Das Apfelmus ist süß. So süß wie das schmelzende Vanilleeis. Der Eierlikör bringt eine strenge Alkoholnote dazu. Sonst ist alles Sahne, ganz weich. Nur die Schokostreusel knacken zwischen den Zähnen. Seit zwei Wochen ist das "Café Sibylle" an der Karl-Marx-Allee wieder da. Und mit ihm der Schwedeneisbecher - jene Kreation, die in der DDR so weit verbreitet war und hier und da die Wende überlebt hat. Im "Sibylle" wird er wohl weiter erhalten bleiben. Gerade bestellen ihn wieder zwei Gäste: "Zwei Schwedeneisbecher und Milchkaffee bitte."Es ist zwölf Uhr mittags. Im Café herrscht jene wunderbar schläfrige Atmosphäre, die den Besuch von Kaffeehäusern reizvoll macht. Von den 13 Tischen ist die Hälfte besetzt. Pärchen um die 30, allein und mit Kind, zwei Herren in Hemd und Schlips - Geschäftsleute aus der Gegend vielleicht - eine Frau um die 50. Sie bestellt Eiscreme und dazu einen Likör. Im Hintergrund dudelt leise ein Radio. Vor den bis zum Boden hinunterreichenden Fensterscheiben laufen ältere Frauen mit Faltenröcken vorbei. Sie wohnen offenbar in der Umgebung. Zwei von ihnen bleiben vor dem Fenster stehen, zeigen nach oben auf die Leuchtschrift "Café Sibylle" - schnörkelige, gelb-orange Buchstaben im Stil der 60er-Jahre. Man kann sie nicht verstehen, aber man ahnt, was sie sagen: "Erinnerst du dich, das Café Sibylle gab s doch früher schon."Früher, das war vor der Wende. 1997 hatte das Lokal schließen müssen, weil die Gäste wegblieben. In den 60er-Jahren sei das Lokal für sein leckeres Eis, seinen frischen Kuchen und seinen guten Kaffee berühmt gewesen, heißt es heute in der Speisekarte. Ein historischer Abriss mit alten Fotos über das Café und die Karl-Marx-Allee ist dort abgedruckt. Demnach existierte vor dem "Sibylle" in den 50er-Jahren an dieser Stelle eine "Milchtrinkhalle". Auf dem Foto in der Karte sitzen Frauen und Kinder um einen Tresen. Die Serviererin trägt Kittel und Häubchen. An den Fenstern hängen Gardinen. Ein bisschen plüschig - so hätten manche Gäste heute das "Sibylle" gern wieder. "Ein paar ältere Damen haben gefragt, ob wir denn nicht wieder was hinmachen, an die Fenster, damit es nicht so kalt wirkt. Sie meinen Gardinen und so was", sagt Artur Schneider. Er ist der Wirt. Gemeinsam mit seinem Partner Erich Kundel hat er in den vergangenen Monaten die Räume umbauen lassen. Plüschig und nostalgisch will Schneider das Café aber nicht haben. An die Geschichte erinnern will er schon. So sollen etwa die bei Abrissarbeiten zufällig entdeckten Wandmalereien sichtbar bleiben. Es sind Strichzeichnungen aus den 50ern: Eiswägelchen mit Sonnenschirm und Cocktailgläser mit Strohhalmen und Kussmündern. Die Motive haben Schneider und Kundel auch in die Speisekarte übernommen.Eigentlich ist für die beiden das Café nur Mittel zum Zweck. Kundel, Inhaber der benachbarten Karl-Marx-Buchhandlung, und Schneider, PDS-Mann aus der Bezirksverordnetenversammlung, haben sich vorgenommen, die von Gewerbetreibenden und Einkaufsbummlern heute so schmählich gemiedene DDR-Prachtstraße wieder aufzupeppen. Nur um Menschen anzulocken - erst Gäste, später mehr Geschäftsleute und dadurch viel mehr Passanten - haben sie jetzt das Café wieder aufgemacht. Als Zweiteiler: Vorn - zur Straße hin - Eis und Kuchen, hinten - rund um Tresen und Bar - ein Museum. Die Geschichte der Straße soll gezeigt werden. Wenn endlich die Anträge auf EU-Fördergeld bewilligt sind und 150 000 Mark in die Kasse kommen. Artur Schneider sieht die Zukunft klar vor sich: Morgens sollen Anwälte und Architekten aus den umliegenden Büros zum Kaffee kommen. "Dann Touristen. Wir haben schon Haltepunkte für Reisebusse beim Senat beantragt und mit Busunternehmern gesprochen", sagt er. Nachmittags soll es Kaffee und Kuchen geben, abends Kulturveranstaltungen. Der Kaffeehausbetrieb klappt schon. "An den ersten drei Wochenenden war der Andrang riesengroß", sagt Schneider. Die Sache mit den Juristen ist schwieriger. Ob Touristen kommen, bleibt abzuwarten. Mit der schläfrigen Ruhe jedenfalls wäre es vorbei.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Im Café Sibylle an der Karl-Marx-Allee 72 wird wieder serviert. Das Lokal hatte 1997 schließen müssen.