Das Ensemble "zeitkratzer" spielte Kompositionen von Lou Reed in Berlin: Gelassen in Raum und Zeit

Lou Reed als klassischer Komponist, das wirkt wenigstens auf den ersten Blick so befremdlich, als wäre Daniel Barenboim zum Hip-Hop bekehrt worden. Und doch konnte man lesen: Instrumentalkompositionen von Lou Reed, interpretiert vom Berliner Ensemble "zeitkratzer", angekündigt in der Oberbaum City unter dem rätselhaften Titel "Metal Talk". Dabei gilt Reed vor allem als einer der wichtigsten Vertreter des neueren Rock. Der Mitbegründer von "Velvet Underground" ist erst vor kurzem mit dem Album "Ecstasy" wieder nachdrücklich in Erscheinung getreten. Aus europäischem Blickwinkel hat damit seine musikalische Kultur nichts mit der so genannten Klassischen Musik zu schaffen. Selbst wenn sich ein Hörer, ein Kritiker gar, dazu verleiten ließe, seinen "Walk on the Wild Side" anzutreten, könnte er dann doch beruhigt an die mild side der Klassik zurückkehren. So säuberlich sind hier im Abendland die Fronten getrennt.Tatsächlich ist Lou Reed jedoch seit seiner Studienzeit der amerikanischen Avantgarde verbunden, an der jede Trennung von Hoch- und Populärkultur zu Schanden wird. John Cale und Tony Conrad, mit denen er seine erste Band "The Falling Spikes" gründete, kamen aus LaMonte Youngs Ensemble "Theatre of Eternal Music". Andy Warhol kreierte das Cover der Velvet-Underground-Debütplatte, die berühmte Banane. Und vor kurzem hat Reed gemeinsam mit Robert Wilson das Stück POEtry in Hamburg auf die Bühne gebracht.Wie klingt Reed als Komponist?Am vergangenen Wochenende also spielte das Ensemble "zeitkratzer" Kompositionen von Reed: "Thirteen Pieces: Meditations on Poe". "zeitkratzer", dessen grenzüberschreitende Ambitionen schon in der Kombination von Geige, Cello, Kontrabass, Klavier, Akkordeon, Trompete, Saxofon, Tuba und Schlagzeug zu Tage liegen, spielte aus richtigem Notenmaterial, wenn auch mit elektronischer Verstärkung (über die Feinheiten der Darbietung lässt sich denn auch wenig sagen). Im Grunde war es, von dem Industriearchitektur-Ambiente und den Videoprojektionen "Silent Language" von Maria Vedder abgesehen, ein ganz normales, sehr gut besuchtes klassisches Konzert.Wie also klingt der Komponist Reed? Wiederum: Wer mit "europäischen" Erwartungen an erfüllte musikalische Zeit und einen Kanon des Verbotenen in den Friedrichshain kam, verbaute sich selbst den Zugang. Reeds Musik, wie denn auch anders, verdankt dem Rock viel. In ihrer Essenz bestehen die Stücke aus sehr simplen, modalen Melodiefragmenten, die unablässig wiederholt und dabei in ihrer Intensität gesteigert werden. Man begriff den Zusammenhang zwischen Rock und der Minimal Music eines LaMonte Young oder Terry Riley; nicht auf ästhetische Distanz kommt es hier an, sondern auf das Sich-Einlassen, -Einklinken in den musikalischen Puls. Die Faszination liegt dabei gleichmäßig in allen Parametern, der Übergang von der Klangfarbe zum Geräusch war - etwa im Eröffnungsstück - fließend; wenn die höchste Lage des Klaviers beansprucht wird, liegt am klappernden Klingeleffekt mehr als an den Tonhöhen. Wie viel von diesen Effekten auf die Kooperation von "zeitkratzer" zurückgeht, bleibt offen, ist aber für das Resultat uninteressant.Vielleicht hätte das knapp einstündige Konzert ohne Maria Vedders schöne Videos Längen gehabt. So aber gab es auch immer etwas zu sehen, in zwei Projektionsflächen links und rechts des Podiums, die ihrerseits in je drei Bildabschnitte unterteilt waren. Im vielleicht schönsten Video, dem zweiten, durchquerten fallende und wieder aufsteigende Gegenstände diese sechs Quadranten, in Zeitlupe und edler Chiaroscuro-Ausleuchtung, so unzerbrechliche Dinge wie ein Hut und ein leuchtend blaues Kissen und so fragile wie ein Fernstecher und eine Tasse. Friedlich, unbesorgt um ihren Fall, stiegen sie auf und ab, gelassen Raum und Zeit überwindend wie Lou Reeds Musik.