An der Frage, ob die Bläser-Bässe in den Opern Verdis nicht richtiger von Serpentone, Cimbasso, Ophicleide, Bombard oder Pelitton gespielt werden sollen, hat die Musikwissenschaft einen Aspekt der historischen Aufführungspraxis schon zu diskutieren begonnen. Es wird nicht lange dauern, bis auch an unseren Opernhäusern das historische Kolorit des melodramma zum Gegenstand praktischer Erprobung wird. Vermutlich wird man dann wieder froh von Entdeckungen sprechen, denn das heute verwendete Instrumentarium vermittelt die Idee des Kunstwerks, das mit anderen in einer exklusiven klanglichen Sphäre bewahrt wird, während sich mit den alten, dem Experiment und der regionalen Lebensweise unterworfenen Instrumenten eine Welt wieder aufschließt.Etwas von dieser Welt hat das Blasorchester der italienischen Luftwaffe am Sonntagvormittag in der Oper Unter den Linden aufleben lassen. Die Blaskapelle, die banda, wie sie in Italien heißt, ist ja nicht nur etwas, das Verdi zur Steigerung des Effekts in einige seiner Opern aufgenommen hat. Sie ist, in ihrer um die Holzbläser erweiterten Form, eine Existenzform der Opern selbst. Nicht nur wurden der Triumphmarsch aus der "Aida" und viele Ouvertüren ins bürgerliche und kleinbürgerliche Repertoire der Kapellen übernommen; die Opern selbst wurden in den vielen kleinen, seit Mitte des 19. Jahrhunderts noch einmal stark vermehrten kommunalen Theatern mit Hilfe der örtlichen banda aufgeführt. Ein solches Opernhaus kommt gelegentlich schon mit 40 Plätzen im Parkett aus und wird von der lokalen Gesellschaft der filodrammatici, der Theaterfreunde, betrieben. Noch heute lassen sich dort Aufführungen bis hin zu Opern Puccinis erleben, deren Orchester aus nicht mehr besteht als aus Klavier, Streichquartett, Flöte, Klarinette, Trompete und Fagott.Selbstverständlich spielte die banda der italienischen Luftwaffe in der Staatsoper den Triumphmarsch aus der Aida. Die Geigen sind durch Klarinetten ersetzt, Bratschen und Celli durch Saxofone. Verdi stellte sich vor, dass die ägyptischen Fanfarenbläser am König auf der Bühne vorbeiziehen, nun hatten die Luftwaffenmusiker aus Rom etwas Ägyptisches, so wie Verdis Ägypter seinerzeit etwas Preußisches hatten, angeregt vom deutsch-französischen Krieg. Etwas unerwartet hatte das Konzert am Sonntag mit dem Abspielen der deutschen und der italienischen Nationalhymnen begonnen, das Publikum sprang von den Sitzen und hörte im Stehen. Später wurde auf den Rängen auch durch Schwenken der italienischen Trikolore applaudiert.Es tat der Musik Verdis überhaupt nichts an, wie das Militärische und das Nationalgeschichtliche mit ihrer Aufführung auflebten. Das italienische Militär selbst ist, nicht anders als die Kultur der banda, ein Kind des italienischen Freiheitskampfes, auf dessen nachträglich angenommene Hymne, das "Va pensiero", in der Ouvertüre des Nabucco am Sonntag angespielt wurde. Der Werbeprospekt des Orchesters verweist auf die Cavour-Kaserne in der Hauptstadt Rom als Sitz des Ensembles, dort hat auch der Gründungsdirigent, Pietro Mascagni, im Jahr 1937 die Verbindung zwischen Militär und nationaler Operntradition hergestellt. Wie die rund 60 Musiker in ihren Uniformen auf ihren Stühlen Platz nehmen, das hat allerdings etwas bestürzend Ziviles. Zum Beifall präsentieren die Männer noch ihre Klarinetten, Saxofone, Flöten, Hörner, Bassklarinetten etc., dann stecken sie ihre Instrumente in den Mund, halten beide Hände daran fest und blasen Luft hinein. Die Bläser müssen sich anstrengen, die ursprünglich für Geiger geschriebenen Figurationen ordnungsgemäß auszuführen, und der Dirigent Patrizio Esposito, wie er treu mit beiden Armen das Gleiche dirigiert, signalisiert schon immer, dass es weder kompliziert noch hintersinnig wird.Die Szene hat aber auch etwas Stummes. Keiner bricht in Kriegsgeheul aus, es wird aber auch nicht gesungen, und das heißt, es folgt aus den Opernouvertüren nichts. Das Konzert hat folglich seine stärksten Stellen, wenn der Ausdruck ins Entseelte übergeht und die Töne maschinenhaft und abgehackt nebeneinander treten, wie bei einer Orgel, wo die Addition der Pfeifen die Lautstärke steigen lässt. Wenn in der rossiniartig anschwellenden Geschwindmarsch-Passage im Vorspiel der "Vespri Siciliani" Becken und Militärtrommel hinzutreten, wird immer auch das Tempo beschleunigt, der Hörer, eben noch in der Frage nach dem Trost der Geigen befangen, bemerkt seinen inneren Automaten, der sich freut.Etwas unerwartet hatte das Konzert mit dem Abspielen der deutschen und der italienischen Nationalhymnen begonnen.