BAD FRANKENHAUSEN, im Mai. Er wäre ja gerne selbst gekommen. Vier Jahre hat er sein wichtigstes Werk nicht mehr gesehen, und auch sonst gäbe es gute Gründe, wieder einmal zum Schlachtberg zu fahren. Genau dreißig Jahre ist es her, dass hier, im schütteren Kiefernwald über Bad Frankenhausen, der Grundstein zum Panoramamuseum gelegt wurde, das er ausmalen sollte. Und zum 75. Geburtstag hat ihm das Haus, das es ohne ihn wohl gar nicht gäbe, eine große Ausstellung ausgerichtet. Doch Werner Tübke ist krank, zu krank, um den kurzen Weg von Leipzig bis zum Kyffhäuser zurückzulegen.Ein paar Busse mit Wochenend-Ausflüglern quälen sich die enge Straße zum Schauplatz der letzten Schlacht der Bauernkriege hinauf. Rechts und links des Weges, da wo die Landsknechte der Fürsten Thomas Müntzers Bauernheer 1525 den Abhang hinuntergetrieben haben, stehen heute Wochenendhäuschen. Hier und da hat ein Nachgeborener die Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz aufgezogen. Im Wald erinnert ein sandbrauner Stein an die 6 000 toten Bauern und die hoffnungsvolle Aufschrift ihrer Fahne: "Freyheit". Frankenhausen war ein besonderer Ort für den Arbeiter- und Bauernstaat. In der Niederlage des Reformators Thomas Müntzer wollte man den Keim späterer Revolutionen erkennen. Müntzer zu feiern bot der DDR Gelegenheit, die eigenen Wurzeln etwas tiefer in den Humus der Geschichte zu treiben. Werner Tübke, der Begründer der Leipziger Malerschule und Manierist mit Vorliebe für die Renaissance, schien der richtige Helfer. 500 Jahre nach der Geburt von Thomas Müntzer, 1989 also, sollte sein Bild davon Zeugnis geben, welcher der beiden deutschen Staaten die guten, die fortschrittlichen Kräfte des Volkes repräsentiert. "Im 40. Jahr des Bestehens der Deutschen Demokratischen Republik können wir mit Genugtuung feststellen, dass in unserem Lande die Zukunftsvision Müntzers in Erfüllung gegangen ist", zitiert die "Tribüne" aus der Eröffnungsrede Kurt Hagers, der damals den kranken Erich Honecker vertrat. Das Volk der DDR habe getreu dem Vermächtnis Müntzers sein Recht auf Selbstbestimmung verwirklicht. Das war am 14. September 1989. Während Hager sprach, bahnten sich selbstbestimmte Bürger ihren Weg in den Westen. In Tübkes Stadt verdichteten sich die Montagsdemonstrationen, Tübkes Panoramabild "Die frühbürgerliche Revolution in Deutschland" war fertig und der Künstler stand sehnig neben den Repräsentanten des schwächelnden Staates. Vor dem Rundbau des Museums, den Journalisten wegen seiner Dimensionen Elefantenklo nannten, Gasometer oder Silo, ragten zwölf Fahnenmasten in den Himmel - sechs für die Staatsflagge, sechs für die der Partei. "Darf ich Sie bitten, mir zu folgen", sagte der hoch gewachsene Maler knapp und etwas verlegen zu den Honoratioren und stieg als erster die Treppen zum mandelförmigen Vorraum der Rotunde hinauf. Hier sollten künftig Kundige die Besucher einstimmen, wie einst in den Vorhallen der Kirchen die noch Ungetauften an die Geheimnisse der Liturgie herangeführt wurden. Vor dem größten Ölbild der Welt durfte kein Laut die Andacht trüben. "Sakral" habe er sich die Atmosphäre im Saal vorgestellt, sagte Tübke, "wie in einer Kirche". Und wie in einer Kirche ist es geworden. Vom Vorraum tritt der Besucher in den schummrigen Zylinder. Nur langsam gewinnt das Licht an Kraft und fließt von oben über die Figurenfülle. Dann spricht doch einer ins Mikrophon. Es gibt zu vieles, was die