Das Programm "Nur keine Mündigkeit vorschützen" wurde 1988 nur ein einziges Mal aufgeführt und dann "verboten". Die alte, witzige, volkstümliche und staatsfromme "Distel" war damals 35 Jahre alt. Es war das Ende des Staatskabaretts in der Hauptstadt der DDR.Die Wende 1989 war dann einfach das größere Lachen. Das Ende der DDR brachte auf den Demonstrationen Sprüche von epochaler Komik, Scharfsinn und Intelligenz hervor, um die sich die "Distel"-Autoren nur vergeblich bemühen konnten. Hätten die Kabarettschreiber in den Jahren zuvor den Witz und die Kühnheit der "Werktätigen" von 1989 besessen, sie wären hinter Schloß und Riegel verschwunden. Aber mutig waren sie nicht. Der eine oder andere der "Distel"-Barden hat gelegentlich vor "Kommissionen" gestanden, dann "Selbstkritik" geübt vor den Organen der Partei, aber die Partei hatte meist nur den warnenden Zeigefinger gehoben: Sie wollte das "parteiliche Lachen" als "Produktivkraft" fördern, denn am liebsten wäre ihr ja doch gewesen, die "Distel" hätte alle Probleme weglachen können.Aber sie konnte nur ein wenig lachen machen, war darin immerhin so erfolgreich, daß das noch staatstragendere DDR-Fernsehen niemals ein "Distel"-Programm ausstrahlte. Die Genossen des Fernsehens hielten die Genossen der "Distel" heimlich für "Konterrevolutionäre". Einzelne "Distel"-Kabarettisten waren auf dem Bildschirm oft präsent, aber mit extra geprüften Texten aus Adlershof. So war unser kleiner Schrebergarten: Was ein paar Zehntausend Zuschauer in der "Hauptstadt der DDR" sehen durften, das glaubte man noch lange nicht, der "ganzen Republik" zumuten zu können.Hinter den Kulissen der "Distel" hat es erregte Auseinandersetzungen gegeben, in die Öffentlichkeit sind davon nur Gerüchte gedrungen: beispielsweise über die "Abnahmen" unmittelbar vor der Premiere eines neuen Programms. Dann erschienen wichtigen Gesichts Funktionäre vom Kulturministerium, vom Magistrat und von der SED-Bezirksleitung Berlin, deren eigentliche Gefahr nicht so sehr in der politischen Kontrolle (für die grundsätzliche Bravheit sorgten die "Distel"-Dramaturgen schon selbst), sondern in ihrer oberlehrerhaften Besserwisserei bestand. Die Funktionäre hielten sich für ungemein sachverständig.Das anfangs genannte Programm "Nur keine Mündigkeit vorschützen" haben das ZK-Mitglied Hans-Peter Minetti (Kosename: Hans-Peter Sowjetti) und die heute zur "Kommunistischen Plattform" der PDS zählende damalige Kultursekreteuse der SED-Bezirksleitung, Ellen Brombacher, bei der "Abnahme" zu Fall gebracht. Sie haben es nicht "verboten", nein, sie haben nur dem Direktor Stark "dringlich nahegelegt", es "zurückzuziehen". Feige, wie er war, hat er es getan. Otto Stark, der Direktor der alten Distel, der dreißig Jahre hier Schauspieler war, der für Ostberlin so wunderbar exotisch wienerte und dafür heiß geliebt wurde, hätte eigentlich anständig, fast ruhmvoll gehen können. Otto Stark war kein Dummkopf.Dieses verbotene Programm von 1988 war mutiger als alle anderen zuvor. Es war das Wasser, das zum ersten Mal über den Rand floß; geschrieben von Hans Rascher und Inge Ristock, die noch heute die meisten Text verfaßt. Das Ensemble stand zum ersten Mal hinter dem Programm, hat wenigstens die Generalprobe "vor Freunden und Kollegen" erzwungen. Im Wendejahr hat sich Otto Stark, Jude aus Wien, Kommunist in der englischen Emigration, Charmeur und barocker Prinzipal, der das Theater am Bahnhof Friedrichstraße, direkt gegenüber dem S-Bahn-Loch nach Westberlin, 22 Jahre geleitet hatte, dann still getrollt. Er soll, so wird erzählt, zuletzt nur noch im Hof auf und ab gelaufen sein, weil er die Welt oben, von der "Distel"-Direktion aus, gar nicht mehr verstehen konnte. Stark tingelt jetzt, zusammen mit "Kuddeldaddeldu" Heinz Draehn, einem