Das Café Kranzler ist weg, die meisten Kinos, und nun sollen auch noch die Kudamm-Theater weichen. Aber der Investor hat die Rechnung ohne das alte West-Berlin gemacht: Was hat man uns angetan!

Martin Woelffer sitzt in seinem Intendantenbüro, an der Wand über ihm hängt ein Plakat. Es zeigt drei Männer in feinen Anzügen auf einer Couch, zwei sitzen, einer krümmt sich zwischen ihnen in die Polster. "Außer Kontrolle" steht auf dem Plakat, es ist der Titel einer Komödie, die Woelffer inszeniert hat, zwei Jahre ist das her. Außer Kontrolle, der Titel könnte auch über dem Stück stehen, das der Theaterintendant in dieser Zeit im realen Leben erlebt hat. Ein irischer Immobilienentwickler spielt mit in dem Stück, ein englischer Stararchitekt, ein West-Berliner Theaterretter, ein paar Stadtpolitiker.Das Stück spielt im Kudamm-Karree, einem riesigen verwinkelten Areal zwischen Uhland- und Knesebeckstraße, das in den Siebzigerjahren gebaut wurde. Es gibt hier Kneipen, die "Bei Jutta" oder "Veltins-Stübchen" heißen, ein oberirdisches Parkhaus, eine historische Ausstellung mit dem Namen "Story of Berlin", einen original erhaltenen Atombunker aus der Zeit des Kalten Krieges, leerstehende Läden und welche, die von Billigketten genutzt werden. "Preistempel" hat gerade aufgemacht und wirbt mit dem Spruch "Sind Sie willig, wir sind billig". Mittendrin steht ein Hochhaus, in dem die Hälfte der Büros nicht vermietet ist. Und Woelffers Theater stehen hier. Direkt am Kurfürstendamm.Eigentlich ist diese Lage für Boulevardbühnen ein Segen, denn sie leben mehr als andere von Flaneuren, und die gehören zum Kudamm, seit Otto von Bismarck ihn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Pariser Vorbild anlegen ließ. Doch die Grundstücke in dieser Lage sind begehrt und die Mieten hoch. Das könnte Martin Woelffer und seinen Theatern jetzt zum Verhängnis werden.Woelffer sitzt in einem hochlehnigen Stuhl aus blutrotem Samt, auf dem Schreibtisch türmen sich Papiere und Zeitungen. Am Tag zuvor hat der Architekt David Chipperfield seinen Entwurf für den Umbau des Kudamm-Karrees vorgestellt. Martin Woelffer schätzt den weltberühmten Architekten, der zuletzt viel Applaus für den sensiblen Neuaufbau des Neuen Museums in der Berliner Mitte bekam. Er war gespannt auf Chipperfields Entwurf, auch wenn es ihn misstrauisch machte, dass er bis zuletzt nichts von dessen Plänen erfuhr. Dass nur eines seiner beiden Theater übrig bleiben würde, das wusste er, Woelffer hatte es mit dem irischen Immobilienentwickler Ballymore so vereinbart, der das Kudamm-Karree vor zwei Jahren gekauft hat. Im Gegenzug verpflichtete sich Ballymore, die andere Bühne direkt am Kudamm zu erhalten.Als Chipperfield seine Zeichnungen dann vorstellte, war klar, warum man Woelffer nicht in die Planungen einbezogen hatte, wie das eigentlich vereinbart war. Er fand in dem Entwurf, den der Architekt favorisierte, keines seiner Boulevardtheater mehr am Boulevard. Das eine gab es gar nicht mehr, das andere hatte Chipperfield in eine Seitenstraße verlegt, dorthin, wo jetzt das Parkhaus steht.Woelffer trinkt einen Schluck Wasser, er hätte sicher viel zu sagen. Über verletzte Würde und enttäuschtes Vertrauen. Aber er weiß, dass jedes falsche Wort den Streit um die Theater nur verschärfen kann, dass er am kürzeren Hebel sitzt, als Mieter der Bühnen. Eigentlich kann er auch die Miete von 40 000 Euro nicht immer aufbringen.Die Iren verzichten seit fast zwei Jahren auf Miete und Betriebskosten, das gehört zu dem Deal, den sie Woelffer angeboten hatten. Ballymore sagt, man könnte ihm ab April die