BERLIN. Der Zusammenschluss von vier muslimischen Organisationen zu einem "Koordinierungsrat der Muslime" stößt auf widersprüchliche Reaktionen. Der Alleinvertretungsanspruch für in Deutschland lebende Muslime, den der Rat für sich erhebt, ist umstritten. Das Bundesinnenministerium, das diesen Schritt von den muslimischen Verbänden seit langem gefordert hatte, begrüßte allerdings gestern die Gründung des Koordinierungsrates. Dies sei ein "wichtiger und guter Schritt" im Dialog zwischen Staat und Muslimen, sagte ein Ministeriumssprecher."Demokratisches Mäntelchen"Die Mitglieder des am 28. März in Köln gegründeten Rates sind die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), der Islamrat, der Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ) und der Zentralrat der Muslime (ZMD). "Der Rat ist der zentrale Ansprechpartner, den die Politik immer gesucht hat", sagte Ayyub Axel Köhler, Vorsitzender des ZMD, der als erster Sprecher des Koordinierungsrates auftritt. Im sechsmonatigen Wechsel werden die Vorsitzenden der Mitgliedsverbände als Sprecher fungieren. Der Rat will sich unter anderem mit Fragen eines islamischen Religionsunterrichts beschäftigen.Experten und Muslime sehen die Kooperation kritisch. "Die Ditib gibt sich dafür her, anderen, undemokratischen Organisationen ein demokratisches Mäntelchen umzuhängen", sagt die Islamismusexpertin Claudia Dantschke. Es sei nicht richtig, wenn der Dialogbeauftragte der Ditib, Dekir Alboga, sagt, Milli Görüs gehöre dem Rat nicht an. Über den Islamrat, in dem die islamistische Organisation ein bestimmendes Mitglied ist, sei Milli Görüs sehr wohl vertreten.Die Berliner Expertin sieht die Gefahr, dass sich extreme Positionen durchsetzen, wenn verschiedene Strömungen unter ein Dach gezwängt werden. "Diese Erfahrung haben andere europäische Länder bereits gemacht", sagt Dantschke. So hat in Frankreich die fundamentalistische Muslimbruderschaft in dem vom Staat initiierten muslimischen Rat eine gewichtige Stimme gewinnen können.Der Jurist und Islamexperte Mathias Rohe ist ebenfalls skeptisch: "Der Blick ins Ausland zeigt, dass es in Ländern, in denen der Staat versucht hat, sich aktiv seine Ansprechpartner unter Muslimen zu schaffen, schief läuft." So würden sich in Österreich, wo es seit langem den Einheitsverband "Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich" gibt, einzelne Gruppen abspalten. In Deutschland könnte ähnliches passieren, "da es völlig unklar ist, wie viele Muslime die Verbände tatsächlich vertreten".Das bestätigen auch liberale Muslime wie der grüne Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour: "Der permanente Ruf der Politik nach der einen Telefonnummer im Islam ist völlig kontraproduktiv." Die Islam-Beauftragte der SPD, Lale Akgün, sieht es ähnlich. Die Politikerin befürchtet eine völlige Verdrängung liberaler Positionen, wenn die vier Organisationen sich gar auf einen gemeinsamen Dachverband einigen könnten. "Das würde mir schlaflose Nächte bereiten", sagt Akgün. Die liberalen Muslime, die wohl die Mehrheit der etwa 3,3 Millionen Menschen islamischen Hintergrunds in Deutschland bilden, sind nicht organisiert.------------------------------Die vier OrganisationenDitib: Der 1984 gegründete staatlich-türkische Moscheeverband ist eine der größten muslimischen Organisationen in Deutschland mit schätzungsweise 140 000 Mitgliedern. Die Ditib untersteht dem türkischen Religions- ministerium und spricht nur türkische Muslime an.Islamrat: Für den Vorsitzenden Ali Kizilkaya ist das Kopftuchverbot für Lehrerinnen eine Diskriminierung. Der Islamrat, mit etwa 80 000 Mitgliedern, vertritt mehrere islamische Organisationen. Die stärkste davon ist die Islamische Gemeinde Milli Görüs, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.VIKZ: Der Verband der islamischen Kulturzentren, der 1980 gegründet wurde, steht häufig für seine Internate und Koranschulen in der Kritik. In diesen soll der VIKZ, der etwa 30 000 Mitglieder hat, einen fundamentalistischen Islam vermitteln und die Integration von jungen Leuten verhindern.Zentralrat der Muslime: 1994 als Gegengewicht zum Islamrat gegründet, arbeiten die Organisationen heute in vielen Fragen zusammen. Immer wieder gibt es Kritik an Mitgliedern des ZMD (etwa 30 000 Mitglieder), vor allem an der vom Verfassungsschutz beobachteten Muslimbrüderschaft.------------------------------Foto: Zwischen Tradition und modernem Alltag: junge Musliminnen in Bonn.