Am Rande von Hannover, im zweiten Stock eines roten Klinkersteinbaus, sitzt ein Mann an seinem Schreibtisch und schaut an seiner Yucca-Palme vorbei durch eine breite Fensterfront auf die umliegenden Felder. Seit fünf Jahren leitet er die Geschicke eines Amtes mit 400 Mitarbeitern, von dem kaum jemand weiß. In der farbenfrohen und dennoch geschmackssicheren Krawatte des Mannes werden die kräftigen Farben des Wandgemäldes aufgenommen, das in Kombination mit der türkisfarbenen Auslegware eine Art Mittelmeerstimmung direkt ins Büro zaubert. "Am Wochenende, wenn keine Trecker fahren", sagt der 58-jährige Diplom-Landwirt, "lebt man hier wie im Paradies." Aber heute ist Mittwoch, und es fahren auch keine Trecker. Dass alle Kraft in der Ruhe liegt, ist beim Bundessortenamt sozusagen Arbeitsprinzip.Finanzamt, Ausländerbehörde, Kartellamt, Ämter, in deren Namen eine Drohung mitschwingt. Ungeliebt, zum Teil gefürchtet. Aber "Bundessortenamt"? Wie sollte ein Amt mit einem solchen Namen eine wie auch immer geartete Emotion auf sich ziehen? Dass es bei der letzten Grünen Woche in Halle 23 a im Zusammenhang mit einer Speisekartoffel zu wüsten Beschimpfungen ihrer Mitarbeiter gekommen war, mag ein Hinweis darauf sein, dass es dennoch möglich ist. Dass man über gentechnisch bearbeitetes Gemüse verschiedene Meinungen haben kann, spielt auch eine gewisse Rolle. Aber fangen wir am besten von vorne an.Zunächst einmal birgt der Name ja gewisse Missverständnisse. Die meisten, sagt der Präsident im zweiten Stock des roten Klinkerbaus, denken an Geldsorten, wobei es natürlich auch um Geld geht, in der Regel um das von Züchtern. Aber was eigentlich macht das Bundessortenamt? Udo von Kröcher sagt: "Wir sind der Flaschenhals, der sagt, ob es gute Sorten sind oder solche, die wir der Landwirtschaft gar nicht erst anbieten." Eine Art Tüv für Gurken, Kartoffeln und all das, was der Mensch sonst noch gern in Kochtopf oder Futtertrog schmeißt.Im Innern des Apparats herrscht rege Geschäftigkeit. In der Zentrale und den 14 Außenstellen wird alles sortiert, was grünt und blüht. Vom Apfel bis zur Zwiebel, nichts kann mehr verwechselt werden. Hinter Bürotüren und auf dem freien Feld vermessen Beamte Gurken und die Länge von Salatblättern. Im Sinne des Zuchtfortschritts werden Tomaten gewogen und Radieschen durch Normöffnungen gedrückt. Jährlich wird so etwa eine Million Einzelpflanzen katalogisiert. Das Bundessortenamt schafft Ordnung in der Natur.In der aktuellen Ausgabe des Amtsblattes des Bundessortenamtes wird neben einer Reihe schmissiger Tabellen über neue Zulassungsanträge für "Deutsches Weidelgras" oder die "Grünhülsige Buschbohne" lässig mitgeteilt: "Bekanntmachung Nr 3/05 des Bundessortenamtes über Verrechnungssorten, die in den Prüfungen für die Vorlage von Prüfungsergebnissen bei der Antragstellung auf Sortenzulassung anzubauen sind." Ein Satz, der auch nach mehrmaligem Lesen anhaltend verstört.Versuchen wir trotzdem, ihn zu verstehen.Der so genannte Sortenschutz, gültig für 25 bis 30 Jahre, wird ähnlich wie ein Patent erteilt. Laut Bundesgesetzblatt, Jahrgang 1985, ist eine Pflanzensorte schutzfähig, wenn sie "neu, unterscheidbar, homogen und beständig ist". Für die wichtigsten landwirtschaftlichen Pflanzenarten kommt noch das Kriterium des so genannten "landeskulturellen Wertes" hinzu, der darauf achtet, dass eine neue Sorte in der Summe ihrer Eigenschaften eine Verbesserung (mehr Ertrag, mehr Krankheitsresistenz, etc.) gegenüber bereits zugelassenen Sorten darstellt. Gurken sollen haltbarer werden, bei Paprika die Schotenwand dicker, Kamillenblüten