Die Gesichter seiner Kollegen hat Winfried Müller noch immer im Kopf. "Als die letzte Bildröhre vom Band lief, waren die Mienen starr, in vielen Augen standen Tränen", sagt er. Das war im Dezember 2005, als das koreanische Unternehmen Samsung das Werk für Fernsehelektronik (WF) in Oberschöneweide schloss. 6000 Mitarbeiter verloren ihren Job. Auch Winfried Müller. 32Jahre hatte der Ingenieur im WF Röhren geprüft. Röhren für Fernseher, für Kameras, für Radaranlagen, Wettersonden, medizinische Geräte und Projektoren.Auch nach der Entlassung ließ die Arbeit ihn nicht los. Müller sammelte Erzeugnisse seines früheren Betriebes. Er rettete damit das Industriegedächtnis eines ganzen Ortsteils, der als Elektropolis galt, weil dort seit Ende des 19. Jahrhunderts die Elektroindustrie dominierte. Die AEG siedelte sich am Spreeufer an, Kabel- und Transformatorenwerke. Sogar Autos wurden produziert. Gut hundert Jahre wurde entlang der Wilhelminenhofstraße gearbeitet. Nach dem Mauerfall war plötzlich Schluss. 25000 Menschen verloren ihre Arbeit. Zurück blieben heruntergewirtschaftete, aber denkmalgeschützte Industriebauten sowie marode Wohnhäuser. "Es war eine schlimme Zeit", sagt Winfried Müller. Die Hälfte der knapp 30000 Bewohner verließ den Stadtteil.1995 wurden Teile von Oberschöneweide Sanierungsgebiet. Innerhalb von 15 Jahren investierte das Land dort 97 Millionen Euro. Straßen und Gehwege wurden erneuert, der Kaisersteg, eine 1945 zerstörte Fußgängerbrücke über die Spree, wurde neu gebaut, Spielplätze und ein Stadtplatz wurden geschaffen, Uferwege angelegt, Wohngebäude modernisiert. Heute leben in Oberschöneweide wieder mehr als 17000 Menschen. Zugezogen sind vor allem junge Familien, nirgendwo anders ist der Bezirk Treptow-Köpenick jünger als dort. Die Zugezogenen schätzen vor allem die modernen, relativ preiswerten Wohnungen sowie die Nähe zur Wuhlheide mit Freibad und FEZ.Am wichtigsten für den Ortsteil aber war die Entscheidung der Politik, die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) auf dem Gelände des ehemaligen Kabelwerks Oberspree anzusiedeln. Auf dem Campus "Wilhelminenhof", eingebettet zwischen einem kleinen Spezialkabelwerk und dem Hightech-Betrieb Silicon Sensor, lernen seit 2009 gut 6000Studenten. "Es ist deutlich lebendiger geworden im Kiez", sagt Müller, der auch mit 76 Jahren regelmäßig in einer alten Werkstatthalle auf dem Gelände des einstigen AEG- und Transformatorenwerks TRO zu finden ist. In dieser Halle, an deren Stahltür "Industriesalon" steht, ist seine WF-Sammlung ausgestellt. Das erste DDR-Fernsehgerät der Marke Rembrandt, Röhren aller Art, ebenso ein Sender, mit dessen Hilfe der Rias-Empfang in der DDR gestört wurde... Dass die alten Sachen nicht verschrottet wurden, ist auch Susanne Reumschüssel zu verdanken. Die 55-jährige Filmemacherin aus Steglitz will, dass die Geschichte von Oberschöneweide nicht vergessen wird. Ihr Industriesalon an der Reinbeckstraße soll den Grundstock bilden für ein Industriemuseum. Reumschüssel will dort Produkte aus allen Betrieben des Ortsteils zeigen. Industrie-Tourismus könnte eine der Perspektiven für Oberschöneweide sein. Eine weitere ist neben dem Industriesalon zu besichtigen: Der Berliner Anwalt Sven Herrmann plant dort schon seit 2004 Schauhallen für Künstler. In diesem Frühjahr wäre ihm beinahe ein Coup geglückt - der chinesische Künstler Ai Weiwei war auf dem Weg nach Oberschönweide, um vier ehemalige Fabrikhallen als Atelier zu kaufen, als er in Peking festgenommen wurde. Herrmann: "Das Gelände am Wasser ist ideal für Künstler." Im Sommer soll dort ein Kunst-Campus stattfinden.Der Umbau der alten TRO-Poliklinik zum Appartementhaus für Studenten hat schon begonnen. Denn Oberschöneweide soll nicht nur Campus, sondern auch Wohnort für Studenten werden. Nur dann, da sind sich alle einig, kommt in den sanierten, aber noch immer etwas leblosen und sozial schwachen Kiez wirklich Leben. Noch wirken die Studenten, die morgens in Scharen zu ihrem Campus und abends wieder weg strömen, wie Fremdkörper. "Hier ist nichts los, was mich anzieht", sagt Steffen, 25, der internationale Medieninformatik studiert und lieber in Friedrichshain wohnt. So wie er denken viele HTW-Studenten. Die Wohnungsbaugesellschaft Degewo, die rund 3000 Wohnungen im Ortsteil verwaltet, lockt mit Studentenrabatten bis 30Prozent. "Wir vermieten zunehmend besser" sagt ihr Sprecher Michael Zarth. Zu denen, die bereits im Kiez wohnen, zählt die 23-jährige Lina. "Ist doch toll, wo sonst kriegt man 72 Quadratmeter für 430 Euro", sagt sie. Auch Lina vermisst Freizeit-Angebote. Noch ist die HTW-Sporthalle nicht fertig. Noch fehlen Kneipen und Läden. Drei Viertel aller Geschäfte an der Wilhelminenhofstraße sind Imbisse, Sonnen- und Nagelstudios, An- und Verkäufe oder soziale Hilfeläden. Versuche, Neues zu etablieren, einen Buchladen, ein individuelles Blumen- oder ein Stoffgeschäft, scheiterten. Einzig Fahrradhändler Reiner Karlstedt, seit 1993 vor Ort, ist zufrieden. Seit er sich auf Reparaturen konzentriere, rolle die neue Kundschaft an.Auch Susanne Reumschüssel wirbt um den Nachwuchs. In ihrem Industriesalon finden Seminare statt. Studenten lernen dort das Archivieren oder für Semesterprojekte. Jüngst haben sich vier HTW-Studenten Informationen zur Industriegeschichte geholt und eine App für Smartphones entwickelt. Lesen Sie morgen: Zwischen den Gleisen: Der Schöneberger Insel stehen Veränderungen bevor.Haben Sie eine Kiezkarte verpasst? Rufen Sie unter der Hotline 08002327024 an, wir schicken Ihnen die gewünschte Karte kostenlos zu.------------------------------KARTE: Der Name "Schöne Weide" wurde erstmals 1598 erwähnt. 1897 begann mit der AEG das Industriezeitalter, das nach dem Mauerfall endete. Heute leben dort 17000 Menschen.Foto: Aus einer Industriebrache wurde ein ungewöhnlicher Park: Eine alte Kranbahn gab der Anlage zwischen Wilhelminenhofstraße und Spree den Namen Kranbahnpark.