Es gibt Leute, bei denen klingelt Sonntagmorgens um sechs der Wecker, damit sie ins Berghain gehen können. Wenn man um sieben im Club ankommt, ist man noch früh genug da. Vor Sonntagnachmittag endet hier selten eine Party. Trotzdem sei die Frühaufstehervariante nur fortgeschrittenen Berghaingängern zu empfehlen. Was sich einem hier eröffnet, ist ohne mehrstündige Aufwärmphase nicht immer leicht zu ertragen.Das Berghain ist ein Club der Extreme - in jeder Hinsicht. Vor allem die Panoramabar in der ersten Etage hat bei Musikkennern weltweit einen hervorragenden Ruf. Nicht wenige DJs empfänden es als Ritterschlag, hier auflegen zu dürfen. Das Programm gilt für die Bereiche Minimal Elektro und Techno als das beste der Stadt. Das Kölner Plattenlabel Kompakt lädt regelmäßig zu Abenden ein, genau wie die Berliner Kollegen von Perlon. Neben Newcomern wie DJ Rüde Hagelstein bespielen internationale Stars wie Richie Hawtin oder Ricardo Villalobos die Hallen. Im vergangenen Jahr wählte das Stadtmagazin Tip das Berghain zum besten Club der Stadt, das schwule Magazin Siegessäule sprach vom "sowohl musikalisch als auch sexuell innovativsten Club der Stadt." Wer würde da nicht hellhörig werden.Wenn man wissen will, wie es im Berghain aussieht, muss man schon hingehen und sich sein eigenes Bild machen. Im Club herrscht striktes Fotoverbot. Wer trotzdem versucht, heimlich Bilder zu knipsen, wird barsch des Hauses verwiesen. Aus der Ferne wirkt das 1954 erbaute ehemalige Heizkraftwerk für die Stalinallee in seiner strengen, neoklassizistischen Bauart wie ein düsterer Palast auf dem Gelände neben dem ehemaligen Wriezener Bahnhof. Auch der Anblick des Türstehers ist wenig beruhigend. Sven Marquardt trägt sein schwarzes Haar nach hinten gekämmt, sein Gesicht ist tätowiert und reich gepierct. Er entscheidet, wer rein passt oder nicht. Das soll weniger von der Garderobe abhängen als von der Einstellung - wie genau die beschaffen sein sollte, wird man hier nicht erfahren. Kleidung, die man auf keinen Fall tragen sollte, gibt es jedenfalls nicht.Drinnen fallen einem als erstes die überdimensionalen Schwarzweiß-Bilder an der Wand im Foyer auf. Eine Installation des aus Danzig stammenden Künstlers Piotr Nathan mit Motiven von Urgewalten, wie einem Orkansturm und Vulkanausbruch - man braucht kein großer Kunstkenner zu sein, um zu ahnen, worauf hier eingestimmt wird.Mitte der Neunzigerjahre veranstalteten die Macher des heutigen Berghains - die auch keine Interviews geben - im Technoclub Bunker ihre ersten Partys unter dem Titel Snax-Club, damals noch für ein ausschließlich schwules Publikum. Später eröffneten sie am Ostbahnhof den Technoclub Ostgut, der lange als die wichtigste Adresse für Technofans galt. Das Ostgut musste im Januar 2003 schließen, Ende 2004 wurde das Berghain als direkter Nachfolger eröffnet.Die Eindrücke überschlagen sich, hat man den Kern des alten Heizkraftwerks erreicht. Die Tanzfläche liegt zwischen hohen unverputzten Betonwänden, Stahlträgern und Säulen. Der bassbetonte Minimal-Sound scheint wie geschaffen für den Werkscharakter der ehemaligen Turbinenhalle. Selbst ein Teil des Publikums fügt sich optisch ins Bild. Im internationalen Publikum, darunter sind stets viele Spanier und Amerikaner, entdeckt man oft Männer, die aussehen, als hätten sie gerade noch den Kessel befeuert. Mit kahl geschorenen Köpfen tanzen sie schwitzend, mit nackten und oft hervorragend trainierten Oberkörpern, das Hemd steckt dabei an der Seite am Gürtel ihrer Armeehose. Auf dem Weg zur Toilette hat man das Gefühl, durch die Kulissen eines surrealen Videoclips zu wandeln. Der Weg führt an einer Reihe dunkler Separees vorbei, in denen keine Szene der anderen gleicht. In einer Nische diskutieren zwei Frauen, in der nächsten hält sich ein Paar eng umschlungen, etwas weiter schlüpft ein Muskelbepackter in sein winziges T-Shirt. In den frühen Morgenstunden sind die Leute von der durchtanzten Nacht aufgewühlt, sie verlieren zunehmend die Hemmungen. Es kann passieren, dass man von einem Unbekanntem einen Kuss bekommt, oder eine musikbegeisterte Frau plötzlich einen leidenschaftlichen Vortrag über das soeben gehörte DJ-Set hält, bevor sie einem um den Hals fällt.Die Elektro-Musikerin Peaches wurde mal in einem Interview gefragt, wie sie sich den perfekten Club vorstellt. Unter anderem wünschte sie sich einen Extraraum für Sex und Drogen. Das Berghain müsste ihr gefallen. In den angrenzenden, so genannten Darkrooms finden Interessierte in Sachen Sex zueinander. Bei Schwulenpartys oder in schwulen Saunen sind solche Darkrooms Standard. Dass dabei allerdings, so wie im Berghain, neben den Homo- und Bi-Sexuellen immer wieder auch aufgeschlossene Heterosexuelle einkehren, ist ungewöhnlich.Das Ungewöhnliche ist das Prinzip des Berghains, ihm bleibt der Club treu. Gerade erst wurde die Elektro-Oper After Hours aufgeführt. Fürs nächste Jahr hat das Berghain eine Kooperation mit dem Staatsballett angekündigt.------------------------------Bereits erschienen: Rio (2.11.), Kaffee Burger (3.11.), Q-Dorf (4.11.), Bangaluu (9.11.), Watergate (10.11.)Am Donnerstag lesen Sie: White Trash Fast Foodwww.berliner-zeitung.de/clubserie------------------------------Was geht und was nichtHier ist man unter: Muskulösen Glatzköpfen, Techno-Hippies und hübschen Spanierinnen.Es läuft: Minimal Elektro, Techno.Fühlt sich an wie: Eine Mischung aus Christopher Street Day und Ibiza-Rave - auf der Documenta.Preise: Eintritt ab 10 Euro. Bier 2,80 Euro, Wodka Red Bull 6,50 Euro.Besser nicht: Fotografieren. Sexuell eindeutig festgelegt sein.Wie komme ich hin? Mit der S-Bahn bis Ostbahnhof. Das Berghain liegt auf dem Gelände neben dem Hochhaus vom "Neuen Deutschland".Geöffnet ist Freitag und sonnabends ab 24 Uhr. Programm: www.berghain.de------------------------------Foto (3): Das ist unser Haus: das Berghain in Friedrichshain. Fotoaufnahmen im Club sind streng verboten.DJ Cassy legt regelmäßig in der Panoramabar auf und hat die erste CD zum Club gemixt. "Panoramabar 01" gibt es im Onlineshop vom Berghain.