Darum muss Berlin kämpfen: "Bilderträume" von Ulla und Heiner Pietzsch in der Nationalgalerie: Ein Triumph der Sammlerkultur

Das alles hatte Berlin vor der Nase, und nur Eingeweihte wussten davon. Doch endlich erhält diese großartige Sammlung auch in ihrer Heimatstadt die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Wer je Ulla und Heiner Pietzsch im Grunewald besuchen konnte, dem gingen die Augen über angesichts der Schätze, die hier dicht an dicht an den Wänden hängen: Dalí und Picasso, Magritte und Delvaux, bis hin zu Francis Bacon oder Neo Rauch; eine ganze Kunstgeschichte, die um den Surrealismus als Kraftzentrum kreist. Unter der Decke schweben Calder-Mobilés, zahlreiche Skulpturen - Max Ernst, Masson, Laurens, Miró, Bellmer - sind stumme Mitbewohner. Hier leben zwei Menschen ganz intensiv mit der Kunst.In internationalen Händler- und Museumskreisen war die Sammlung längst ein Begriff. Zudem gab es Ausstellungen in Dresden, Venedig und Wien. Doch scheuten die Pietzschs bislang den Auftritt in Berlin. Nun ließen sie es doch zu, dass ihnen die Neue Nationalgalerie einen fürstlichen Empfang bereitet und Udo Kittelmann, der neue Direktor, seine Qualitäten als Ausstellungsregisseur offenbart: Mit eingebauten Glaswänden, Fenstern und Ecknischen erhält das Museum auf einmal den Charakter eines edlen Bungalows. Eine Atmosphäre der Privatheit weht durch die Räume des Museumstempels.Über 300 Werke gehören heute zur Sammlung. Ein prägendes Erlebnis für Heiner Pietzsch war die legendäre "Allgemeine Deutsche Kunstausstellung", die er 1946 als Sechzehnjähriger in seiner Heimatstadt Dresden sah. 1951 ging er nach Ost-Berlin, wo er Ulla kennenlernte und bald darauf in den Westteil der Stadt wechselte. Sein Vermögen machte er mit dem Handel, später auch mit der Produktion von Kunststoffen. Von einigen Teilen der Firmengruppe hat sich Pietzsch mittlerweile getrennt, aber immer noch gehören vier Betriebe zum Unternehmen. Nach wie vor kümmert sich der 79-Jährige um die Geschäfte.Das erste Kunstwerk erwarben er und seine Frau 1964 in der West-Berliner Galerie Springer, ein Blatt von Gerhard Altenbourg. Ein Auslöser, sich dem Sammeln systematisch zu widmen, war Ende der Sechziger die Begegnung mit Max Ernst bei einer Ausstellungseröffnung in Hannover. "Er hatte nur Augen für meine Frau, ich interessierte ihn nicht", erzählt Heiner Pietzsch. Er war damals vor allem den abstrakten Amerikanern wie Pollock, Rothko oder Newman zugetan. "Aber die lagen Ulla nicht so sehr." Sie hingegen interessierte sich für Freud, die Traumdeutung und mystische Strömungen, aber auch für die Verfremdungen von Magritte. So kamen die beiden zum Surrealismus, der zur gemeinsamen Leidenschaft wurde und heute womöglich in keiner zweiten Privatkollektion so facettenreich und klug ausgewählt zu erleben ist.Rund 180 Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Grafiken und Fotografien erlauben jetzt einen sinnlich aufregenden, aber auch höchst lehrreichen Rundgang durch die Vielfalt der surrealistischen Bewegung. Das Panorama reicht von den zwanziger Jahren bis in die Nachkriegszeit. Einige Werke aus dem Besitz der Nationalgalerie geben eine Ahnung davon, wie sich die Pietzsch-Kollektion hier einfügen könnte.Ein Zentralkünstler der Sammlung ist Max Ernst, der große Eingangssaal ist allein der ganzen Breite seines Schaffens gewidmet: die magischen Traumlandschaften und erotischen Verwirrspiele, die rätselhafte Kombinatorik der Motive, die Frottagen und Collagen. Es ist eine Parade musealer Gemälde und Skulpturen, daneben gibt es intime Blätter, selbst einen Indianerfetisch aus Ernsts Sammlung. Eines der bedeutendsten Ensembles bilden die Urfragmente aus Zement zur berühmten Skulptur "Capricorne", komplettiert von der Gipsversion und dem Bronzeabguss der Nationalgalerie.Nach diesem überwältigendem Entree geht es weiter mit den zerfließenden Traumlandschaften des Oscar Domínguez, mit gleich fünf Magritte-Gemälden, zu dem sich das schöne Patchwork-Bild des Museums bestens fügt, mit der weichen, biomorphen Formenwelt von Yves Tanguy, der in Deutschland leider so selten zu sehen ist. Bei Dalí zeigt sich, dass Pietzschs Mittel nicht unbegrenzt waren. Trotzdem kam eine konzentrierte Gruppe zusammen: drei kleine Bilder aus den Dreißigern, bevor er in schwüle Einheitsware abdriftete, daneben ein interessantes Experiment in Abklatschtechnik.Hans Bellmer, der die Surrealisten von Berlin aus mit seiner