POTSDAM. Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin, hat es eigentlich schon vorher gewusst: In Brandenburg fristen Themen wie Opposition, Widerstand und Repression in der DDR "in Forschung und Lehre ein Schattendasein". So lautet das Fazit eines Gutachtens, das Schroeder für die Landtags-Enquetekommission zur Bewertung der Nachwendezeit eingeholt hat. "Ich hätte das noch viel härter formuliert", sagt er. Doch die für 5000 Euro in Auftrag gegebene Analyse löst bei Experten und Abgeordneten aller Couleur nur Kopfschütteln aus - weniger wegen ihres Inhaltes, sondern wegen ihrer wissenschaftlichen Qualität.Es ist das erste von rund 30 geplanten Gutachten, das der seit gut einem halben Jahr arbeitenden Enquetekommission vorliegt. "Die DDR als Gegenstand in Lehre, Forschung und politischer Bildung" lautet der Titel. Bewertet werden sollte, ob sich die Hochschulen des Landes und die Landeszentrale für politische Bildung, aber auch das bundesweit renommierte Zentrum für zeithistorische Forschung in Potsdam angemessen mit der DDR-Vergangenheit auseinandersetzen. Heute soll die Expertise von Schroeder vorgestellt werden. Als Einstieg sozusagen in den von ihm betreuten Themenkomplex "Geschichtsbild und allgemeine Aufarbeitung in Brandenburg".Doch ein halbes Jahr, nachdem sie ihre Arbeit aufgenommen hat, muss die mit sieben Abgeordneten und sieben externen Experten besetzte Kommission wohl erstmal Grundsätzlicheres klären. Manche nennen das Gutachten "eine Katastrophe". Andere kritisierten, dass es wissenschaftlichen Standards nicht genüge. "Wir haben da höhere qualitative Ansprüche", sagt die Vorsitzende Susanne Melior (SPD). So ähnlich drückt es Axel Vogel von den oppositionellen Grünen aus und betont: "Das Gutachten ist noch nicht abgenommen. Wir müssen Nachforderungen stellen."Autor des 52-seitigen Papiers ist Christian Thönelt, ein 25-jähriger Politikwissenschaftler und ehemaliger Student Schroeders, der sein Studium im vergangenen Jahr beendet hat. Er selbst beklagt den "erheblichen Zeitdruck", unter dem seine Expertise entstand. Ihre Basis sind von den Hochschulen und Institutionen kurzfristig übersandte, nicht komplette Auflistungen zu angebotenen Veranstaltungen mit DDR-Bezug. Thönelt hat sie ausgezählt und hält Themen wie Widerstand und Repression in der DDR für unterrepräsentiert. Er schließt daraus: "Die Wissensvermittlung an den Schulen scheint die Repressionscharakteristika der SED-Diktatur nur unzureichend zu beleuchten. Die Hochschulen wirken diesem Umstand bei der Ausbildung künftiger Multiplikatoren nicht entschlossen genug entgegen."Als "mehr als gewagt" weist die Uni Potsdam diese Aussage zurück. Thönelt habe lediglich eine quantitative Bestandsaufnahme vorgenommen. In seinem Gutachten weise er selbst darauf hin, dass er sich mit der Lehrerausbildung aus Zeitgründen nicht habe auseinandersetzen können, erklärt Ingo Juchler vom Lehrstuhl für Politische Bildung. Das gewählte Untersuchungsdesign ermögliche "schlicht keine adäquate Beurteilung dieses Sachverhaltes".Der Leiter des zur Leibnitz-Gesellschaft gehörenden Zentrums für Zeithistorische Forschung, Martin Sabrow, attestiert dem Autor in einer Stellungnahme eine "erhebliche Unvertrautheit" mit den Prozessen der Zeitgeschichtsforschung. In dem Gutachten trete eine "strukturelle Vermischung von Politik und Wissenschaft" zutage. Die getroffenen Aussagen seien "wenig tragfähig". Vielmehr habe die Kooperation der verschiedenen in Brandenburg ansässigen Institutionen "in den letzten zwanzig Jahren für eine in keinem anderen Bundesland erreichte Breite und Tiefe der Auseinandersetzung mit der zweiten Diktatur auf deutschem Boden gesorgt".Klaus Schroeder ist von der heftigen Kritik völlig überrascht. In der Kürze der Zeit - sechs Wochen hätten zur Verfügung gestanden - habe das Gutachten nur "einen ersten Überblick" verschaffen können. Aus seiner Sicht belege die Analyse sehr wohl, dass "der Umgang mit Stasi und Mauer so gut wie keine Rolle spielen bei der Auseinandersetzung mit der DDR in Brandenburg".------------------------------Sieben Abgeordnete, sieben ExpertenDer Landtag beschließt im März 2010, eine Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Nachwendezeit in Brandenburg einzusetzen. Zuvor wurde die neue rot-rote Koalition von mehreren Stasi-Fällen erschüttert.Der Kommission gehören sieben Abgeordnete aller Landtagsparteien sowie sieben Wissenschaftler an. Vorsitzende ist die SPD-Abgeordnete Susanne Melior. Die Kommission kommt einmal im Monat zusammen.Die Arbeit der Enquete-Kommission ist auf zwei Jahre angelegt. Dem Gremium, das Anfang Juni zum ersten Mal zusammentrat, stehen insgesamt 1,2 Millionen Euro für seine Arbeit zur Verfügung.