Gerade rechtzeitig zur Einführung der Autokennzeichen am 1. Oktober vor 100 Jahren arbeiten Behörden des Bundes und der Länder an einer grundlegenden Reform der Kfz-Zulassung und -Kennzeichen. Spätestens 2013 soll die Fahrt zur Zulassungsstelle überflüssig werden. Hintergrund der Pläne ist die Umstellung der deutschen Kfz-Zulassung auf Onlinebetrieb.Derzeit prüft eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Hamburger Staatsrates Detlef Gottschalck im Auftrag der Bundesregierung und der Länder die online-gestützte An-, Um- und Abmeldung von Kraftfahrzeugen. So soll den Autofahrern Zeit, Ärger und unnötige Fahrerei zu und von den Zulassungsstellen erspart bleiben und die Umwelt um den Ausstoß von 250 000 Tonnen Kohlendioxid entlastet werden. Außerdem beschäftigen Landkreise und Kommunen bis zu 12 000 Mitarbeiter in den Kfz-Ämtern, deren Zahl nach einer Online-Umstellung stark reduziert werden könnte. Eine bundesweit über PC erreichbare Zulassungsstelle würde dann die Kfz-Kennzeichen und Zulassungsplaketten per Post verschicken.1907 waren die Verantwortlichen dagegen schon froh, die erste einheitliche Regelung für Autokennzeichen in den 26 Ländern des Deutschen Reiches auf den Weg zu bringen. Bis dahin existierten nur in einzelnen Orten und Provinzen lokal gültige Kfz-Kennzeichen. Bereits 1906 war die amtliche Verordnung erlassen worden, dass sich die Fälle von Fahrerflucht häuften. 10 115 Pkw, 15 954 Krafträder und 957 Lkw waren damals im Deutschen Reich zugelassen. Um ein Chaos durch die zunehmende Motorisierung zu vermeiden, war die Vereinheitlichung der Kennzeichen unerlässlich geworden. Die Zuordnung erfolgte zunächst anhand von römischen Ziffern, gefolgt von einem Buchstaben und einer Seriennummer.Dabei erhielt Preußen die römische I, Bayern die II und Württemberg die III. Nach der römischen Zahl stand dann ein Buchstabe für den Ort oder Regierungsbezirk. So fuhren beispielsweise Fahrzeuge in Berlin mit IA plus Ziffer, in München IIA plus Ziffer und in Stuttgart mit IIIA plus Ziffer. Freie Städte hatten zur Unterscheidung lediglich Buchstaben und in Sachsen galten Ziffern von I bis V.Die Geschichte der Nummernschilder reicht jedoch noch viel weiter zurück. Schon vor mehr als 2 000 Jahren sollen an römischen Streitwagen unterschiedliche Nummern angebracht worden sein. An englischen Kutschen wurden im 17. Jahrhundert Tafeln mit Wappen zur Unterscheidung befestigt. Zwischen 1870 und 1890 waren in einigen deutschen Orten einzelne Nummerntafeln an Fahrrädern zu sehen. Sie wurden lokal ausgegeben und ihre Farben variierten von Ort zu Ort. Sie dienten dazu, nicht vorschriftsmäßig fahrende Fahrradfahrer auszumachen und eventuell zu bestrafen.In Berlin wurde das erste Automobil-Nummernschild 1892 für ein Dreirad-Motorgefährt von Benz ausgegeben. Es erhielt die polizeiliche Zulassung IA-1, der später für alle Autos der Stadt üblichen Kennzeichenfolge. Besitzer des Autos war Rudolf Herzog, Inhaber eines gleichnamigen Textilhauses in der Breiten Straße im heutigen Bezirk Mitte. Angeblich wollte Kaiser Wilhelm II. dieses Kennzeichen haben, musste sich aber trotz Intervention mit einer nachrangigen Nummer begnügen.Auch nach der Vereinheitlichung waren die Schilder mit heutigen Kfz-Kennzeichen nicht vergleichbar. Sie hatten teilweise Siegel aus Gummi und wurden häufig privat hergestellt. Zu Beginn der Weimarer Republik wurde die Verteilung der Nummernschilder bereits wieder neu geregelt und den veränderten geografischen Gegebenheiten angepasst. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 wurde das System der Kennzeichenvergabe erneut überarbeitet und im Hinblick auf einen möglichen Krieg erweitert.Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in halb Europa waren die neuen Nummernschilder mit den Hakenkreuzemblemen häufig die ersten sichtbaren Zeichen der Besatzer. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten kurzzeitig farbige Schilder der einzelnen Besatzungszonen. Die Kennzeichen in der amerikanischen Zone waren schwarz auf Orange, in der französischen schwarz auf Rot, in der britischen schwarz auf Blau, nur die sowjetische Zone blieb bei schwarzer Farbe auf weißem Grund.1947 einigten sich die Alliierten auf ein einheitliches Nummernschildsystem, das 1948 eingeführt wurde. Die Schilder waren weiß auf schwarz und unterschieden sich durch die ersten beiden Buchstaben, zum Beispiel BR für Britische Zone Rheinland oder AB für Amerikanische Zone Bayern. Bis zur Einführung der DDR-Kennzeichen im Jahr 1953 hatte dieses System Bestand, in den Westsektoren Berlins und in der britischen, französischen und amerikanischen Zone Deutschlands sogar bis 1956.In jenem Jahr wurde in der Bundesrepublik das aktuelle System der Kfz-Kennzeichen eingeführt. Die größten Veränderungen folgten durch eine weit reichende Gebietsreform Anfang der 70er-Jahre und durch die Wiedervereinigung 1990. Da das System von Beginn an auf ganz Deutschland ausgelegt war, konnte die Wiedervereinigung wenigstens in diesem Bereich ohne große Probleme umgesetzt werden.Und das bei einem gewaltigen Zuwachs der Zulassungszahlen. In den letzten 100 Jahren ist der Kfz-Bestand in Deutschland um mehr als das 2 200-Fache auf über 60,5 Millionen Kraftfahrzeuge angestiegen.Falls die geplante Reform der Kfz-Zulassung und -Kennzeichen umgesetzt wird, könnten sogar die lokalen Buchstabenfolgen am Anfang des Kennzeichens wegfallen. Dann würden launige Kombinationen wie im Landkreis Limburg-Weilburg das AA (also: "LM - AA") der Vergangenheit angehören. Auf Wunsch sollen aber Kombinationen wie zurzeit S - AU in Stuttgart oder SE - X in Bad Segeberg künftig auch ohne lokalen Bezug möglich sein.------------------------------Foto : Winter 1932/33. Wegen der schlechten Wirtschaftslage meldeten viele Berliner ihr Auto ab.