Miete erhöhen und kündigen, wenn er sie nicht zahlt. Das wäre das Ende der Theater, die seine Familie seit über 70 Jahren als Privatbühnen ohne Subventionen betreibt. So verkneift sich Martin Woelffer an diesem Morgen kritische Worte und redet lieber vom Auf und Ab der Theater, das viel über den wechselnden Zeitgeist am Kudamm erzählt.Max Reinhardt hat sie Anfang der Zwanzigerjahre von Oskar Kaufmann bauen lassen, dem berühmten Architekten, der auch die Volksbühne in Mitte entwarf. Nach der Vorstellung gibt es Nachtrevuen bis zwei Uhr morgens, die Theater werden wie die Kinos und Cafés am Kurfürstendamm zum Symbol der Moderne, eines neuen Zeitgeistes, der Sinnlichkeit und Kapital vereint."Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" wird hier 1931 zum ersten Mal in Berlin aufgeführt, Brechts Stück über das größte Verbrechen der Welt, das darin besteht, kein Geld zu besitzen. Da ist Weltwirtschaftskrise und mit dem neuen Zeitgeist ist es schon wieder vorbei. Als die Nazis die Macht übernehmen, muss Max Reinhardt emigrieren, er geht in die USA. Die Theater bleiben, der Propagandaminister Goebbels schützt sie, er weiß, wie wichtig sie für das Berliner Bürgertum und für dessen Loyalität zum Nazi-Regime sind. Im Krieg werden sie von Bomben getroffen und brennen.In der Wirtschaftswunderzeit amüsiert sich die West-Berliner Gesellschaft in den wieder aufgebauten Theatern, in der Pause zeigt man sich mit einem Glas Champagner in der Hand auf dem Boulevard. Nach dem Mauerbau werden Touristen busweise an den Kudamm gekarrt, der zum Schaufenster des Westens in der Frontstadt wird. Die Theater sind ständig ausverkauft, fast jeder Schwank wird im Fernsehen gezeigt.Anfang der Siebzigerjahre entsteht das Kudamm-Karree, es gehört der Stadt. Kurz vor dem Mauerfall kauft es Rafael Roth, ein deutsch-israelischer Immobilienkaufmann, der durch eine großzügige Spende für das Jüdische Museum bekannt wurde, für 45 Millionen Mark vom Land Berlin, er investiert 100 Millionen Mark in Umbau und Sanierung, auf das Hochhaus baut er sich ein 400-Quadratmeter-Penthouse mit weitem Blick über die Stadt.Die Mauer fällt und wieder weht ein neuer Zeitgeist über den Boulevard. Von den einst 17 Kinos bleibt kaum eines übrig. Caféhäuser schließen. Die Filmfestspiele ziehen an den Potsdamer Platz. In der Mitte der Stadt spielt jetzt die Musik, dort ist Aufbruch und Umbruch, der Westen, das war gestern. Im Osten sind die spannenden Theateraufführungen. Die Leute gehen in Castorfs Volksbühne, in Heiner Müllers und später Claus Peymanns Berliner Ensemble, ins Deutsche Theater oder seine "Baracke", in der Thomas Ostermeier inszeniert. 1998 kauft Rafael Roth für vier Millionen Euro der Stadt das Sonderrecht ab, bei künftigen Pacht- und Mietverträgen für die Theater mitentscheiden zu können. Es ist die Zeit, als in Berlin eine ehrgeizige Finanzsenatorin alles zu Geld macht, was geht. Die Bühnen verlieren damit für alle Zeiten ihren politischen Bestandsschutz. 2001 verkauft Roth das Karree samt Theater für 194 Millionen Euro an die Deutsche Bank-Tochter Real Estate. Er macht ein glänzendes Geschäft.Martin Woelffer hat die Kudamm-Bühnen vor sechs Jahren vom Vater übernommen. Sie stecken wie der Boulevard in der Krise. Woelffer will sie von ihrem nostalgischen Image befreien. Er entstaubt das Programm, lässt neue Stücke inszenieren, engagiert junge Schauspieler. Stars wie Katja Riemann spielen heute bei ihm, aber auch Walter Plathe oder Winfried Glatzeder bringen immer noch Publikum. Die Theater sind im vergangenen Jahr mit ungefähr 80 Prozent so gut ausgelastet