Schrill und durchdringend reißen die Sirenen Venedig aus der morgendlichen Sonntagsruhe: Das Wasser kommt! In zwei bis drei Stunden wird der Höchststand der Flut erwartet.Beim ersten Alarm Ende Oktober, zwei bis drei Wochen früher als erwartet, hatte ich noch keine Gummistiefel und lernte die Venezianer als schlaue Händler kennen: Innerhalb von drei Tagen stiegen die Preise proportional zum Wasser von 15 000 auf bis zu 49 000 Lire. Inzwischen bin ich gewappnet für Spaziergänge bei Hochwasser. Früh morgens werden die Überschwemmungen noch kaum wahrgenommen und doch scheint die Stadt über Nacht eine andere geworden zu sein. Als vor über 1 000 Jahren eine ganze Stadt in eine sumpfige Lagune gebaut wurde, schien der Mensch über die Natur gesiegt zu haben. Wasser und Stein wurden hier in rätselhaft harmonischer Weise vereint und die prunkvollen Palazzi genießen seit jeher eitel ihre Verdoppelung im Spiegel des Canal Grande. Inzwischen wird dieses anmaßende Projekt alljährlich durch das Aqua Alta hinterfragt. In kürzester Zeit verändert das Wasser die Perspektiven: Die Kanäle werden mächtiger, erobern langsam die Gehwege. In einer Stadt, in der der Mensch stets auf die Kanäle hinunterschaut, scheint er mit dem steigenden Wasser zu schrumpfen. Riesengroße Boote und Gondeln stehen am Ende einer Gasse bereit, um bald auch den steinernen Teil der Stadt befahren zu können. Plötzlich ist offensichtlich, dass das Wasser in dieser Stadt das ursprüngliche Element ist, das seinen ihm seit jeher gebührenden Platz einfordert. Der Markusplatz ist der stärkste Anziehungspunkt jedes Aqua-Alta-Touristen. Hier kommt das Wasser weder aus den Kanälen noch aus dem Meer. Hier kommt es von unten. Es quillt aus den kleinen Löchern der venezianischen Gullys, dreckig und stinkend. Gleichzeitig erinnern die übersprudelnden Gullys an zierliche ebenerdige Springbrunnen. Auch das Wetter passt zu der "Inszenierung": Keine wochenlangen Regengüsse und Unwetter, wie man es in Deutschland bei Sturmfluten kennt. Keine brechenden Deiche, keine Notmauern aus Sandsäcken, keine Flüsse, die zu reißenden Strömen werden. In Venedig ist es manchmal der Regen, vor allem jedoch der Scirocco, der das Wasser in die Lagune drückt und die Flut verstärkt. Die Temperaturen steigen an, und nicht selten herrscht bei Aqua Alta schönster Sonnenschein, wenn das Wasser unaufhaltsam in die Stadt dringt. Die Serenissima hat sich stets damit gerühmt, die einzige Stadt ohne Stadtmauern zu sein. Die Republik Venedig war so mächtig und stark, dass sie ihr Herrschaftszentrum, das Ensemble aus Dogenpalast, Basilika und Markusplatz, so platzierte, dass es sich geradezu provozierend dem Meer hin öffnete. Das Meer selbst wurde niemals als Gefahr angesehen, es war vielmehr das Urelement, aus dem Venedig in mythologischer Anlehnung an Venus gestiegen war. Und wie hätte ein Staat die Beziehung zum Meer inniger ausdrücken können, als durch das jährliche Fest des Sposalizio del Mare, der Vermählung mit dem Meer, bei dem der Doge dem Wasser feierlich einen Ring übergab? Heute werden nur noch die Abwässer dem Meer übergeben. In den an den Markusplatz grenzenden Gassen bringen die Ladenbesitzer ihre Hochwassersicherungen an, etwa 30 Zentimeter hohe Metallplatten, die das Eindringen des Wassers zumindest erschweren sollen. In den Bars läuft der Betrieb indessen normal weiter. Die meisten Venezianer haben schon lange aufgehört, über das Aqua Alta zu reden, geschweige denn darüber zu schimpfen. Dabei sind gerade die Geschäftsinhaber rund um den