Seit einigen Wochen hat die Auseinandersetzung um das Urheberrecht einen neuen Höhepunkt erreicht. Spätestens seit der Leipziger Buchmesse im März muss auch der hartnäckigste Verteidiger des Buchdrucks einräumen, dass die Lesemaschinen für elektronische Bücher inzwischen so gut geworden sind, dass sich auf ihnen problemlos längere Texte lesen lassen. Firmen wie Texttunes bringen Literatur sogar aufs iPhone, und beileibe nicht nur junge, neue Literatur, nein, auch Siegfried Lenz' "Schweigeminute" lässt sich nun auf dem Hipstergerät lesen.Das ruft Probleme auf den Plan. Wie der Buchhandel an der Entwicklung der Musikindustrie lernen könnte, bringt die digitale Aufbereitung von Kunstwerken unweigerlich die einfache, billige Kopiermöglichkeit mit sich. Das heißt, dass Verlage um ihre Gelder, Autorinnen und Autoren um ihre Tantiemen gebracht werden können, da sich die Texte auch einfach illegal verbreiten lassen. So verwundert es nicht, dass über 2 000 Autoren und Verleger den sogenannten "Heidelberger Appell" unterschrieben haben, unter ihnen Hans Magnus Enzensberger und Günter Grass und jüngere wie Björn Kuhligk oder Nina Jäckle. Auch ich habe unterzeichnet.In dem Appell wird die Politik aufgefordert, "das bestehende Urheberrecht, die Publikationsfreiheit und die Freiheit von Forschung und Lehre entschlossen und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verteidigen". Der Initiator Roland Reuß hatte dabei besonders Google Books im Sinne, in welchem der Weltkonzern Google alle in Bibliotheken stehenden Bücher einscannen und für alle - kostenlos - verfügbar machen will. Google offeriert den Autorinnen und Autoren dafür einen einmaligen kleinen Obolus sowie Beteiligung an den auf Google Books erzeugten Werbeeinnahmen - dass klingt zunächst fair.Doch sind diese Werbeeinnahmen erstens nicht zu kontrollieren, zweitens ist nicht sichergestellt, dass Google seine Internetbibliothek für immer und ewig umsonst zur Verfügung stellt, drittens sind die dort frei verfügbaren Bücher nicht mehr so gut verkäuflich, eine Nachauflage eines solchen gescannten Buches ist trotz eines großen Interesses vonseiten des Publikums nicht sehr wahrscheinlich. Vor allem aber können die Autoren nicht mehr untersagen, dass ihre Werke auf diese Weise verfügbar gemacht werden, denn nicht die einzelnen Urheber verhandeln mit Google, sondern Interessenvertreter für die Gesamtheit der Autorinnen und Autoren.Reuß allerdings wendet sich zugleich gegen Open Access und die freie Verbreitung von Wissenschaftstexten im Netz. Das hat den internetaffinen Autor Peter Glaser dazu bewogen, seine Unterschrift unter den Appell zurückzuziehen. Er schieb an Reuß: "Unterschrieben hatte ich, da ich, wie viele, mit zunehmender Skepsis die tektonischen Verschiebungen im Umgang mit Texten und Publikationen sehe, die Google aggressiv vorantreibt. Für Google ist die Welttextmasse einzig als Werbeumfeld interessant, dieser Wertverschiebung müssen wir entgegentreten. (...) Ihre Auffassungen zu Open Access, die ich in keinem Punkt teile, habe ich als einen missglückten Appendix angesehen; zumal die Google-Problematik und Open Access kaum etwas miteinander zu tun haben. Ich hatte die naive Hoffnung, dass die Debatte vom ersten Teil des Aufrufs getragen würde." Allerdings häuften sich Artikel von Reuß und Mitstreitern in denen immer schärfer gegen Open Access vorgegangen wurde. Man konnte manchmal fürchten, dass Reuß allein die Interessen der Verlage vertrete, und die der wissenschaftlichen Bibliotheken gleich für kriminell erklärte. "Diese zum Teil haarsträubenden, 'Im Namen der Freiheit' vorgetragenen Vorstellungen kontaminieren den Heidelberger Appell insgesamt", meint Glaser.Glasers Brief benennt das Dilemma, in dem wir uns befinden. Auch der Jurist Lawrence Lessig tut dies, den die Böll-Stiftung am vergangenen Freitag in die Sophiensaele geladen hatte. Vor völlig überfülltem Haus sprach Lessig launig darüber, dass das Copyright, wie es in den letzten hundert Jahren bestand, nicht mehr fortbestehen könne.Sei die kreative Arbeit im vergangenen Jahrhundert vor allem einer kleinen Gruppe von Menschen vorbehalten gewesen, während der Rest diese nur habe konsumieren können, so könne über die Remix-Techniken jeder kreativ arbeiten. Garant dafür sei das Internet. Das Kunstwollen und das Kopierenwollen im Internet wird sich jedenfalls nicht einschränken lassen, egal, ob man die Internetuser nun kriminalisiert oder nicht. Mit harschen Verboten oder gar einer Angst vor dem User ist dem Buchhandel nicht geholfen, er wird, wenn er sein Denken nicht ändert, und mit den Copyright-Kritikern nicht schon jetzt diskutiert, ebenso vor dem Internet untergehen wie die Musikindustrie.Andererseits widerspricht selbst Lessig jenen Leuten, die das Internet wie einen Götzen verehren und daher glauben, dass alles, was ihre Ansprüche versteht und berücksichtigt - etwa Google - wie ein Prophet zu behandeln sei. Lessig sieht deutlich, dass sich Google die Weltbibliotheken als Privatbesitz einverleibt, und dass die Firma, sollte es ihr danach sein, sicher auch Gebühren für die Einsicht in die jetzt frei verfügbaren Bücher verlangen werde. Daher, so Lessig - der selbst sein neuestes Buch im Internet frei zugänglich gemacht hat -, könne er es verstehen, wenn Autorinnen und Autoren sich dagegen wehren, von Google entmündigt zu werden.Bei dem freien Zugang zu Wissenschaftstexten hingegen gibt sich Lessig moralisch - Forschungsergebnisse müssten frei zugänglich sein, damit sie den Menschen helfen können. Das ist richtig. Doch ist Lessig kein Kommunist. Er will nicht, dass die Gesellschaft, dass Staaten für die Wissenschaft bezahlen. Er murmelt stattdessen erstaunlich verdruckst davon, dass es Wege geben müsse, vielleicht Stiftungen, die Wissenschaftspublikationen bezahlen könnten.Lessig will nicht aus der kapitalistischen Marktwirtschaft aussteigen, er will sie zum Guten hin reformieren, hat aber, wie jeder Sozialdemokrat, keine Antwort auf die Frage, wie das Schöne und Gute denn finanziert werden solle. Mittelfristige Enteignung der Kreativen und Wissenschaftler bei grundsätzlicher Beibehaltung der kapitalistischen Warenwirtschaft - das ist nicht die Antwort auf die drängende Frage, wie mit der neuen Medienwelt umzugehen sei.------------------------------"Für Google ist die Welttextmasse einzig als Werbeumfeld interessant, dieser Wertverschiebung müssen wir entgegentreten." Peter Glaser------------------------------Foto: Google verleibt sich die Weltbibliotheken als Privatbesitz ein.