Über die Grenze zwischen Mensch und Tier disputieren Gelehrte seit Jahrhunderten. Die Philosophie fragt: Haben Tiere Vernunft, können sie denken? Die Linguistik: Können Tiere sprechen oder nur rudimentär signalisieren? Anthropologie und Biologie: Verhalten sich Tiere altruistisch, oder sind sie automatische Egoisten?Gleichzeitig hat die Mensch-Tier-Grenze moralische Konsequenzen für den Alltag. Bereits sprachliche Unterscheidungen trennen das lebende Tier vom Fleisch, zum Beispiel die Verwendung des Artikels. Jemand isst Huhn. Nicht: das Huhn. Die markierte Grenze zwischen Mensch und Tier garantiert dem Menschen, als Nutzer und Benutzer von Tieren vertraute Praktiken nicht zu sehr in Frage stellen müssen.Der Psychologe Roland Imhoff von der Universität Bonn ist diesem Phänomen auf den Grund gegangen. Zunächst fand er heraus, welche Charakteristika als biologische Ausstattung höher entwickelter Säugetiere und welche als menschlich angesehen werden. Zu letzteren zählen bestimmte sekundäre Emotionen - wie Trauer und Schuld - oder mentale Eigenschaften: Mitteilungsbedürfnis und Neugier.Bei der Untersuchung, welche Seelenlagen Menschen den Tieren zutrauten, ergaben sich signifikante Unterschiede zwischen Fleischessern, Vegetariern und Veganern. Dabei orientierten sich Vegetarier wenig und Veganer am schwächsten an der Grenze zwischen Mensch und Tier. Dieses Ergebnis allein war allerdings noch nicht besonders aussagekräftig. Es könnte ja sein, dass Vegetarier und Veganer einfach Menschen sind, die grundsätzlich zu Sensibilität, Empathie - oder auch nur zur Fantasie neigen. Die Wissenschaftler wollten aber die Plausibilität einer stärkeren These überprüfen: dass nämlich das Nicht-Zubilligen von komplexen Emotionen und mentalen Charakteristika eine gewisse moralische Entlastungsfunktion beim Fleischkonsum haben könnte. Dazu erfragten sie in einer weiteren Testreihe, wie jeweils Vegetarier und Nicht-Vegetarier die Emotionen von Hunden im Vergleich zu Schweinen einschätzten.Beides sind Säugetiere, und speziell bei Schweinen weiß man um deren hohe Intelligenz. Naheliegenderweise schätzten die befragten Vegetarier die emotionale Bandbreite von Hunden und Schweinen ähnlich ein. Fleischesser dagegen machten große Unterschiede, sie sehen einen breiteren Graben zwischen sich und Schweinen als zwischen sich und Hunden. Dass sie dies aus psychologischen Gründen tun, um Schweine guten Gewissens verspeisen zu können, wäre eine plausible Erklärung.Genauso interessant wie die Frage nach der Etablierung der Tier-Mensch-Grenze ist die, warum diese Grenze bisweilen durchbrochen wird. Manche Leute werden über viele Jahre hinweg über gedankliche Auseinandersetzung langsam zu Vegetariern. Bei anderen spielt sich die Wandlung plötzlich wie eine Art Bekehrung ab. Sie gehen in einen Tierpark, kommen als Vegetarier heraus und erzählen: Als ein Schwein sie "auf diese bestimmte Weise angeschaut" habe, sei ihnen klar gewesen, dass sie nie mehr Schwein essen könnten.Und dann gibt es, ganz abgesehen von der Fleischfrage, noch diese kleinen Episoden am Rande. Mit Nachbarn saßen wir auf der Terrasse. Tranken Kaffee, aßen Kuchen - und ärgerten uns über die Wespen, die uns in die Münder zu fliegen drohten. Jemand stellte eine halbvolle Limonadenflasche als Wespenfalle auf. Die Befriedigung hätte groß sein können, als die erste Wespe durch den Flaschenhals in die Flüssigkeit fiel.Es war aber nicht befriedigend. Das Tier strampelte um sein Leben. Das Tischgespräch verstummte, alle schauten auf die Flasche. "Das ist doch jetzt auch blöd", sagte die Nachbarin, die bis eben noch am lautesten über die Wespen geschimpft hatte - "die eine Wespe da quält sich, und für's Kuchenessen macht es keinen Unterschied." Wortlos nahm ein anderer die Flasche. Ging zum Rand der Terrasse, goss die Limonade behutsam aus, das Insekt krabbelte aus der Pfütze und flog davon. Uns Menschen war sofort viel leichter ums Herz.-----------------------Unsere Autorin lebt mit ihren Tieren in der Lüneburger Heide. Zuletzt erschien ihr Roman "Mihriban pfeift auf Gott" (DuMont).