Das Amt und seine willigen Helfer

Auf fast 900 Seiten hat eine unabhängige Historikerkommission nachgewiesen, wie tief das Auswärtige Amt (AA) in den Holocaust verstrickt war, und wie weit die Vertuschung nach dem Zweiten Weltkrieg reichte. Ein Mammutwerk, das der Historiker Wolfgang Wippermann in der Jüdischen Allgemeinen in einem Satz zusammenfasst: "Tatsächlich war das AA vor 1945 eine verbrecherische Organisation (Eckart Conze)' was es nach 1945 in einer Weise verschleierte, die schon fast kriminelle Züge hat." Denn 1979, daran erinnert Wippermann, hatte es in einer Broschüre des Auswärtigen Amtes noch geheißen: "Das Auswärtige Amt leistete den Plänen der NS-Machthaber zähen, hinhaltenden Widerstand, ohne jedoch das Schlimmste verhüten zu können."Verantwortlich für Leugnung und Verdrängung der NS-Vergangenheit waren nicht die Historiker, schreibt Wippermann, sondern die Täter selbst, die nach 1945 ihre Karrieren fortsetzen konnten, sich gegenseitig Persilscheine ausstellten und einander warnten, wie man es sonst nur von der Mafia kenne. Hinzu käme auch das Interesse der Alliierten, vor allem der USA, an "Experten in der Bekämpfung des Kommunismus und auch Experten der 'Israelfrage'. Das neue Referat 'Mittlerer und Naher Osten' des Bonner Auswärtigen Amtes war in personeller Hinsicht mit dem alten Referat 'Orient' fast identisch."Auch Journalisten haben ihren Teil dazu beigetragen, die Verstrickung des Auswärtigen Amtes in die NS-Vernichtungspolitik zu verschleiern, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Noch bis in jüngster Zeit musste jeder Historiker, der die Schuld der deutschen Diplomaten darstellen wollte, mit der erbitterten publizistischen Gegenwehr etwa von Rudolf Augstein oder Gräfin Dönhoff rechnen." Es habe nun eines ganzen Teams entschlossener Forscher bedurft, um das über viele Jahrzehnte perfekt unterhaltene System der historischen Umdeutung zu dekonstruieren.Eine Umdeutung, die notwendig war, um zu verschleiern, dass die Kontinuität der Eliten in Justiz und Wirtschaft, in den Ministerien und Beamtenapparaten vor und nach 1945 "Teil der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik" gewesen sei, wie die Tageszeitung taz schreibt: "Man brauchte effektive Eliten, die tun sollten, was sie konnten: funktionieren. Antifaschismus war etwas fürs Ausland und Sonntagsreden." Merkwürdig sei, dass man sich in dem Moment, in dem die Tätergeneration verschwunden ist, entsetzt zeige und fassungslos feststelle, was alles schon bekannt war, aber in den letzten Jahrzehnten niemanden so recht interessiert hatte. Sichtbar werde eine Moral post mortem: "Sie passt zu der bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigung, in der es große Symbole, schillernde Debatten, wichtige Reden gab - und Wegschauen, wo es um konkrete Karrieren ging."Nicht nicht nur die anderen Bundesministerien müssten sich nun ihrer Vergangenheit stellen, fordert Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, in der Schweriner Volkszeitung. Auch die deutsche Wirtschaft, Unternehmen und deren Nachfolger, müssten ihre Vergangenheit untersuchen. Jonas Rest