Puppen-Erotik begeisterte, ist abwechslungsreich zu sehen. Der noch zu wenig bekannte Wolfgang Paalen bringt sich mit einem merkwürdig gedehnten, verzerrten "Gefieder" in Erinnerung, während Victor Brauners andeutungsreiche Motivtravestien gleich eine kleine Werkschau ergeben. Dass die surrealistischen Künstlerinnen, etwa Leonor Fini, Dorothea Tanning oder Laura Carrington, nicht fehlen, darauf legte Ulla Pietzsch besonderen Wert.Ein Höhepunkt ist Miró, den das Ehepaar so eindrucksvoll und vielfältig wie Max Ernst besitzt. Vor allem eine große brauntonige Komposition, durch die traumwandlerisch die magischen Requisiten schweben, würde keine Museumsdirektor je wieder abhängen, sollte er es einmal in seinem Bestand haben. Aber auch André Masson, mit seiner automatistischen Malerei und Zeichnung eine Zentralfigur des Surrealismus, gehört eine besondere Vorliebe der Sammler. Sie haben sich die Kunstströmung mit kunsthistorischem, durchaus auch enzyklopädischem Ernst erschlossen. Dabei sind sie nie ins bloße Abhaken von Namen verfallen, wichtiger war die Ausstrahlung der einzelnen Werke, die Vielfalt der Materialien und Gattungen, die Beziehungen der Stücke untereinander. Zudem erwarben sie von all ihren Malern Porträtfotografien von eigenem künstlerischen Wert, fahndeten nach den Zeitschriften und Büchern der Surrealisten.In den Achtzigern kam Heiner Pietzsch auf seine alte Freude an den Abstrakten Expressionisten in Amerika zurück. Systematisch trug er ihre Papierarbeiten der Vierzigerjahre zusammen, auf denen der Einfluss der Exil-Surrealisten in New York überdeutlich wird. Das freie Fließen der Formen, das Skriptorale und "tänzerische" Fahren über das Blatt, auch die Tröpfeltechnik, die Max Ernst in einer Galerie in Manhattan vorgeführt hatte: All das griffen Jackson Pollock, Mark Rothko, Arshile Gorky oder Ad Reinhardt auf und entwickelten daraus in den Fünfzigern ihre Bildsprachen, mit denen sie Epoche machten. So greift in der Sammlung die alte in die neue Welt und unterstreicht die Bedeutung der Surrealisten für das ganze 20. Jahrhundert.All das war in Berlin so noch nicht zu sehen, denn die Nationalgalerie hat hier eine empfindliche Schwachstelle. Jetzt müssen die richtigen Weichen gestellt werden, denn die Pietzschs würden den besten Teil ihrer Sammlung gerne dem Museum schenken und in die Kunstgeschichte der Moderne eingliedern. "Aber wir geben nichts fürs Depot", stellen sie klar. Der Mies-van-der-Rohe-Bau ist längst zu klein; immer wieder verschwindet die komplette Sammlung für Sonderausstellungen im Keller.Was also tun? Heiner Pietzsch favorisiert das Projekt einer Galerie des 20. Jahrhunderts, angesiedelt im Haus der jetzigen Gemäldegalerie. Vor zehn Jahren brachte der damalige Museumsgeneral Peter-Klaus Schuster die Idee auf. Der Umzug der Alten Meister auf die Museumsinsel würde endlich auch ihren angestammten Zusammenhang mit den Skulpturen im Bode-Museum wiederherstellen. Und der Mies-Bau könnte ausschließlich als Ausstellungspalais dienen. Doch dafür braucht es einen Neubau auf dem Kasernengelände am Kupfergraben; unter 100 Millionen Euro ist hier nichts zu machen. Wie soll das mitten in der Krise zu realisieren sein?Die Zeit drängt. Gelingt es nicht, den Pietzschs einen würdigen Ort anzubieten, dann bleibt diese herrliche Ausstellung für uns das, was schon ihr Titel verheißt: "Bilderträume". Andere Städte sollen schon Interesse angemeldet haben. Heiner Pietzsch schließt auch nicht aus, dass die Werke irgendwann wieder verkauft werden: "Dann haben andere so viel Freude wie wir daran."Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, bis 22. November. Di-Fr 10-18, Do bis 22, Sa/So 11-18 Uhr. Der Katalog kostet 25 Euro.------------------------------Die Sammler würden ihre Bilder gerne der Nationalgalerie schenken, aber die hat dafür noch keinen Platz.------------------------------Foto: Bildmagie, darin Tod und Zerstörung: Max Ernst malte das "Gemälde für junge Leute" 1943 während des Kriegs.------------------------------Foto: (2) Rätselhaft schwirren in Joan Mirós "Malerei" von 1925 (l.) die Requisiten über den braunen Fonds: eine entrückte Zeichenwelt, ein Traumbild wie im Delirium. Für die New Yorker Künstler der Vierziger wurden die Surrealisten, die vor den Nazis flohen, zum prägenden Erlebnis. "Ikarus" heißt Jackson Pollocks Gouache von 1946 (u.), sichtlich von der rätselhaften Kombinatorik und der automatistischen Malerei beeinflusst.