Man braucht nicht gleich an die Architekten der italienischen Renaissance erinnern, die die Proportionen ihrer Kirchenfassaden aus den Maßverhältnissen der pythagoreischen Musiktheorie ableiteten. Noch bis Anfang dieses Jahrhunderts schöpfte die Architektur aus allen Quellen der Künste und Wissenschaften, bis die funktionalistische Moderne sie auf Ingenieurstechnik und Sozialhygiene reduzierte. Eine der wenigen Zeitschriften weltweit, die Architektur als Kunst- und Geisteswissenschaft begriffen, steht jetzt vor dem Aus. Siebzehn Jahre nach Gründung von "Daidalos" sucht die Bertelsmann Fachzeitschriften GmbH einen Käufer für ihr renommiertes Vierteljahresmagazin. Das von dem ehemaligen "Bauwelt"-Chefredakteur Ulrich Conrads ins Leben gerufene Kompendium hat trotz stabiler Auflage von 4 000 Exemplaren aufgrund schwindender Anzeigenerlöse zuletzt 400 000 Mark Defizit jährlich eingebracht. Den Grund dafür sieht Chefredakteur Gerrit Confurius in Berlin in schlechter Verlagsführung, mangelnder Anzeigenakquisition und ungenügenden internationalen Vertriebsanstrengungen für das zweisprachige Heft. "Daidalos" ist eher eine enzyklopädische Buchreihe als eine bloße Zeitschrift. Jedes Heft gleicht einem wissenschaftlichen Symposion zu kunst- und kulturgeschichtlichen Themen, das die Architektur weit über die heutigen Grenzen zwischen Showbiz und Immobiliengeschäft hinausträgt. Das Magazin interessiert sich nicht für die Kritik fertiger Bauprodukte, sondern geht zurück auf Grundelemente des Entwerfens: Fassade, Treppe, Arkade, Wasser, Straße und Platz, Symmetrie, Backstein oder Farbe. "Daidalos" hat nach der Geschichtsverachtung der Moderne dem Bauen seine kulturellen und anthropologischen Fundamente zurückgegeben. Berühmt wurde das Blatt vor allem mit seinen historischen und poetischen Untersuchungen grenzüberschreitender Wahrnehmungsweisen und Repräsentationsfunktionen von Architektur: Landschaft, Bühnenbild, hörbare Räume, Schatzhäuser, Magie der Werkstoffe oder Erinnerungsorte. Zur Finanzkrise hinzu haben sich Redaktion und das fünfköpfige Herausgebergremium um Ulrich Conrads zerstritten. Die redaktionelle Neukonzeption des elitär-strengen Erscheinungsbildes mit aufgelockertem Layout, aktuellen Hinweisen und dekorativen Bildelementen mißfiel den Herausgebern darunter Werner Oechslin und Jan Pieper , die eine weitere Zusammenarbeit mit Gerrit Confurius ablehnen. Das vorerst letzte Heft Nr. 68 im Juni behandelt das Thema "Atmosphärisches" trübe Aussichten für das Bauen als Kulturaufgabe.