sollen mehr Öl enthalten, Erbsen mehr Stärke. Neue Pflanzensorten müssen zwei bis drei Jahre eine Wertprüfung durchlaufen. Erst dann entscheidet einer der insgesamt neun Prüfungsausschüsse über die Zulassung. Im Falle der Ablehnung kann der Züchter in einem von acht Widerspruchsausschüssen die Dringlichkeit seines Anliegens untermauern. Und so sind alle ständig beschäftigt.Manchmal kommen recht merkwürdige Anmeldungen. Eine ungemein krankheitsresistente Rebsorte, mit bedauerlicherweise furchtbarem Geschmack. Hanfsorten, die mit dem Betäubungsmittelgesetz kollidieren. Mohn, der keineswegs immer so rauschmittelarm ist, wie es die Grenzwerte verlangen. Merke: Wer sich nach dem Verzehr eines Mohnbrötchens so fühlt, als hätte er ein Weilchen an der Opiumpfeife gezogen, hat wahrscheinlich eine nicht zugelassene Sorte verspeist.Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) die Aufgabe gestellt, Samen zu prüfen und Regeln für die Anerkennung von Saatgut zu erstellen. 1905 wurde in Deutschland mit der so genannten Sortenliste zum ersten Mal ein Zuchtregister eingeführt. 1934 schaltete sich der NS-Staat ein und erließ eine Saatgutverordnung. Seit damals ist die Pflanzenwelt immer zuverlässiger geordnet worden. Seit Mitte der 50e-Jahre ist das Bundessortenamt in Hannover eine selbstständige Bundesoberbehörde - finanziert mit 23 Millionen Euro aus dem Bundesetat. Natürlich ließe sich das schöne Bild vom Flaschenhals auch auf jenen Etat anwenden. In diesem Fall ist er nämlich - zumindest nach Ansicht des Bundesrechnungshofes - nicht eng genug. "Wir werden fortlaufend freundlich daran erinnert, dass wir den Kostendeckungsgrad erhöhen sollen", sagt der Präsident, der es versprochen hat.Der deutsche Endverbraucher könnte sich in Zukunft vor allem dafür interessieren, ob er gerade ein gentechnisch verändertes Gemüse auf dem Teller hat. Nachdem die Züchter bei den Zuckerrüben fast weltweit alle Aktivitäten in dieser Richtung eingestellt haben - weil sich die zuckerverarbeitende Industrie, allen voran Schwartau und Coca Cola dagegen aussprachen - wird das Bundessortenamt voraussichtlich noch in diesem Jahr die ersten Entscheidungen über drei angemeldete Maissorten fällen. Die sind möglicherweise wesentlich krankheitsresistenter als herkömmliche Sorten, politisch unter der jetzigen Regierung aber unerwünscht. Kröcher betont: "Wir sind eine selbstständige Bundesoberbehörde, arbeiten neutral und sauber und schauen ausschließlich, wie sich die Pflanze im Feld verhält." Er sagt diesen Satz etwas lauter als nötig, fast so, als hoffe er, seine oberste Dienstherrin, Renate Künast, werde ihn, wenn es soweit ist, auch verstanden haben.Etwa 130 Kilometer entfernt, in der Prüfstelle Olvenstedt bei Magdeburg, setzt Frau Zöllner die Kartoffeln auf. Im Kartoffelreferat 213 begrüßt man sich schon morgens mit "Mahlzeit". Bis zum Mittag müssen 25 Kartoffelsorten verkostet worden. Kein Salz, keine Butter. Nur zwischendurch ein Glas Wasser. In den Richtlinien für die Kartoffelprüfung steht unter Punkt 2, Durchführung: "Jeder Prüfer erhält von drei gekochten Knollen je ein Drittel und zusätzlich eine ganze Knolle für die Prüfung serviert ... Die Prüfung hat bei hellem Tageslicht zu erfolgen ... Der Prüfer darf weder hungrig noch übersättigt sein ..." Frau Zöllner liebt ihre Arbeit, nur manchmal, wenn eine Kartoffel gar zu trocken ist, denkt sie sehnsuchtsvoll an die Kollegen vom Referat 309: Weinreben .Frau Zöllner und ihre Kollegen entscheiden darüber, was auf deutschen Äckern wachsen darf. 209 Kartoffelsorten sind in Deutschland zugelassen, und