Auf der Abschlussveranstaltung des 31. Internationalen Moskauer Filmfestivals (19.- 28. Juni 2009) sprach Russlands Kulturminister Alexander Avdejev von der besonderen Bedeutung, die Bildung, Kultur und Kunst gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise hätten. Dabei wurde nun aber ausgerechnet jetzt die staatliche Filmförderung eingestellt. Unerfindlich also, woher im nächsten Jahr kulturell bedeutsame russische Filme kommen sollen, die auch diesmal wieder den Schwerpunkt des Moskauer Filmfestivals bildeten. Internationale Filme von Rang sind hier bereits seit Jahren die Ausnahme, weil die - durchaus kompetent besetzte - Auswahlkommission erst zwei, drei Monate vor Festivalbeginn ihre Arbeit aufnehmen kann und sich dabei geradezu dogmatisch strikt an die Regel zu halten hat, dass Wettbewerbsfilme zuvor noch nicht öffentlich zu sehen gewesen sein dürfen. Die Produzenten- und Verleiherskepsis ist aber schon deshalb nach wie vor ungebrochen, weil es in Moskau noch nicht einmal einen internationalen Filmmarkt gibt.In diesem Jahr gingen gleich drei von fünf Festivalpreisen an russische Filme und ein weiterer an einen auf Russisch gedrehten ukrainischen Film. Lediglich der Preis für die Beste Regie ging an die Mexikanerin Mariana Chenillo für ihren beachtlichen Film "Fünf Tage ohne Nora". Festivalpräsident Nikita Michalkov erfüllte der Erfolg russischer Filme mit nationalem Stolz. Der bereits in den letzten Jahren zu beobachtende Russozentrismus provoziert indes Fragen nach dem internationalen Stellenwert dieses Festivals, bei dem Höhepunkte wie Michael Hanekes Cannes-Erfolg "Das weiße Band" in Nebensektionen nachgespielt werden. Gewiss nicht zufällig waren auch viele der gezeigten internationalen Filme voller Russlandbezüge.Im Unterschied zu manchen Juryentscheidungen früherer Jahre wurden aber diesmal tatsächlich überaus bemerkenswerte russische Filme ausgezeichnet: Die goldene Statue des Heiligen Georg, der Grand Prix, ging an "Petjas Weg in den Himmel", der Regisseur Nikolaj Dostal erzählt hier die Schrecken des Stalinismus aus ungewohnter Perspektive: Der ganz hervorragende Debütant Jegor Pavlov spielt Petja, einen mitleidig belächelten Simplicissimus, der die stalinistischen Ordnungsideale naiv verinnerlicht und sich mit einer Verkehrspolizisten-Uniform und einem Holzrevolver Respekt in einer allseits überwachten polaren Dorfsiedlung verschaffen will. Am Ziel seiner Träume glaubt er sich, als er sich an der Verfolgung zweier Gulag-Häftlinge beteiligt, die im Chaos nach Stalins Tod einen Ausbruch wagten. Doch sein Traum endet tödlich, versehentlich wird er dabei selbst erschossen. Nikolaj Dostal durchbricht in diesem Film längst automatisierte Bild- und Erzählklischees und macht so die inneren Strukturen der totalitären Herrschaft neu und psychologisch nachvollziehbar erlebbar.Alexander Proschkin greift in "Das Wunder" ebenfalls ein historisches Ereignis der Sowjetzeit auf: 1956 kam es in Samara zu einem "Ikonenwunder", das nicht nur die Nomenklatura dieser Provinzstadt, sondern Chrustschov höchstpersönlich in Verwirrung bringt. Proschkins handwerkliche Meisterschaft lernte man bereits in seiner auf der Berlinale 2000 gezeigten Verfilmung von Puschkins "Russischer Revolte" kennen. Diesmal verbindet er sie mit dem im gegenwärtigen Russland auffälligen Interesse für transmaterielle Phänomene. Durch den Bezug zur realen Geschichte entgeht er allerdings den derzeit allgegenwärtigen Gefahren "spiritueller" oder "spiritistischer" Spekulation. - Besonders überraschte jedoch Karen Schachnazarov, der sich in seiner Adaption von Tschechovs "Krankensaal Nr. 6" glücklicherweise von den fragwürdigen Stilisierungen seiner letzten Filme zu einer quasidokumentarischen Nüchternheit befreit, die den resignativen Identitätsverlust der heutigen russischen Intelligenzija eindringlich beschreibt.Ein Ereignis der besonderen Art ist auch die "Drehwalzen-Melodie" der im ukrainischen Odessa russischsprachige Filme drehenden Kira Muratova. In Berlin, wo sie 1990 für "Asthenisches Syndrom" einen Silbernen Bären und dann auch den Preis der Akademie der Künste erhielt, kennt man sie als Rebellin gegen eingefahrene Denk-, Bild- und Erzählstrukturen. Diesmal kreist ihr Film um obdachlose Kinder, die im zynischen Kiewer Neureichenmilieu nach ihrem Vater suchen. Die kleine Lena Kostjuk erhielt zurecht den Darsteller-Preis, doch eigentlich hätte Muratovas Film erheblich mehr verdient.Der einzige Preis der Sektion "Perspektiven" ging an Vano Burdulis georgischen Film "Konflikt-Zone". Nach dem Trauma des russisch-georgischen Krieges sollte damit sicher, wie auch mit einer Retrospektive sowjet-georgischer Filme und der Ehrung des Klassikers Rezo Tscheidzes für sein Lebenswerk, ein Zeichen gesetzt werden. Schade allerdings, dass Giorgi Ovaschwilis erheblich gegenwartsbezogenere Odyssee eines zwölfjährigen Flüchtlings aus Abchasien wegen einer Vorführung im Kinderfilm-Wettbewerb der Berlinale nur "außer Wettbewerb" laufen durfte. Denn dieser Film ist tatsächlich eine der seltenen großen Entdeckungen dieses Jahres.Noch eins: Alexander Kluges Film "Nachrichten aus der ideologischen Antike: Marx - Eisenstein - Das Kapital" stieß auf großes Interesse in Moskau. Man wollte wissen, was der deutsche Regisseur aus Eisensteins seinerzeit von Stalin höchstselbst verbotenem Projekt gemacht hat: Mit der Methode von James Joyces "Ulysses" wollte Eisenstein die Argumentationslogik von Karl Marx' "Kapital" "verfilmen". Das Buch ist in Zeiten der Krise ja wieder gefragt.------------------------------Foto: Macht die Strukturen totalitärer Herrschaft neu erlebbar: Nikolaj Dostal, Regisseur von "Petjas Weg in den Himmel".Foto: Linientreu bis in den Tod: Der Gewinnerfilm "Petjas Weg in den Himmel" führt zurück ins Jahr 1953.