Wir sind zum Kochen ins Studio der Schaubühne gekommen. Ein Herd steht bereit, daneben eine Spüle nebst Arbeitsplatte in schmuckem Edelstahl. Möhren liegen dort, eine Zwiebel, ein paar Kräuter. Die Rotweinflasche ist bereits geöffnet, die Leber muss noch durch den Wolf gedreht werden. Und auf dem Herd dampft ein derbes Stück Fleisch. Eintopf soll es zu Leber-Schnittchen geben.Leider dürfen wir Zuschauer nicht mitkochen. Gern hätte man sich zu den beiden sympathischen Damen an den Herd gestellt, denn schnell will es einem an diesem bemerkenswert kurzen Theaterabend scheinen, als schauten wir durch das sprichwörtliche Schlüsselloch in ein fremdes Leben, als gäbe es hier zwischen Spiel und Leben keine Unterscheidung. Lore Stefanek und Juliane Gruner, die zum Kochen und Reden bestellten Darstellerinnen, sprechen auch immer so, als stünden wir direkt neben ihnen. Nicht nur leise und unaufgeregt sprechen sie, sondern auch ohne sonstige Aufmerksamkeitsmerker, ohne Silbendehner und Betonungsverschieber, ohne ausgreifende Gestik und stilisierte Bewegungen. Sie kochen und reden einfach, schnibbeln Möhren, schälen Zwiebeln und erinnern sich.Diese intime Einfachheit des Spiels hat nicht nur den Effekt, dass alles unerhört natürlich, der Wirklichkeit zum Verwechseln ähnlich ausschaut, es ist auf subtile Weise auch eine Interpretation dessen, was hier kochend besprochen wird: Lore Stefanek und Juliane Gruner sind die zwei alten Schwestern Selma und Eri Meyer. Jüdische Geschwister aus Deutschland, aufgewachsen in Osnabrück, geflohen vor dem NS-Terror und jetzt, Jahrzehnte später, eingeladen von der Osnabrücker Stadtverwaltung, an einer Gedenkveranstaltung teilzunehmen. "Mit fast neunzig können Sie doch nicht absagen. Sie beide, unsere letzten Juden. Sie müssen unsere Jugend erziehen." Zurück in ihrer Pariser Küche, bereuen sie die Reise: "Sie haben uns gezwungen, als Juden zurückzukehren." Als Deutsche wollten sie kommen, als Juden wurden sie empfangen. Ein Beutelchen mit Trümmersteinchen aus der bombardierten Stadt haben sie ihnen geschenkt, der Frau eines einstigen KZ-Vorstehers begegnen sie im Café."Das darf man nicht sagen", inszeniert von der jungen Regisseurin Anne Schneider, ist ein Theaterstück von Hélène Cixous. Cixous, Tochter einer deutsch-jüdischen Mutter und eines sephardischen Vaters, kennen aufgeschlossene Zeitgenossen vor allem als umstrittene Theoretikerin - sie ist eine der prononciertesten Philosophinnen eines modernen Feminismus in Frankreich. Eng war sie mit Jacques Derrida befreundet, viel hat sie mit Ariane Mnouchkine und dem Thèatre du soleil zusammengearbeitet. Das jetzt erstmals auf Deutsch gespielte Zwei-Personen-Stück basiert auf ihrem Roman "Benjamin nach Montaigne - Was man nicht sagen darf". Sie hat ihn eine "Autobiografiktion" genannt: Ihre Familiengeschichte ist mit Erinnerungen und Reisebeschreibung Montaignes verwoben. Ein Text, der zwischen Gewesenem und Erdachten nicht unterscheidet. Es geht nicht um eine Wahrheit, eine Geschichte, ein Gewesenes, was man nicht aussprechen darf; es geht darum, wie über Menschen gesprochen wird - im Modus der Zuschreibung nämlich: Nicht zwei überlebende Menschen haben die Osnabrücker eingeladen, sondern zwei überlebende Juden.Cixous' Text hält sich dabei jede moralische Anklägerei vom Leib. Sie zeigt, wie sich zwei Menschen erinnern und wie dieses Erinnern im Korsett der Zuschreibungen stattfindet. Es ist damit auch ein Spiel über Selbst- und Fremdbestimmung. Die theoretische Frage, ob es ein Jenseits dieser Mechanismen überhaupt geben kann, spielt latent durchaus eine Rolle, im Kern handelt dieses Stück Theater aber von den formgebenden Kräften des Zuschreibens selbst. "Alle sind Rassisten", heißt einer der zentralen Sätze. Alle sind Rassisten, indem erst durch Differenzbildung Identitäten entstehen, Differenzen zugleich aber immer Verkleinerungen darstellen, die sich rassistisch ausbeuten lassen. Und wie sieht ein Miteinander, ein Erinnern und Sprechen aus, das dieses Korsett zu sprengen verstünde?Dass die Regie dieses Stück spielen lässt, als würde hier eine Alltäglichkeit verhandelt, etwas, das man zwischen Kartoffelschälen und Schnittchen essen besprechen könnte, ist das, im besten Sinne, Unerhörte des Abends: Er nimmt dem Erinnern das Pathos und stellt eine bestürzend einfache Frage: Was soll man sagen, wenn man von Geschichte, der deutschen zum Beispiel, weder beschwörend noch beschönigend sprechen will?------------------------------Das darf man nicht sagen 8. und 26. 1., 20.30 Uhr. Schaubühne/Studio. Karten: 89 00 23------------------------------Foto: Beim Kochen: Lore Stefanek.