nur etwa zwölf neuen Kartoffelsorten im Jahr gelingt es, das feinmaschige Prüfsystem des Bundessortenamtes zu überwinden. Ist die Kartoffel breit- oder eher schmalzylindrisch? Ist mit Schälverlusten zu rechnen, weil sie zu rau ist? Leidet die Kartoffel unter Hohlherzigkeit und macht sich sozusagen größer als sie ist? Erfreut sie das Auge des deutschen Verbrauchers mit einer tief- oder zumindest hellgelben Farbe, oder ist sie weißfleischig und erfüllt so eher den englischen Standard? Hat sie aufgespießt auf dem Nagelbrett im Lichtkeimraum übernatürlich lange Triebe entwickelt? Und wie steht es mit der "Behaarung im Unterteil"?Die Kartoffeln sind nun gepellt und stehen dampfend auf dem Tisch. An der Art, wie die Kartoffel unter der Gabel auseinander bricht, kann Frau Zöllner auf die Konsistenz der Knolle schließen und entsprechende Eintragungen in den Test-Bogen vornehmen. Danach wird gequetscht, geprüft, ob das Püree eine körnige oder eher feine Struktur aufweist. Frau Zöllner nimmt eine Probe in den Mund, zerdrückt sie zwischen Gaumen und Zunge und neigt dazu, die Prüf-Kartoffel zwar als "etwas grob, aber nicht matschig oder nass" einzustufen. Der Geschmack erscheint ihr dagegen "ausgewogen kartofflig", eine Einschätzung, der ihre Kollegen mit stummem Nicken folgen.Weil es in letzter Zeit ein paar Irritationen gab, weil einige Dinge im Zusammenhang mit einer festkochenden Speisekartoffel namens "Linda" in der Presse nicht ganz der Wahrheit entsprechend dargestellt worden waren und die Mitarbeiter des Bundessortenamtes sich deshalb Angriffen ausgesetzt sahen, die sie ihrer Meinung nach gar nicht verdient hatten, ist aus der Zentrale in Hannover Abteilungsleiter Dr. Josef Steinberger sozusagen als Verstärkung angereist. Dr. Steinberger schaut freundlich durch seine Metallbrille mit dünnem Rahmen und sagt durch seinen Schnurrbart hindurch: "Reiner Routinevorgang!"Was Dr. Steinberger meint, ist die Tatsache, dass der Züchter "Europlant" die wegen ihres "cremig-buttrigen" Geschmacks und ihrer goldgelben Farbe geschätzte Speisekartoffel "Linda" im November 2004 nach fast drei Jahrzehnten aus der Zulassung genommen hat. Diese hätte eigentlich noch bis zum Jahr 2009 gereicht, doch da die Kartoffel seit Januar dieses Jahres von den Landwirten ohne Lizenzgebühr angebaut werden darf, hat Europlant aus naheliegenden Gründen beim Bundessortenamt den weiteren Vertrieb blockiert. "Reiner Routinevorgang", sagt Dr. Steinberger, der sich jetzt dem ungerechten Vorwurf hartgesottener Linda-Fans ausgeliefert sieht, das Bundessortenamt entziehe dem Verbraucher die einzig gutschmeckende Kartoffelsorte. Dabei hatten sie ja gar keine Wahl. Natürlich mussten sie dem Antrag zustimmen, der Züchter zahlt schließlich die laufenden Gebühren.Wahrscheinlich hatten sie die Sache trotzdem etwas unterschätzt. Wie hätten sie wissen sollen, dass sich ein "Freundeskreis Linda" bilden würde und ein Öko-Bauer namens Ellerberg die sofortige Wiederzulassung des beliebten Nachtschattengewächses beantragen würde? Wobei "sofort" natürlich relativ ist. Legt das Bundessortenamt seinen üblichen Maßstab an, würde der Testanbau mit deutscher Gründlichkeit zwei Jahre dauern, was zumindest Ellerberg nicht einsichtig erscheint, da es sich ja um eine seit drei Jahrzehnten bekannte Sorte handelt. Doch bevor einer alten Sorte möglicherweise neues Leben verliehen wird, gilt Dr. Steinbergers Behördengrundsatz: "Zunächst einmal müssen wir prüfen, ob das, was er da anmelden möchte, auch tatsächlich Linda ist..."------------------------------Foto : Tafel der Kartoffelsorten um 1910