Leute wissen wollen. "Die erste Frage ist immer - wo ist der Anfang", erzählt Tamara Pawliczek nach der Führung. Schwer zu sagen, bei einem runden Bild, dessen Deutung der Schöpfer stets vorsichtig vermieden hat. Man kann überall anfangen. Alles ist zyklisch - die Jahreszeiten, auch die Geschehnisse wirken, als hielte es der Maler mehr mit der Idee ewiger Wiederkehr des Gleichen als mit dem revolutionären Fortschritt. Aus winterlichem Feld ragt Breughels babylonischer Turm, Sinnbild erstarrter Macht, im Frühling tobt Müntzers Schlacht, im Sommer ziehen apokalyptische Endzeit-Visionen vorüber und im Herbst malte Tübke biblische Ursprungsmythen: Schöpfung, Sündenfall, Brudermord. Doch zunächst fesselt die schiere Masse: 90 000 Farbtuben quetschte Tübke in1 480 Tagwerken aus; die Leinwand ist aus einem Stück gewebt, 1,1 Tonnen schwer und kommt aus dem sowjetischen Textil-Kombinat Sursk. 14 Meter hoch ist das Bild und 123 Meter lang. 1 722 bemalte Quadratmeter sind das, verteilt auf einen Kreis von 40 Metern Durchmesser. 54 Millionen Mark soll das ganze gekostet haben. Das ging nicht ohne Widerstand ab. Der zuständige Direktor des Wohnungsbaukombinates Halle war der Stasi wegen seiner "völlig ablehnenden Haltung" aufgefallen. Der Mann hatte berechnet, dass das Projekt auf dem Schlachtberg "allein in einem Jahr den Bau von zwei Mittelschulen und zwei Vorschuleinrichtungen" verhinderte. Die Auftraggeber hingegen schien die Gigantomanie des Vorhabens in einen Rauschzustand zu versetzen. Keiner hatte bemerkt, dass ihnen Tübke unter der Hand das Thema verkehrte. Statt der bestellten Apotheose des Revolutionärs bereitete er ein riesiges Tagebuch gekleidet in historische Gewänder vor. "Teatrum Mundi" werden es Kunsthistoriker später nennen, Welttheater. Keine Spur von Verherrlichung der Revolution, Elend allerorten und Opfer, gestaltet in der Manier von Breughel und Bosch, von El Greco und Pontormo, von Tübke nicht zuletzt. Hoch über Müntzers Gestalt, die niedergeschlagen im Zentrum des Schlachtgetümmels zu sehen ist, stürzt Ikarus vom Himmel, der Urvater aller Hochmütigen. Luther sitzt ein Januskopf auf den Schultern. In Gutenbergs Druckerei, die im Gewimmel der Figuren steht, wagt Tübke sogar, die Zensur zu verhöhnen. Statt den Druckstock zu schwärzen, färbt der Arbeiter das bedruckte Papier schwarz ein. All das war den Auftraggebern entgangen, als sie Anfang der achtziger Jahre in Tübkes Atelier nickend vor 12 Metern bemalter Holztafeln standen. In zehnfacher Verkleinerung hatte der Maler das gesamte Bildprogramm entwickelt. Das Gewirr von 2 500 Figuren wirkte mächtig gelehrt, voller Anspielungen und Zitate, für Widerspruch fehlten den Auftraggebern die Argumente. Also ließ man ihn gewähren, stellte ihm Gehilfen bei und gab ihm, was an Geld nötig war. Es wurde immer mehr. Der Fertigteilbau erwies sich zudem als völlig unzureichend, Kondenswasser sammelte sich hinter dem Bild und drohte es zu zerstören. Nicht alles, was Abhilfe schuf, konnte im Land selbst gekauft werden. 