Markusplatz durch das Hochwasser doppelt bestraft. Zum einen haben sie die Mühe, ihre Läden nach der Flut zu reinigen, denn auch die beste Hochwassersicherung kann das Wasser nicht vollkommen abhalten; zum anderen erleiden sie finanzielle Einbußen, weil weniger Kunden kommen. Kein Wunder, dass manche Touristen grimmige Blicke auf sich ziehen, wenn sie ihre Hochwasser-Begeisterung kundtun und Fotos schießen. Nach einem Frühstückskaffee schlendere ich durch das Viertel und registriere die unglaubliche Bandbreite an venezianischen Gummistiefeln: Es gibt sie nicht nur in schwarz und grün, es gibt sie auch in weiß, in beige, in braunem Lederimitat, mit Pelz gefüttert, lackiert, mit kleinem, großen, dicken oder dünnem Absatz. Das Hochwasser hat in Venedig eine eigene Moderichtung ins Leben gerufen. Inzwischen ist der Markusplatz randvoll mit Wasser. Vor der Basilika drängeln sich die Touristen auf den Holzstegen, den Passarelle. Das Wasser kommt ihnen schon bedrohlich nahe. Polizisten stehen mit hüfthohen Gummistiefeln im Wasser und treiben die Touristen zum Weitergehen an: Avanti, avanti, andiamo avanti! Wenn das nicht hilft, ertönt ein greller Pfiff aus der Trillerpfeife. Die Holzstege sind gerade breit genug, um in zwei Richtungen begangen zu werden. Die Polizisten sind streng und von ähnlichen Massenszenen während des Karnevals einsatzerprobt: Niemand darf hier angesichts der Schönheit der Basilika auch nur einen Augenblick verweilen. Mühsam erreiche ich ein Vaporetto. Natürlich ist es bei Hochwasser überfüllt, die Leute drängeln und sind gereizt. Einige Boote, die sonst kleinere Kanäle befahren, müssen bei Aqua Alta ihre Routen ändern bei dem hohen Wasserstand kommen sie nicht mehr unter den Brücken hindurch. Ähnliche Probleme hat auch die Müllabfuhr oder der Krankentransport. Das Hochwasser mischt sich in Venedig in alle Lebensbereiche ein. Wie sehr es außerdem an der Bausubstanzen zehrt, wie viele Tage im Jahr San Marco überspült ist, wie sehr nach Lösungen gesucht wird, macht betroffen und hilflos zugleich. Und trotzdem gehört das Aqua Alta zu den faszinierendsten Ereignissen in Venedig.SERVICE // Wetter: Es kann so dichter Nebel herrschen, dass man nicht mehr über den Canal Grande schauen kann; es gibt aber auch Tage mit Sonnenschein bei strahlend blauem Himmel.Veranstaltungen: Im Palazzo Grassi "Die Renaissance in Venedig und die Malerei des Nordens zur Zeit von Bellini, Dürer, Tizian", bis zum 9. Januar 2000, täglich 10 19 Uhr, Eintritt 14 000 Lire.Peggy Guggenheim Museum: "The Timeless Eye", Werke aus der Sammlung Jan und Marie-Anne Krugier-Poniatowski aus dem 15. bis 20. Jahrhundert, bis zum 12. Dezember, täglich außer Dienstag 11 18 Uhr, Eintritt 12 000 Lire.Antiquitätenmarkt auf dem Campo San Maurizio am 19. und 20. Dezember.Karneval in Venedig vom 25. Februar bis 7. März 2000. Sonntag, 27. 2. , 12 Uhr ist offizielle Eröffnung mit Umzügen.Übernachten: Die Preise der Hotels sind in der Nebensaison (von November bis Karneval) teilweise bis zu 50 % reduziert und sind in der Woche deutlich geringer als am Wochenende. Buchungen sind in den meisten Hotels auch noch sehr kurzfristig möglich. (Zentrale Hotelreservierung: 0039/041/5 22 22 64).Empfehlenswerte Hotels: Santa Marina (Castello), Tel. : 0039/041/5 23 92 02, DZ 300 Mark; Canaletto (Castello), Tel. : 0039/041/5 22 05 18, DZ 180 Mark; Dalla Mora (Santa Croce), Tel. : 0039/041/71 07 03, DZ 140 Mark.Auskünfte: Azienda di Promozione Turistica, 30122 Venezia, Tel. : 0039/041/5 29 89 27; Fax: 0039/041/5 23 03 99.