wie Peymanns Berliner Ensemble.Ralf Bock mag eigentlich Theater, aber er würde nicht freiwillig in ein Boulevardtheater gehen, auch wenn er ihm "eine gewisse Funktion in der Kulturlandschaft" nicht absprechen will. Der 44-Jährige sitzt bei einem Cappuccino im Reinhardt's am Kudamm, er trägt einen dunklen Anzug, weißes Hemd und eine randlose Brille. Ralf Bock betreut für den irischen Investor das Projekt Kudamm-Karree. Er steigt im Kempinski ab, wenn er in Berlin zu tun hat, Bock lebt seit 25 Jahren in Wien. Früher sei er oft ins Burgtheater gegangen, erzählt er, Claus Peymann war dort in den Neunzigerjahren Intendant. Bock begeisterten Peymanns provokante Inszenierungen, die die Wiener Gesellschaft in Aufregung versetzten.Ralf Bock ist so alt wie Martin Woelffer, er hat in Trier Architektur studiert und arbeitete eine Zeit lang für einen italienischen Architekten, vor fünf Jahren ging er zu Ballymore. Bock freute sich, für die Iren das Karree am Kudamm zu betreuen, sagt er. Er nennt es "das Herz der Hauptstadt". Man könnte ihn als Woelffers Gegenspieler sehen, Woelffer ist der Mann der Kultur, Ralf Bock der des Kapitals. Die Theater, die für Woelffer voller Symbolkraft und Familiengeschichte stecken, sind für Bock vor allem ein Kostenfaktor, den er zu minimieren hat.Bock sagt, dass er mit Klischees wenig anfangen kann. Woelffer sei schließlich auch Privatunternehmer, und Kapital, das sei für ihn die Deutsche Bank, aber nicht Ballymore. Bock schwärmt von den hohen Maßstäben seines Auftraggebers, eines Selfmademannes, der einst als Steinmetz anfing und heute eines der größten Bauunternehmen in Europa besitzt. Ballymore hat in den Londoner Docklands gebaut, in Tschechien, der Slowakei und viel in Irland, demnächst will er dort den U2-Turm bauen, ein 130 Meter hohes Büro- und Wohngebäude, in dem Mitglieder der Band auch Studios betreiben werden. Bock erzählt von Bratislava und der guten Zusammenarbeit mit der Stadt, wo Ballymore am Donauufer einen Park angelegt habe mit einem Fußweg von der Shopping-Mall zur Altstadt. "Wir bekommen etwas und wir geben etwas zurück", sagt er.Es war kein schlechter Einfall, David Chipperfield mit ins Spiel zu holen. Ein weltgewandter Stararchitekt, der sich in Charlottenburg engagiert, das machte Eindruck auf die Politiker vom Bezirk. Das strahlte auch auf sie etwas ab und streichelte ihr Selbstwertgefühl, das es nicht leicht hatte, seit die Stadt neu vermessen wurde und die Sonne im Osten aufging und nicht mehr im Westen. Chipperfield konnte ihnen sogar den Charme eines Theaters in der Seitenstraße schmackhaft machen. Davor entwarf er einen öffentlichen Platz, den er Max-Reinhardt-Platz nennen will.Als Chipperfield seine Entwürfe im Februar vorstellte, reagierten die Politiker begeistert, quer durch alle Parteien. Eigentlich habe er mit so viel Zustimmung gar nicht gerechnet, sagt Bock. Dann gab es Gespräche in den Parteien und zwischen ihnen. Der Regierende Bürgermeister äußerte sich öffentlich und senkte den Daumen. Im nächsten Jahr gibt es ein großes Jubiläum, der Kudamm wird 125 Jahre alt. Und es wird gewählt. Wowereit braucht eine Lösung, mit der alle leben können. Ende März ist die Begeisterung für Chipperfield verflogen. Keine Partei will mehr Ja zu seinen Plänen sagen.Ralf Bock holt ein bedrucktes Blatt Papier aus der Tasche, es ist ein Vorschlag des Ausschusses für Stadtplanung Charlottenburg-Wilmersdorf, der erst ein paar Tage alt ist. Der Ausschuss ist dafür, den öffentlichen Platz zu bauen, den Chipperfield entworfen hat. Aber das Theater soll dort nicht hin, es soll, so