710 TVM (Tausend-Valuta-Mark), vermerkt die Stasi-Akte penibel, musste Honecker zur Schadensbehebung abzweigen. Mit einem Heer von Mitarbeitern, dachte Tübke, würde er gut dreißig Jahre an dem Werk arbeiten. Erst mussten die Tafeln in 900 Sektoren zerteilt und die Umrisse kopiert werden. Helfer übertrugen die Skizzen mit Hilfe von Projektoren auf die grundierte Leinwand. Dann machte sich Tübke ans Werk. Es sollte rascher gehen als erwartet. Mit fünf Gehilfen, von denen zuletzt nur einer blieb, beendete Tübke das Rundbild in vier Jahren."Es war wie in den Werkstätten der Renaissance", schwärmen die Tübke-Schüler Dietrich Wenzel und Wolfgang Böttcher noch heute. Sie waren damals in der ersten Phase dabei. Zwanzig Jahre später sind sie selbst anerkannte Künstler. Die Graphiker sind zur Ausstellungseröffnung zu Tübkes 75. Geburtstag auf den Schlachtberg gekommen, um den Meister wieder zu sehen. Die Frage nach der Schwierigkeit, im Stil eines anderen zu arbeiten, verstehen sie nicht. "Man macht die Pflicht für die eigene Kür", sagt Wolfgang Böttcher. "Wenn dabei ein Talent zerbricht, liegt es am Talent." Auch Wenzel verbindet nur positive Erinnerungen mit dem ungewöhnlichen Auftrag: "Ich sah es als eine Chance, als ein Zusatzstudium". Böttcher zieht aus dem Experiment sogar negative Rückschlüsse auf den heutigen Kunstbetrieb: "Das ist ein Manko der Moderne, dass sie alle Hoffnung auf das Individuum setzt". Und seine Frau Brigida sagt: "Früher sind die Künstler eben auf Wanderschaft gegangen.""Hochzeichnen" nannten sie die Übungsphase, die Tübke seinen Kandidaten im Vorraum abverlangte. Kleine Motive galt es unter den kritischen Blicken des Meisters auf zwei oder drei Meter Größe aufzublasen. Kreidezeichnungen im Stile Raffaels forderte er, später Experimente mit Farben. Tübke musste wissen, wem er welche Arbeit anvertrauen konnte. Das Ergebnis spricht für die Methode: "Ich kann nicht sagen, was von ihm ist und was von den anderen", gibt Dietrich Wenzel zu. Als die Mauer fiel, schien zunächst unklar, was mit dem Prestigeobjekt der SED werden sollte. Als erstes fiel der Name weg, den Tübke nie geliebt hatte. "Wenn ich heute ,Frühbürgerliche Revolution in Deutschland' höre, habe ich nur ein Bedürfnis - schreiend wegzurennen", sagte er nach der Eröffnung. "Wir stehen vor der Aufgabe, unsere jüngste Geschichte aufzuarbeiten", erkannte denn auch der damalige Direktor des Museums im April 1990. "Das Bild heißt künftig Panorama Bad Frankenhausen." Die Besucher ließen sich von den politischen Streitigkeiten nicht beeindrucken. Seit der Eröffnung kommen jedes Jahr über hunderttausend Menschen auf den Berg - "das sind mehr als alle Leipziger Museen zusammen verzeichnen", sagt Direktor Gerd Lindner stolz. In den Anfängen waren noch über fünfzig Mitarbeiter auf dem Schlachtberg tätig. "Sogar einen Gärtner gab es", erzählt Tamara Pawliczek. Nun sind sie gerade noch zwanzig. "Da müssen alle Führungen machen", auch sie, die für das Archiv zuständig ist und das Organisieren der Sonderausstellungen. Oder aber sie müssen Wein ausschenken bei der Vernissage zu Tübkes Geburtstagsschau. Das Buffet wird abgeräumt. Die ehemaligen Schüler des Meisters lehnen an einer Vitrine und schreiben eine Ansichtskarte an den "verehrten Professor Tübke". Der Bildausschnitt zeigt die Schlacht von Frankenhausen, über die sich ein Regenbogen spannt. "Damit er weiß, was er gemalt hat", sagt Brigida Böttcher und lacht.------------------------------Keiner der Auftraggeber hatte bemerkt, dass Tübke ihnen unter der Hand das Thema verkehrte. Seit der Eröffnung des Museums im Jahr 1989 kommen jedes Jahr über hunderttausend Menschen auf den Berg.------------------------------Foto: Siebzehn Monate nach Beginn der Arbeiten - Werner Tübke vor seinem Werk. 1987 schließlich war das Gemälde komplett, 1989 das Museum fertig.