Leidet die Architektur, die in der DDR zwischen 1949 und 1989 entstanden ist, unter einer speziellen Missachtung durch die Planer, die Architekten und die Politiker der neuen Bundesrepublik? Der neue Direktor des Bauhauses in Dessau, Phillip Oswalt, behauptet das und verweist auf die Idee, das Berliner Marx-Engels-Forum mit seinen großen Weiten, den Grün-, Platz- und Brunnenanlagen zugunsten einer nachempfundenen Altstadt aufzulösen. Mehr Respekt müsse Architektur und Städtebau der DDR entgegengebracht werden.Aber was ist eigentlich dagegen zu sagen, wenn die überweiteten und grenzenlos durchgrünten Stadtgrundrisse des Autozeitalters wieder verengt werden? Das freut die Energiebilanz und bringt die Menschen einander näher. Allerdings hat Oswalt recht damit, dass es zu einer solchen Verdichtung meist keiner Abrisse, sondern des kreativen Umgangs mit der vorhandenen Bausubstanz, sei sie aus der Kaiserzeit oder aus der DDR-Zeit, bedarf. Der Traum von der idyllischen bürgerlichen Altstadt, wie ihn der Senat in Berlin ersinnt, ist hingegen utopisch.Vor allem aber muss gefragt werden: Stimmt denn Oswalts Grundthese von der missachteten DDR-Architektur wirklich? Die Indizien dafür sind rar. Die meisten Plattenbauquartiere wurden in den 90er-Jahren hochsubventioniert saniert. Jetzt leiden eher die Altstädte von Görlitz, Chemnitz, Leipzig, Halle oder selbst Berlin unter der Konkurrenz der Siedlungen am grünen Stadtrand, viele Kommunen verzweifeln, weil sie ihr knappes Geld für auseinandergezerrte Buslinien, Kindergärten, Schulen, Bibliotheken, Volkshochschulen ausgeben müssen. Vergleichsweise selten hingegen waren Abrisse von Plattenbauquartieren - und durchweg waren sie die Folge der rapide sinkenden Bevölkerungszahlen.Eine der erfolgreichsten neueren Begriffsschöpfungen ist "Ostmoderne", geprägt durch die Berliner Architekturhistoriker Andreas Butter und Ulrich Hartung. Danach habe es eine DDR-spezifische und herausragende Form des International Style der 60er- und 70er-Jahre gegeben. Ihre These ist umstritten, nicht zuletzt, weil der Vergleich zeigt, dass nur wenige Bauten wie das das Berliner Kino International, das Haus des Lehrers oder die Dresdner Prager Straße den künstlerischen Standard der Architektur im liberaleren, an Paris orientierten Warschau oder dem in den demokratischen Staaten des Westens standhalten. Offenbar hat Qualität in der Architektur, dieser so stark an die Auftraggeber gebundenen Kunst, doch etwas mit Freiheit zu tun. Wenn aber heute in Dresden über einen Umbau des Kulturpalastes, nicht über einen Neubau nachgedacht wird - dann ist das auch eine Folge davon, dass seine rationalistische Architektur kulturell neu bewertet wird.Der Abriss des Palastes der Republik war zweifellos eine politische Tat, ökologisch und ökonomisch unsinnig. Der Bundestag aber wollte mit dem Beschluss, dieses Symbol der DDR abzureißen, ein Zeichen setzen, dass eine neue, bessere Zeit begonnen habe. Doch der Abriss des Palastes ist, aufs Ganze gesehen, ein Sonderfall. Selbst der oft als zweites Paradebeispiel für die Missachtung der DDR-Architektur genannte Abriss des Ahornblatts von Ulrich Müther an der Berliner Leipziger Straße, ist dafür nur sehr bedingt geeignet: Er geschah vor allem, weil sich der Bezirk Mitte und der Senat nicht darauf verständigen konnten, die den Investoren zugebilligte Baudichte durch ein Hochhaus neben dem Ahornblatt zu erreichen. Also entstanden an seiner Stelle breit gequetschte Hochhäuser.Vor allem aber gerät das Bild Oswalts von der bedrohten Spezies DDR-Architektur durch einen Blick über die Grenzen der Ex-DDR ins Wanken. Dann zeigt sich: Nachkriegsarchitektur wird vor allem in Süd-, West- und Norddeutschland und im einstigen West-Berlin abgerissen, beginnend beim Haus des Süddeutschen Verlags in München über das Stadttheater von Mönchengladbach und Wohnbauten in Bremen und Hamburg bis hin zum vandalischen Abriss des Schimmelpfenghauses und der Deutschlandhalle.Das Problem ist also keineswegs, dass das architektonische Erbe des selbsterklärten Staats der Arbeiter und Bauern in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik diskriminiert wird. Verachtet wird viel eher das gesamte Erbe der Nachkriegsarchitektur. Und diese Verachtung ist Teil eines planerischen Pessimismus, der im europäischen Vergleich einzigartig ist. In den Niederlanden entstehen ganze neue Städte, wird darum gerungen, neuen Gesellschaftsformen auch neue Wohnformen anzubieten. London wirft sich in Hochhaus-Visionen, Stockholm plant an der autofreien Stadt, in Helsinki werden die Häfen zu Ökosiedlungen, in Frankreich wird Paris neu gedacht, in Warschau und Moskau werden die Stadtsilhouetten umgekrempelt. Nicht alles, was dabei entsteht, wird der Zukunft standhalten. Aber fast überall herrscht ein Zukunftsvertrauen, das in Deutschland, diesem Land der Schlossfassadenrekonstrukteure und Plattenbauschützer, weitgehend fehlt.------------------------------Foto: Fast überall herrscht ein Zukunftsvertrauen, das in Deutschland, diesem Land der Schlossfassadenrekonstrukteure und Plattenbauschützer, weitgehend fehlt.