ehemaligen Werftarbeiter, in kleinen Sälen herum.Gegründet wurde die "Distel" 1953, um die Grauheit nach dem Aufstand aufzuheitern. Die "Distel" war immer ein professionelles Theater, teils mit vorzüglichen, beliebten Schauspielern (Werner Lierck, Werner Troegner, Robert Trösch, Ellen Tiedke, Gustav Müller, Brigitte Krause), mit sprachlich gepflegten Texten, was man jetzt wieder merkt, wo die neue "Distel" Texte der alten Westberliner "Insulaner" spielt: Diktatur verfeinert eben den Stil.Die "Distel" war sehr berlinisch im Ton, "intellektuell" war sie nie. Der Spottlust auf die Sachsen wurde gern und spaßig nachgegeben. Wenn der Vorverkauf für die Woche begann, stand die Schlange von der Kasse bis zum S-Bahn-Eingang. Beim Zuschauen hat man sich gern auf die Schenkel geklopft, die DDR-Intellektuellen haben das Etablissement eher gemieden. Otto Starks Frau, Ilse Maybrid, ein kesser Berliner Besen, spielte die fettesten Rollen, und am Ende der DDR wirkte im Staatskabarett auch die Tochter Miriam ganz ungeniert mit. Stark hat nach außen geschickt abgeschirmt und innen als Potentat regiert.Fuhr das Ensemble zwei-, dreimal im Jahr nach Westberlin ins Reichsbahnausbesserungswerk zum Gewerkschaftsgastspiel, nahm er seine Schäfchen an die Hand und paßte selber auf, daß sich keines ein Pornoheftchen kaufte. Da die "Genossen Künstler" den "Genossen in Uniform" gut bekannt waren, durfte die Gruppe in der Regel unkontrolliert die Grenze passieren. Die Schauspieler bekamen zwei Stunden Freizeit für den Kudammbummel, dann mußten sie pünktlich zur Stellprobe im Grunewald erscheinen. Immer waren alle pünktlich, haben Wurst geschmuggelt und Damenstrümpfe mitgebracht. Otto Stark, der immerhin 16 Schauspieler, vier bis sechs Musiker und zwei Spielstätten (Friedrichstraße und Hohenschönhausen) leitete, nannte sich bescheiden: Direktor. Gisela Oechelhaeuser, die "sächsische Gusche" aus Leipzig, die in der Wendezeit plötzlich auftauchte und die depressiv gestimmten Mimen munter aufmischte (und die meisten von ihnen hinauswarf), nannte sich nach der Privatisierung: Intendantin. Als solche hatte sie noch über maximal fünf Darsteller zu befinden. IM Gisela war Gesellschafterin geworden, zusammen mit dem Autor Peter Ensikat, dem Verwaltungschef Norbert Dahnke und der Thekenwirtin Brigitte Köppe. Den schlauen Satz, den die Stasi 1981 über Oechelhaeuser in ihre IM-Akte schrieb, hat keiner gelesen haben können: "So gibt es Hinweise darauf, daß sie zum Zwecke der Erreichung persönlicher Ziele ihre Handlungen und Äußerungen genau abwäge und sich dementsprechend verhalte." Gisela Keller, die Frau von Modrows Kulturminister Dietmar Keller, verfügt über die Fähigkeit, auf "jähe Wendungen" zu reagieren, wie das der Genosse Honecker formulierte. Sie war der Motor, das Kabarett "Distel" in den Kapitalismus zu transformieren. Sie schüttelt gern Hände, sie kennt die richtigen Leute, und sie ist eine ulkige Schauspielerin. Das Sächsische, das sie verkörpert, das, was in Ostberlin früher Quell des Spotts war, ist im Untergang der DDR zur verbündeten Mentalität aufgestiegen. Früher war Sachsen die fünfte Besatzungsmacht. Die "Distel"-Schauspieler Dagmar Jaeger, Edgar Harter, Gert Kießling, Stefan Martin Müller und Michael Nitzel verstehen ihre Kollegin Gisela Oechelhaeuser nach ihrer Enttarnung nicht. Sie hat den Respekt verloren, sie neigte dazu, sich Respekt zu verschaffen. So ein Kabarettchen ist wie eine Familie. Man weiß alles voneinander. IM Gisela hat ihre Familie hintergangen. Die "Distel" ist kommerziell erfolgreich, sie leistet sich für die Intendantin sogar ein Dienstauto. Die Vorstellungen sind fast ausverkauft, bei Gastspielen durch die bundesrepublikanischen Westprovinzen füllen drei, vier "Di-Fortsetzung auf Seite 11