Zweihundert Meter unter der Erde, in einem ehemaligen Silberbergwerk im Schwarzwald, wird eine Sicherungskopie der deutschen Vergangenheit verwahrt.Große Edelstahlfässer stehen da aufgereiht wie in einer Brauerei, jedes bis zum Rand gefüllt mit Filmrollen, auf denen zentrale Dokumente der deutschen Geschichte nachzulesen sind: die Krönungsurkunde Ottos des Großen etwa, der Westfälische Frieden, die Akten des Prozesses gegen den Putschisten Adolf Hitler von 1924 - oder jener Brief des ZK der SED von 1959 an den Aufbau-Verlag, in dem streng nachgefragt wird, ob denn "der polnische revisionistische Literaturkritiker Ranicki, jetzt Bürger der Bundesrepubl ik", tatsächlich noch vom Verlag beschäftigt werde?Der Aufbau-Verlag, 1945 gegründet und der wohl bedeutendste literarische Verlag der DDR, hat bis zu deren Ende nicht nur 4 500 Neuerscheinungen produziert, sondern auch 1,2 Millionen Blatt an Archivalien. Briefe, Manuskripte, Schreiben der Partei, Gutachten zeugen davon, wie Literatur entstand, gepflegt und beschnitten wurde, in Zeiten von Teilung und Zensur, von knappem Papier und reichlich Personal. Viele westdeutsche Autoren fanden über diesen Verlag zum ostdeutschen Leser.Nun wird eine Kopie dieser Unterlagen, als erstes und einziges Verlagsarchiv überhaupt, in den "Zentralen Bergungsort" der Bundesrepublik verbracht. Das wurde am Dienstag in der Staatsbibliothek Berlin gefeiert, wo das Original-Archiv als Leihgabe lagert und allmählich zerfällt, weil das Papier so säurehaltig ist. Jetzt, so freute sich Bibliotheksleiterin Barbara Schneider-Kempf vor den Journalisten, werde das Archiv in Form einer Filmkopie "im Barbara-Stollen bei Freiburg für die Ewigkeit bewahrt." Oh nein, korrigierte der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, das die Verfilmung mit 240 000 Euro finanziert hat. Für mehr als 500 Jahre könne er leider nicht garantieren, sagte Christoph Unger.Der Unterschied fällt vorerst nicht so ins Gewicht. Wichtiger ist für die Bibliothekarin und für Aufbau-Verleger Bernd F. Lunkewitz, dass bei der Verfilmung nebenher ein zusätzlicher Nutzen abgefallen ist: Die Dokumente wurden nämlich sämtlich digitalisiert und sind nun auf einem Server abrufbar. Um Persönlichkeitsrechte und Urheberrechte zu schützen, könne man die Dokumente nicht über das Internet zugänglich machen, sagte Barbara Schneider-Kempf. Aber in der Staatsbibliothek Berlin, im Haus an der Potsdamer Straße, kann das Archiv von jedem Benutzer eingesehen werden. Jedenfalls theoretisch. In der Praxis gibt es nur ein einziges Terminal in der Handschriftenabteilung.