wie es ist, am Kudamm bleiben.Bock kann den Sinneswandel nicht verstehen. Er habe schon eine Menge erlebt, sagt er, aber solche Politiker wie in Berlin seien ihm noch nie begegnet. "Sie kommen sich wichtiger vor als der Investor", sagt er, "aber anders als der riskieren sie nichts." Aus Wien kenne er so etwas nicht. Dort werde ein Projekt mit dem Stadtbaurat und seinen Beamten verhandelt, und dann gehe es auch glatt durch den Stadtrat. Bock nennt das professionelles Vorgehen. Er lächelt, fast ein bisschen verlegen, vielleicht, weil er weiß, dass das für die Stadt nicht immer zur besten Lösung führen muss.Otfried Laur weiß nicht, wie in Wien Geschäfte gemacht werden, aber die Theaterszene dort kennt er gut. "Stellen Sie sich einmal den Aufschrei vor, wenn Ballymore in Wien zwei Theater abreißen wollte", sagt er.Der 67-Jährige sitzt in den Räumen seiner Theater- und Konzertagentur in der Hardenbergstraße, gleich neben dem Renaissance-Theater. Es ist ein verwinkelter Fuchsbau im Charme der Siebzigerjahre mit Theaterkarikaturen an den Wänden und Schränken voller Aktenordner. Laur trägt einen Anzug mit Silberstreifen, ein weißes Hemd und eine dezente Krawatte. Er legt ein Buch auf den Tisch, das er zum 25-jährigen Bestehen seiner Agentur vor zehn Jahren herausgegeben hat. Es gibt ein Grußwort von ihm und ein Foto, das ihn mit seiner Frau Reni und ihrem Papagei Otto zeigt, der inzwischen verstorben ist. Laur hat in dem Jubiläumsband Glückwünsche von Günter Pfitzmann und Edith Hancke abgedruckt, von Karl Dall, Brigitte Grothum und Mike Krüger. Und Fotos von Künstlern, die er betreut hat. Hunderte Zeitzeugnisse einer fast schon vergessenen Ära. Er erzählt von intimen Tanzabenden am Kudamm und rauschenden Theaterbällen, bis zum Mauerfall konnte er im subventionierten Berlin gut Geld verdienen. Doch in der offenen Stadt wurde der Wettbewerb so hart, dass sich die Agentur am Ende gerade noch selber trug. Letzten Monat hat Laur sie aufgegeben.Ofried Laur ist so etwas wie das Berliner Theatergewissen. Vor über 40 Jahren gründete er den Berliner Theaterclub, der heute 25 000 Mitglieder hat. Jeden Morgen kommt er um sieben Uhr von seinem Haus in Alt-Pichelsdorf ins Büro in der Hardenbergstraße. Er entwirft mit seinen Mitarbeitern Theaterpläne, die er manchmal selbst eintütet und verschickt. Im aktuellen Heft wirbt der Club für eine Kulturfahrt nach Magdeburg, Reiseleiter ist der ostdeutsche Schlagersänger Michael Hansen. Und für den 30. Berliner Theaterball im Palais am Funkturm, bei dem diesmal Dunja Rajter als Stargast auftritt und als Preis einer Tombola ein Gala-Essen mit der Mimin Edith Hancke winkt.Otfried Laur hat für das Metropoltheater gekämpft und verloren. 2008 gründet er den Verein "Rettet die Kudamm-Bühnen". Er hat eine Broschüre machen lassen, die die Geschichte der Theater dokumentiert. Vor einem Jahr demonstrierte er mit seinem Verein auf dem Kudamm für den Erhalt der beiden Theater. Eigentlich wollte er das jetzt wieder tun, um die Chipperfield-Pläne zu durchkreuzen, er schließt auch nicht aus, die Theater, wenn es sein muss, zu besetzen oder sich davor anzuketten. Aus der Protestaktion wurde nichts, das Restaurant Dressler, das neben den Theatern liegt, wollte ihm keinen Strom geben.Am Abend geht Otfried Laur zu einer Bürgerversammlung ins Amerikahaus. Seit ein paar Tagen ist das verlassene Gebäude am Bahnhof Zoo Hauptquartier einer Arbeitsgruppe, die sich um die Entwicklung der City West kümmern soll. Die Bürgermeisterin und der Stadtbaurat sind gekommen, Parteienvertreter aus dem Bezirk, Abgesandte des