Im Tagebuch von Richard Strauss findet sich 1947 das Gedicht "Im Abendrot" von Joseph von Eichendorff. Darüber ist ein Zeitungsausschnitt eingeklebt, der über die Zerstörung Dresdens sowie den Abtransport Dresdner Kunstschätze berichtet. Der 83jährige Strauss war zu jener Zeit bereits ein gebrochener, todkranker Mann; die das Gedicht beinhaltende Beschreibung eines alten Ehepaares, das am Ende eines gemeinsamen Lebens den Sonnenuntergang betrachtet und fragt: "Ist das etwa der Tod?", galt auch und gerade für ihn. Und für seine Frau Pauline, der er die 1948 vollendeten "Vier letzten Lieder", an deren Ende Eichendorffs "Im Abendrot" steht, widmete.Es ist ein berührender Augenblick, wenn die Sopranistin Elisabeth Meyer-Topsoe am Sonnabend im Konzerthaus diese Frage nach dem Ende stellt pianissimo, aber durchdringend, mit warmem Timbre, völlig zurückgenommen und doch sich entäußernd. Das Berliner Sinfonie-Orchester übernimmt diesen zweiflerischen, intensiven Tonfall, der sich in erstaunlichen Modulationen mehrere Momente lang nicht entscheiden kann zwischen müder, trauriger Resignation und lebenserfahrener Selbstgewißheit, und der schließlich in transzendentes Des-Dur mündet.Solch klangliche Verdichtung erreicht das von Rudolf Barschai dirigierte Orchester in den drei vorangestellten Vertonungen der Hesse-Gedichte "Frühling", "September" und "Beim Schlafengehen" nicht immer. Der Beginn etwa des ersten Liedes spiegelt die "dämmrigen Grüfte", von denen Hesse spricht, nur in Ansätzen wider, hier mangelt es an jenem, für den späten Strauss so typischen Klangsensualismus, der die zarten, irisierenden Farben bevorzugt. Im Verlauf der Lieder tritt dann hörbar bessere Nuancierung ein, das Orchester untermalt sensibel, Elisabeth Meyer-Topsoe nimmt mit fülliger, zugleich luzider Stimme für sich ein.Mehr noch tut dies die Interpretation der fünften Sinfonie von Pjotr Tschaikowski, sie darf mit Fug und Recht als grandios bezeichnet werden. Ihre hohe Kunstfertigkeit gründet sich auf ein Wesensmerkmal, das bei Tschaikowski oft unterbelichtet ist, nämlich auf eine glasklare, kraftvoll-prägnante Formulierung der musikalischen Ideen. Rudolf Barschai und das BSO modellieren mittels einer sehr sauberen Phrasierung die Strukturen der Sinfonie. Ein Beispiel: In der Durchführung des Kopfsatzes "singen" die Streicher das erste Thema, die Bläser stemmen sich dagegen mit dem eisern durchlaufenden Rhythmus des zweiten Themas. Erreicht wird dadurch eine extreme Trennschärfe, die Tschaikowskis Komposition nicht was häufig geschieht als sentimentales Rührstück denunziert, sondern den Blick für die Faktur des Werkes öffnet.