Der junge Mann im Anzug schaut streng in die Kamera. "Hier sehen wir Karin", sagt er. "Karins Familie hat vor fünf Jahren eine Hypothek aufgenommen, um ihren Kindern ein schönes Zuhause zu bauen. Aber sieht sie so aus, als könnte sie die Anleihe abbezahlen?" Die blasse Frau presst die Kinder an sich, ihr Ehemann trägt mit gesenktem Kopf die letzten Koffer aus dem Haus. "Laut einer Umfrage sind 72 Prozent der Esten der Meinung, dass Banken die Verantwortung für die geplatzten Kredite übernehmen müssen. Wählen Sie Einheitliches Estland - eine für alle, alle für Estland!", endet der TV-Spot.Ist das kitschige Parteienwerbung? Oder gutes Theater? Letzteres ist jedenfalls der Ruf von NO99, Estlands modernstem Theaterensemble. Dessen avantgardistische Interpretation von sozialkritischen Themen zielt stets auf den Zeitgeist und findet seit der Gründung 2004 höchste Anerkennung, sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum.Diesmal hat die Gruppe sich von den im März 2011 stattfindenden Parlamentswahlen inspirieren lassen und die Aktion "Einheitliches Estland" initiiert. Mit dem Versprechen, der Öffentlichkeit Einblick in die Hinterzimmer der estnischen Parteien zu gewähren, ist es ihr innerhalb von nur wenigen Tagen gelungen, für die "Parteikonferenz" am 7. Mai 2010 in Saku Suurhall 6 500 Tickets zu verkaufen.Obwohl Estland erfolgreich den Mythos vom braven neuen EU-Mitgliedstaat pflegt, ist es um die Innenpolitik mitnichten gut bestellt. Parteien strapazieren das Vertrauen der Bürger zu oft mit unerfüllten Versprechen und Populismus. Schließlich erinnert es eher an Szenen aus einem Kabarettstück, wenn der Bürgermeister von Tallinn, Edgar Savisaar (von den Zentristen), vor Wahlen auf dem Hauptplatz kostenlos Kartoffeln und Brennholz verteilt. Dabei hat die Werbung für diese Kampagne mehr gekostet als die Waren selbst. Manche Bürger haben noch nicht genug Erfahrung, sich in öffentliche Debatten einzubringen - sie nehmen die Kartoffeln und fragen nicht viel.NO99 entlarvt nun die Rhetorik der estnischen Politiker und Staatsmänner als lächerlich und theatral. "Die Aktion von NO99 hat große gesellschaftliche Erwartungen geweckt, und seit langem ist es vielleicht möglich, dass das Schweigen in unserer Parteinlandschaft durchbrochen wird", schrieb kürzlich der estnische Soziologe Juhan Kivirähk in einem der vielen Medienkommentare zu dem Projekt.Die politischen Diskussionen wieder so lebendig zu machen, wie sie Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre waren, dürfte durchaus zu den Zielen des Theaterensembles gehören, das seine Ambitionen öffentlich nur recht vage schildert. Die Regisseure von NO99, das Ehepaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, halten zum jetzigen Zeitpunkt alles für möglich - auch das die "Partei" Einheitliches Estland, deren Name eine Anlehnung an die russische Regierungspartei ist, ganz legitim registriert wird und an den Wahlen teilnimmt. Das Ensemble tritt in den Medien auf, ist im Internet präsent, macht Straßenaktionen und hat sogar eine eigene Parteihymne.Entsprechend groß sind die Irritationen, die die "Partei" in Estland auslöst. Ist das nun Theater oder Politik? "Bei unserer Aktion ist es äußerst wichtig, dass es weder Theater mit einer politischen Botschaft noch ein politischer Akt in Form von Theater ist, sondern dass beide Seiten so dicht verknüpft sind, dass es für uns selbst auch nicht immer klar ist, ob unsere Taten, Kommentare, Schritte jetzt Politik oder Theater sind", sagt Eero Epner, der Dramaturg von NO99.Aus deutscher Perspektive weckt dieses Anliegen Erinnerungen an Christoph Schlingensiefs Partei-Projekt "Chance 2000" aus dem Jahr 1998. NO99 wolle sich in ähnlicher Form mit denselben Gegenständen beschäftigen, sagt Epner: "die Beeinflussbarkeit der Demokratie, der Mangel an Bürgerinitiative oder die Schwäche der absoluten Demokratie". Er erklärt: "Die Probleme, die unsere Aktion aufzeigt, sind nicht Estland- oder ost-spezifisch, sondern verweisen auf die Krise der westlichen Demokratie". Und damit meint Epner meint, dass Populismus so stark auf die Menschen wirken kann, sei eben auch eine Schwäche der Demokratie.Die estnischen Politiker fühlen sich von der Aktion fast bedroht. Zu Recht. So brüskierte NO99 sie mit der Forderung nach neuer, ehrlicherer und durchsichtigerer Politik. Das kürzlich vorgestellte Manifest hat bis heute keine der Parlaments-Parteien in Estland unterschrieben. Anfang April wurden mehrere der Wahlplakate von NO99, die die Schauspieler in übertriebenen Kandidaten-Posen zeigen, mit schwarzen Schriftzügen beschmiert: "Nazi" oder "schwul", lauteten die Beschimpfungen oder auch "NO666", was der Gruppe satanische Verbindungen unterstellen sollte. Das Theater hat keine Anzeige erstattet und betrachtet diese Reaktionen als einen Teil der Aktion.Aber es gibt auch intelligente und begründete Kritik und Skepsis gegenüber NO99. Etwa, weil die tatsächliche politische Haltung des Theaterensembles kaum erkennbar ist. So soll es auch sein, antworten die Theaterleute ihren Kritikern: Jedes Ensemblemitglied habe eigene Ansichten, wolle sich nicht ideologisch eindeutig definieren und weder bei den Linken oder Rechten, Liberalen oder Anarchisten einsortieren. Vielmehr soll die Freiheit und die Verantwortung jedes Einzelnen unterstrichen werden. Wer die Aktion aber nur für eine Parodie politischer Formen halte, liege falsch. "Einheitliches Estland" ist der Raum für freie Interpretation.Wird Estland also im kommenden Jahr möglicherweise tatsächlich zum Theaterstaat? Zumindest hält die Aktion die vom langen Winter gequälten Esten wach. In Tallinn kursieren schon Visionen von internationalen Konferenzen, bei denen sich das Land nicht mehr von langweiligen Eurokraten vertreten lässt, sondern von Komikern, tragischen Heldinnen und melancholischen Blondinen. Die Politik als Bühne.------------------------------Foto: Tiit Ojasoo Chef von NO99Foto: Flashmob in Tallinn: Zwei Schauspieler des Ensembles stellen sich als Parteimitglieder gegenüber potenziellen Wählern dar. Bei einer Straßenaktion am 13. April wurden per Radio die Menschen dazu aufgefordert, spontan die "Parteihymne" von "Einheitliches Estland" zu singen. Das poppig klingende Lied hat einen einfältigen Text. Mehr als 100 Leute sangen mit.