Chipperfield-Büros und Freunde der Kudamm-Theater. Auch Ralf Bock ist da.Ein Chipperfield-Mitarbeiter präsentiert noch einmal die städtebaulichen Entwürfe für das Kudamm-Karree und die Theater. Dann ergreift Otfried Laur das Wort.Es ist eine emotionale Rede, die er hält. Er spricht von der Tradition der Bühnen, die sein Leben so lange begleitet haben. Von "der Seele Berlins", die er in all den Jahren in den Theatern erleben durfte. Für ihn gehörten sie "zur Stadt wie der Funkturm, das Brandenburger Tor und der Fernsehturm"."Jawoll", ruft jemand aus dem Publikum.Laur hat erlebt, wie die historische Erinnerung an West-Berlin seit dem Mauerfall auf der Strecke bleibt und die Stadt sich kulturell vom Westen entfremdet. In die Staatsoper werden 240 Millionen Euro gepumpt, während die Deutsche Oper dahindümpelt. Die Theater im Osten werden großzügig unterstützt, aber für die Kudamm-Bühnen gibt es keine Subventionen. Und anders als die Volksbühne sind sie ohne Denkmalschutz, obwohl sie vom gleichen Architekten entworfen wurden. Es sind Signale, die das Selbstbewusstsein der West-Berliner treffen.Ein älterer Herr lädt die Anwesenden ein, sich abends nach der Vorstellung mal vors Kudamm-Theater zu stellen und in die glücklichen Gesichter der Zuschauer zu gucken, wenn sie aus dem Stück "Zille" kommen, das er geschrieben hat und das dort gerade läuft. "Da bleibt nur ein Eindruck", sagt er. "Berlinisch gesprochen: Jawoll, dit muss bleiben!" Das Publikum applaudiert.Die Brecht-Schauspielerin Gisela May ruft: "Was hat man uns mit dem Café Kranzler angetan!" Gisela May hat vor dem Mauerfall im Osten gelebt und im Berliner Ensemble gespielt. Aber sie kennt Kudamm und Kranzler aus der Zeit vor dem Mauerbau.Die Kinos, die Cafés und jetzt die Kudamm-Bühnen. Die Theater sind wie ein letzter Rettungsring, an dem man sich in stürmischer See festhalten will.Es ist ein starkes Plädoyer für die Bühnen, das die Stadtpolitiker an ihren Tischen vorn im Saal notieren. Nur wie sie finanziert werden sollen, das sagt keiner der Theaterretter. Dabei ist es eigentlich die Schlüsselfrage.Ralf Bock redet an diesem Abend nicht viel, er wirkt ein bisschen genervt von den Reden. Für einen wie Bock ist es eher eine Frage der Zahlen als der Weltanschauung. Er könnte eine Rechnung aufmachen, die er ein paar Tage später im Café Reinhardt's auf einen kleinen Zettel schreibt: 400 Millionen Kredit braucht Ballymore für's Kudamm-Karree von den Banken, das sind 24 Millionen Rückzahlung im Jahr an Zinsen und Tilgung. Wer so viel investiert, muss versuchen, so hoch wie möglich zu vermieten. Auf Spitzenmieten von 150 Euro und mehr kann man aber nur im Erdgeschoss direkt am Kudamm spekulieren. Genau dort stehen die Theater. Sie dort stehen zu lassen, ist für einen Investor weltfremde Nostalgie.Bock weiß, dass er das Publikum mit solchen Argumenten nicht erreichen kann. Als er sagt, dass Ballymore 50 Millionen Euro in ein Theater investieren will, "ein großzügiges Angebot und eine zwanzigjährige Subvention", erntet er Schweigen, das ausdrücken soll, dass man das von einem Investor, der eine Immobilie mit Theatern kauft, schließlich erwarte. Als er daran erinnert, dass Woelffer seit zwei Jahren keine Miete zahlt, ruft eine Abgeordnete, das sei doch Ballymores Idee gewesen, 230 000 Zuschauer seien letztes Jahr gekommen und er solle nicht suggerieren, die Theater seien pleite. Nur als er die Frage stellt, warum die Stadt die Theater, wenn sie sie unbedingt will, denn nicht finanziell unterstütze, findet er Gehör. Das wollen auch Otfried Laur und viele andere wissen. Fragt sich