GRÜNAU. Die Nachricht hat unter Insidern für einigen Wirbel gesorgt: "Hat jemand zufällig biss'l Kleingeld übrig?", lautet ein Eintrag bei der Internetplattform radioforum.de. Auslöser für den doch wohl eher symbolisch gemeinten Aufruf ist eine Auktion morgen ab 11 Uhr im Rathaus Schöneberg. Versteigert wird dort unter Position 48 das Funkhaus Grünau, Regattastraße 277. "Bin ziemlich aus den Latschen gekippt, als ich das Objekt nebst wunderschönem Wassergrundstück im Katalog fand", teilte "Radiowaves" mit.Das Backstein-Gebäude auf dem fast 7 500 Quadratmeter großen Grundstück am Dahmeufer ist ein Juwel. 1929/30 entstand es als letztes einer Reihe imposanter Bootshäuser an der Regattastraße. Wassersport hat dort seit mehr als 130 Jahren Tradition. Das Bootshaus galt als größtes Rudersport- und Erholungsheim Deutschlands. Doch seine Bestimmung änderte sich nach dem Krieg. Die DDR richtete 1951 dort ihre Rundfunkschule ein. Die Bootshallen wurden zu Klassenräumen, Baracken entstanden, der große, über zwei Etagen reichende Festsaal wurde um- und Aufnahmestudios eingebaut. Für ein halbes Jahr arbeitete 1952 dort der Berliner Rundfunk. Und 1956/57 sendete von Grünau aus der "Freiheitssender 904". Den hatte die SED nach dem KPD-Verbot im Westen "als oppositionelle Stimme in der bundesdeutschen Landschaft" aufgebaut. Schließlich nahm die DDR-Post/Studiotechnik den Standort in Beschlag. Generationen von Aufnahmeleitern und Journalisten lernten dort die Tücken der Radiotechnik kennen.Während die meisten Bootshäuser in den vergangenen Jahren saniert wurden oder noch werden, verfiel das Backstein-Gebäude. Der letzte Eigentümer, das Neuköllner Bildungswerk, hatte zwar große Pläne, meldete aber im September 2007 Konkurs an. Der Insolvenzverwalter lässt Haus und Grundstück versteigern. "Es ist schade, dass das schöne Haus ein solcher Schandfleck wurde", sagt Werner Philipp vom Wassersportmuseum. Ein passender Eigentümer täte dem Areal gut, meint er.Interessenten müssen mindestens 650 000 Euro auf den Auktionstisch legen und sich auf Restriktionen einstellen. Die ursprüngliche Einrichtung steht unter Denkmalschutz. Und es dürfen entlang der gesamten Regattastraße keine Wohnhäuser gebaut werden. Der Bezirk Treptow-Köpenick will so ausschließen, dass sich Mieter über den Lärm benachbarter Sportvereine beschweren. "Wir wollen den Bebauungsplan noch in diesem Jahr festsetzen", heißt es aus dem Rathaus. Möglich seien alle Nutzungen, die mit Wassersport kombiniert werden können - Hotel, medizinische Einrichtungen, Gastronomie, Sportlerheime."Radiowaves" von der Internetplattform meint jedenfalls nach einer Besichtigung: "Die Immobilie in bester Lage ... geht zwar für 'nen Appel und ein Ei weg, zu investieren ist allerdings ein Vielfaches der Kaufsumme."------------------------------Bootshaus, Rundfunkschule, SenderDas Gebäude an der Regattastraße 277 wurde 1929/30 errichtet. Es galt damals als größtes Rudersport- und Erholungsheim Deutschlands. Eigentümer war die Dresdner Bank.Die DDR ließ das Haus zur Rundfunkschule umbauen. Die Ausbildung junger Journalisten wurde unterbrochen, als 1952 für einige Monate der von der sowjetischen Besatzungsmacht gelenkte Berliner Rundfunk dort arbeitete.Der Rundfunk zog 1956 an die Nalepastraße (Oberschöneweide), in Grünau bildete die Studiotechnik weiterhin Techniker aus.Nach der Wende wurde das Gelände verkauft. Ehe eine Entwicklung begann, ging der neue Besitzer pleite. Das Gebäude verfiel.------------------------------Karte: Zu versteigerndes Grundstück------------------------------Foto: Das Gebäude an der Regattastraße 277. Die alte Pracht ist längst verblasst.