Am Ende ist's ein Song. Der Bühnenboden ist mit knallbunten Klamotten übersät, in der Ecke ein Bett, hinten eine Bar und über allem schweben schön schnulzende Popverse. Es sind wolkige Zeilen vom Leben im Hier und Heute. Man seufzt ein bisschen.Die "Deutschlandsaga" betitelte Uraufführungswerkstatt im Studio der Schaubühne mündet nach 18 Uraufführungen in einen alles und nichts sagenden Song. Das passt. Sechs Monate lang haben sich die beiden Regisseure Jan-Christoph Gockel und Robert Borgmann mit ihren fünf Schauspielern durch den ersten großen Batzen des auf zwei Jahre angelegten Mammutprojektes "60 Jahre Deutschland" gefressen. Für jeden Monat schrieben ausgewählte Jung-Dramatiker drei Kurzstücke, mit denjenigen zu den "00er Jahren" ist die Sache jetzt überstanden: Darja Stockers "Vielleicht ein Pferd" über eine Freundschaft zweier Mädchen zwischen Berlin und Mexiko setzte den Pop-Punkt hinter eine Serienproduktion, die im November Furcht erregend schwach begonnen hatte.Es gibt in dieser letzten Stunde anrührende Szenchen, wenn Ursula Doll in ihre Taucherbrille näselt oder Ina Tempel als verzweifelte Prostituierte aufmarschiert. Es gibt Bettina Hoppe als eine der Freundinnenstimmen aus dem Off und Alexander Britting als Live-Musiker an der Klampfe. Vor allem aber verriet Borgmanns Inszenierung wieder mal die Crux des Unterfangens: Für 500 Euro Salär lieferten die Autoren oft eilige Entwürfe ab, die als Materialsammlung noch durchgehen mögen, als Deutschlandbild- und Geschichtserkundungen aber unter erheblichem Substanzmangel litten - was die Regisseure wiederum gern dazu verführte, hastig in die Vorlagen einzugreifen und die Stücke eher zu verschlimmbessern.Es war zwar ein bewundernswerter Spiel- und Regiekraftakt, sich durch die höchst unterschiedlichen Textmengen zu wühlen. Aber Kondition allein macht eben noch keine Kunst. Die Schaubühne hat einen schweißtreibenden Dramen-Ausdauerlauf hingelegt, für den man ihr den Durchhalte-Orden ersten Grades verleihen möge. Unter ästhetisch-politischen Gesichtspunkten war's allerdings meist ein ermüdender Marsch durch die Wüste.Im besten Falle suchten die Inszenierungen ihr Glück in Klamauk und Blödelei. Wie Gockel am Abschlussabend mit seinem mitten ins Publikum gepflanzten "Stück gegen sich selbst" von Dirk Laucke: Eine Peter Hartz-Entführung, ein Leck-mich-Pärchen und ein bisschen Szenenbastelspaß geriet zum drolligen Zuschauer-Bedrängelungs-Spiel. Für den derzeit viel beklatschten Laucke ist dies ein Stück unter Niveau, für Felix Römer als Entführer die Chance, sich einmal mehr als Musterfiesling zu profilieren.Simon Froehlings Wortlistendrama lässt Borgmann dagegen von seinen fünf Sprechspielern im Käfig spielen - und beinahe wär's ein wilder Rap geworden. Auf halbem Wege ging diesem Assoziationsgewitter aber die Luft aus, und die "Deutschlandsaga" war um ein halbes Geschichtsbeschnupperungsstündlein ärmer.Es gab im letzten halben Jahr auch rühmliche Ausnahmen, wie Ewald Palmetshofers "Das Ende kommt schon noch" im 90er-Block oder Philipp Löhles "Big Mitmache" und Claudius Lünstedts "Freiburg"-Monolog in der 70er-Abteilung. In der Regel hechelte diese Werkstatt jedoch durch die Jahrzehnte, ohne nennenswerten Staub aufzuwirbeln. Ein Geschichtskurs für Eilige, bei der die Historie als Plotproduzent herhalten musste.Ende des Monats wird eine Bes-tenauswahl der Werkstattproduktionen an einem Abend gezeigt, danach startet die zweite Stufe des Deutschland-Projektes der Schaubühne: ein Komödienwettbewerb. Wir haben jetzt schon gelacht.------------------------------Foto: Beinahe wär's ein wilder Rap geworden: "Mashup" von Simon Froehling.

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