nur, ob sie sich dafür vor den Theatern anketten würden.An einem Apriltag kommt der Bürgermeister ins Kudamm-Karree. Klaus Wowereit ist auf Bezirkstour, er will Bürgernähe demonstrieren. Auf dem Kudamm passt ihn Franziska Eichstädt-Bohlig von den Grünen im Abgeordnetenhaus ab und fordert ihn auf, ein Bürgerbegehren für den Erhalt der beiden Bühnen zu unterschreiben, das sie mit Otfried Laur zusammen organisiert. Sie glaubt nicht, dass Ballymore ernsthaft bauen will und hält das Ganze eher für ein Verwirrspiel der Iren. Klaus Wowereit wohnt im Bezirk, er dürfte unterschreiben. Aber er sagt nur kurz: "Da bin ich nicht der Richtige", und schiebt die Frau mit dem Arm beiseite.Im Hochhaus des Kudamm-Karree trifft er sich mit David Chipperfield. Auf dem langen Konferenztisch im 22. Stock steht ein Styropormodell der City West, Chipperfield hat seine Entwürfe für das Karree mitgebracht. Auch Ralf Bock ist da, und ein Vorstand von Ballymore mit rotem Gesicht. Martin Woelffer ist wieder nicht eingeladen.Es sei hart her gegangen, erzählt ein Teilnehmer hinterher über das interne Gespräch. Chipperfield beharrte auf seinem Seitenstraßenentwurf. Und Klaus Wowereit auf seinem Machtwort, eine Bühne bleibe am Kudamm. Ballymore drängt die Zeit, jeder verlorene Tag kostet ihn eine Menge Geld. Vor ein paar Tagen stand in einer englischen Zeitung, Ballymore müsse Verbindlichkeiten von 1,3 Milliarden Euro zurückzahlen oder umschichten. Das hat das Vertrauen in die Investoren nicht erhöht, auch wenn die Iren versichern, dass die Banken weiter hinter dem Unternehmen stehen.Nun sollen schnell neue Entwürfe vorgelegt werden, ein Kompromiss wird gesucht, wie das oft bei solchen Spielen ist. Die Stadt will den Investor nicht verprellen, der Investor braucht von der Stadt grünes Licht. Am Ende wird man sich vermutlich auf ein Theater am Boulevard einigen, wenn auch nicht im teuren Erdgeschoss. Ob Chipperfield dann noch mitspielt, wird sich zeigen.Martin Woelffer wird für den Nachmittag nach dem Treffen zusammen mit den Ballymore-Leuten zu Kulturstaatssekretär Schmitz ins Rote Rathaus geladen. Woelffer nimmt seinen Anwalt mit, er hat Grund, misstrauisch zu sein und will sich nicht kaufen lassen. Am Ende ist er zufrieden.Man habe die Friedenspfeife geraucht, erzählt Ralf Bock von dem Gespräch, "alle sind wieder lieb zueinander". Woelffer dürfe vorerst weiter Theater spielen und Ballymore habe zugesagt, ihn dabei zu unterstützen.Am nächsten Abend gibt es in der Komödie zum 75. Mal Shakespeares "Wie es Euch gefällt". Eigentlich kein besonderer Anlass, aber Martin Woelffer hat beschlossen, das Ereignis ein bisschen zu feiern. Das Theater ist gut besucht, nur hier und da gibt es ein paar freie Plätze. Woelffer geht auf die Bühne und begrüßt die Zuschauer. "Der isländische Vulkan", sagt er, "einige konnten mit dem Flugzeug nicht anreisen." Er ist gut gelaunt, denn einen kleinen Sieg hat er errungen. Seit 2002 sollen die Theater Jahr für Jahr abgerissen werden. "Wie Sie sehen", sagt Woelffer, "spielen wir immer noch." Das Publikum applaudiert.------------------------------Foto: Kudamm-Lage. Auf dem Boulevard regiert der Kommerz, er bringt die meiste Rendite. Theater haben es schwer, sich zu behaupten.Foto: Intendant Martin Woelffer in der Komödie am Kudamm. Auf der Bühne ist die Kulisse für Shakespeares "Wie es Euch gefällt" aufgebaut.Foto: Ralf Bock im Kudamm- Karree. Er arbeitet für den irischen Investor Ballymore, der es vor zwei Jahren gekauft hat.Foto: Otfried Laur in seinem Theaterclub. Er hat eine Initiative zur Rettung der Kudamm-Bühnen gegründet.