyriker" genannt, auch Mode-Literat. Angeschlossen an die eigene "Hirnmaschine" und in einen Körper gesperrt, der seine vorgeburtlichen Erinnerungen zäh verteidigt gegen alle Glücksversprechen der Welt, bleibt das Beginnen des Tags dem Poeten die schwerste Arbeit. "Wachsein ohne die traumklare Alchemie aller Bilder ist Qual." Doch sein Mißtrauen in Metaphern-Poesie treibt den Gedichten alles aus, was an das metaphysische Ich deutscher Weltanschauungslyrik erinnern könnte. Viel zu schnell Mit der Entgegennahme des Literaturpreises der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung am Sonnabend hat der junge Dichter die vorangegangenen Turbulenzen um die Preisverleihung zum Verstummen gebracht. Wann wurde im Großen Staatstheater Darmstadt zuletzt eine Büchner-Preisrede gehört, die ihrem Gegenstand nähergetreten wäre? "Ich gebe zu, daß mir die Knie gezittert haben beim Gedanken, eines Tages über ihn sprechen zu müssen. Jetzt ist es soweit, viel zu schnell, und ich versuche, ruhigen Bluts zu sein." Durs Grünbein sprach von "anthropologischem Realismus" des Arztes, Physiologen und Dichters Georg Büchner und sprach doch auch von Eigenem.Jene "härtere Grammatik, ein härterer Ton, das geeignete Werkzeug für die vom Herzen amputierte Intelligenz", die er in Büchners Dramen erkennt, machen ihm den Abgrund sichtbar, an dem er selber steht. "Was ist der Körper, denkt man ihn vom Nerv her? Was ist Geschichte, denkt man sie vom solcherart objektivierten Körper her?" Der Rückzug auf Körperliches als Lieferant von Wortsignalen, die keine Botschaften mehr sein wollen, wurde in Grünbeins Gedichtbänden "Schädelbasislektion", "Falten und Fallen" und "Den teuren Toten" erst recht deutlich nach dem Ende der DDR, obgleich er von diesem Land keine Prägung behalten haben will außer der Erinnerung an die "Demütigung des Intellekts".Und er meint eigene Generationserfahrung, wenn er für einen Wendepunkt der Literatur nach dem Tod des Geistes, für den unklassischen Klassiker Büchner spricht: "Autopsie ist der sicherste Weg zum Verlust des Glaubens." Heiner Müller, der Grünbein die Festrede hielt, bestätigte ungewöhnlich sanft: "Seine Bilder sind Röntgenbilder Das Geheimnis seiner Produktivität ist die Unersättlichkeit seiner Neugier auf die Katastrophen, die das Jahrhundert im Angebot hat." Grenzerfahrung Ironische Sprachbalance zwischen dunkler Melancholie und "dem härteren Ton" der bloßgelegten Nervenfasern lassen vermuten, daß Grünbein Schreiben eine Grenzerfahrung ist. Eben dies mag die Jury bewogen haben, den Preis - dotiert mit 60 000 Mark - für ein Werk zu vergeben, das vier schmale Gedichtbände umfaßt. Darmstadt hielt noch zwei weitere Preise bereit: Den Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay erhielt Michael Maar für sein Buch über Thomas Manns "Zauberberg", der Preis für wissenschaftliche Prosa wurde an Gustav Seibt vergeben. Die ehrwürdige Dichter-Akademie hat sich mit der Preisverleihung deutlich verjüngt. +++