Daniel Jonah Goldhagen war gut beraten, sein neues Buch "A Moral Reckoning" ("Die katholische Kirche und der Holocaust") zuerst in Deutschland herauszubringen. Denn inzwischen ist das Werk in den USA erschienen - und die Kritiken sind, milde gesagt, gemischt. Der Autor wirft Pius XII., dem Papst zu Hitlers Zeiten, vor, ein Antisemit gewesen zu sein, und ein Nazi-Kollaborateur, der den Holocaust ignoriert habe. Das wird nicht bestritten. Goldhagen wird eher dafür kritisiert, dazu nichts Neues erarbeitet zu haben. Noch mehr aber wird ihm sein polemischer Ton übel genommen. Goldhagen stören die Versöhnungsbemühungen des heutigen Papstes.Kritik an der katholischen Kirche fällt in den USA auf einen anderen Resonanzboden als in Europa. In den Staaten ist die Mehrheit der Bevölkerung protestantisch, John F. Kennedy war der erste und einzige katholische Präsident der USA. Es gab eine gewisse innere Verbundenheit zwischen Katholiken und Juden gegen das protestantische Establishment. Inzwischen aber haben sich nicht nur die christlichen Kirchen einander angenähert, auch die israelischen Lobbyorganisationen in den USA haben sich mit den konservativen Bible-Belt-Christen verbunden, gegen den gemeinsamen Feind, den Islam. "A Moral Reckoning" passt also nicht so richtig in die politische Landschaft.Hauptkritikpunkt der New York Times war: Goldhagen geriere sich nicht als Historiker, sondern als Ankläger. Er übertreibe die Bedeutung von Fakten, die ihm ins Konzept passten und lasse weg, was nicht passe, etwa Fälle, in denen Priester Juden geholfen hätten. Dabei wiederhole er Altbekanntes. Goldhagen "konstruiert kein echtes Argument und erzählt keine Story mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende", sondern folge nur der Maxime: "Sag es, sag es, sag es", so der Kritiker Geoffrey Wheatcroft. Ganz daneben liege Goldhagen, wo er sich mit dem Christentum befasse. "Christen glauben, die messianische Erlösung sei bereits gekommen, die Juden denken, sie komme noch." Man könne beides glauben oder auch nicht, aber zu fordern, die Kirche solle aufgeben, was den christlichen Glauben ausmache, zeuge von Unkenntnis.Auch die Washington Post wirft Goldhagen vor, dass er nicht über das hinausgehe, was etwa Rolf Hochhuth in "Der Stellvertreter" zu Tage gefördert habe. Nun ist dieses Phänomen nichts Neues: Grimms Märchen etwa wurden in Amerika erst richtig populär, nachdem Walt Disney sie verfilmt hatte. Jedoch war Goldhagen Professor der Eliteuniversität Harvard, von ihm erwartet man einen höheren Standard als vom Mickey-Mouse-Zeichner Ub Iwerks. Die Post meint weiter, die katholische Kirche tue zu wenig, den Graben zwischen ihr und dem Judentum zu beseitigen. So habe der Vatikan noch im Juni 2002 in dem jesuitischen Blatt Civilta Cattolica einen Text abgesegnet, der die damalige Antipathie der Kirche gegen die Juden mit deren angeblicher Verantwortung für die bolschewistische Revolution in Russland begründe. Der Boston Globe bemerkt, nicht die Aufdeckung von Antisemitismus in der Kirche sei neu an dem Buch, sondern das, was Goldhagen an Wiedergutmachung fordere: die Auflösung des Vatikans als Staat, die Unterstützung Israels, das Entfernen judenfeindlicher Passagen aus der Bibel. Härter allerdings wird Goldhagen von jüdischen Blättern angegangen. Der Forward ließ Eugene Fisher zu Wort kommen, für interreligiöse Angelegenheiten bei der katholischen Kirche zuständig. Fisher sprach von einem "bemerkenswert uninformierten Stück". Goldhagen lebe in einem Fantasyland. "Er ist ein trauriger Fall und sollte besser zum Psychiater gehen." Rabbi David Rosen vom American Jewish Committee ist laut Forward enttäuscht, dass Goldhagen Fortschritte in den christlich-jüdischen Beziehungen nicht zur Kenntnis nehme. Zitiert wird Israel Singer, Generalsekretär des World Jewish Congress und Vorsitzender einer christlich-jüdischen Dialoggruppe: "Juden können nicht immer wieder zu den Katholiken mit Forderungen kommen, so wie sie es die letzten 50 Jahre getan haben."Auch die Jewish Week zitiert Fisher: Goldhagen reihe sich bei denjenigen ein, die die Nazis reinzuwaschen suchten, indem sie den Holocaust dem Vatikan anlasteten. In der Jewish World zog Kolumnist Sam Schulman gegen den "unterbelichteten" Goldhagen vom Leder. Der habe kein Jota Originalrecherche getan, sondern nur die Polemik anderer zusammengefasst. Zudem unterschlage er, dass die protestantische Kirche im Dritten Reich mindestens ebenso antisemitisch gewesen sei. Nach Goldhagens Maßstab könne man auch Franklin D. Roosevelt vorwerfen, zu wenig für die Rettung der Juden getan zu haben."Ein bemerkenswert uninformiertes Stück" US-Kritiker über Goldhagens jüngstes Buch