Nirgendwo entfaltet die Globalisierung eine derartige Nachhaltigkeit wie in der Clubkultur. Täglich, so scheint es, kommen aus frisch erschlossenen Gebieten aus aller Welt neue Künstler und neue Genres hinzu: Baile Funk, Kwaito, Kuduro, Dubstep, Bassline, Mumbahtoon, Breakbeat, Cumbia Digital, New Orleans Bounce - wer zählt die Beats, wer kennt ihre Namen?Nun, zum Beispiel die DJane, Autorin und Filmemacherin Christine Lang und Christoph Dreher, Gitarrist der Post-Punk-Band Die Haut, TV-Dokumentarist und Professor an der Stuttgarter Merz Akademie. Die beiden besorgen für das lange Pfingstwochenende vom 10. bis 13. Juni ein Festival aus DJ-Sets, Vorträgen und Filmen, dessen ehrgeiziges Ziel es scheint, eine Art Atlas des globalisierten Dancefloors vorzustellen.Der unterscheidet sich bei naturgemäß fließenden Grenzen von den traditionellen House- und Technosounds: Wo diese in geradlinigem oder flauschig wogendem Fluss daherkommen, zeichnet sich die globalisierte Form durch deftigere Synkopen und abenteuerliche Rhythmen aus, setzt mit billigen Synthielinien und Beats auf Rappeln, Hüpfen, Humpeln.Anders als die regional und historisch forschenden Schwerpunkt-Programme, die man aus dem Haus der Kulturen der Welt kennt, vermittelt "Radical Riddims" eher einen dichten Fast-Forward-Lauf durch jene DJ-Stile, die sich als lokale Formen auf der Grundlage von Elektro, House, HipHop und Dancehall entwickelten. Einige davon - wie etwa der Elektro-HipHop-Mix Miami Bass oder der Househybrid Ghetto Tech aus Detroit - sind bereits ihrerseits zu historischen Stichwortgebern geworden und dröhnen in südamerikanischen oder afrikanischen Varianten durch die Discos der westlichen Metropolen.Zum Beispiel in Form des südafrikanischen Kwaito, der mit abgespeckt minimalistischen, aufgeregten Kanten HipHop, Dancehall und Ghettotech verquirlt und vor ein paar Jahren mit DJ Mujavas "Township Funk" bekannt wurde. Bei der "Radical Riddims"-Party in der Nacht zum Sonntag im Ritter Butzke wird Spoek Mathambo den Stand der Dinge vorführen. Der DJ aus Johannesburg unterstreicht die Wanderfreudigkeit der Beats mit einer schick kwaitoisierten Version des Joy-Division-Klassikers "She's Lost Control".Auch der brasilianische Baile Funk, eine hüftbrecherisch latinisierte Fortführung von Miami Bass, ist längst im Westen angekommen: Nicht unwesentlichen Anteil daran hat der reisende Berliner DJ Daniel Haaksman, der seit 2005 als eine Art Dr. Livingstone des vitalistischen Stils historische und aktuelle Compilations veröffentlicht und früh Remixer wie Diplo verpflichtete, der später durch seine Arbeit für M.I.A. und Santogold bekannt wurde. Haaksman speist dabei diese Einflüsse umgekehrt wieder in den westlichen Kreislauf. Auf seinem gerade erschienen Produzentendebüt "Rambazamba" reitet er auf allen möglichen Beats von Brasilien über Ägypten bis zum Balkan durch die Tracks.Dagegen wurde der Pariser Coupé Decalé, ein mit den jungen Ivorern nach Frankreich migrierter Stil, von dort aus zu einer der populärsten Musikarten Afrikas. Georg Milz wird am Montag in seinem Vortrag zum Thema Coupé Decalé als den Soundtrack zum Hit-and-Run einer hedonistischen afrikanischen Jugend erklären, die fröhlich das im Ausland erzockte Geld verprasst, wofür sie übrigens den Begriff des "travailler", also des Arbeitens, pfiffig für den Discolifestyle umwidmet.Der Ursprung all dieser radikalen, mit geringstem finanziellen Aufwand hergestellten Rhythmen liegt, so auch das Thema des einführenden Vortrags von Uh-Young Kim am Freitag, in den Armenvierteln der Welt. Ihre Protagonisten stammen von den sozialen Rändern der Metropolen. Daher geht es "Radical Riddims" auch um die Politik der Sounds, die mittlerweile eine wesentlich weiter gefasste Version des Black Atlantic, der entwurzelten afrikanischen Kultur, fasst als zu Zeiten, in denen vor allem die Zentren der USA und von Großbritannien den Ton vorgaben. Der Club ist keine herrschaftsfreie Zone, aber an den coolen Orten der Jugendkultur werden Fragen von sozialer und körperlicher Identität spielerischer verhandelt als in der restlichen Öffentlichkeit."The Riddle of the Booty", das Rätsel des Hinterns, heißt griffig der Vortrag der Kulturwissenschaftlerin Astrid Kusser, worin sie ein "unfeierliches Lachen" über die körper- und genderpolitischen Normierungen als wesentlichen historischen Groove der Tanzmusik ausmacht. Mit Sissy Nobby legt zum Beispiel ein schwuler DJ auf, Star und Erfinder des stotternden, forsch hinkenden New Orleans Bounce, der stark auf Dancehall und HipHop beruht, den beiden unverbesserlichst sexistischen Pop-Genres. Die französische DJane Flore hält mit einer futuristischen Dancehall-Variante dagegen, die Femmes With Breaks widmen sich dem derzeit sogar chartstauglichen HipHop-, Dub- und Breakbeat-Hybriden Dubstep. Und der Auftritt der brasilianischen Rapperin und Produzentin Zuzuka Poderosa wird gleichsam flankiert von einem Gespräch zwischen Daniel Haaksman und der Filmemacherin Denise Garcia, worin es anhand von Garcias Film "I'm Ugly But Trendy" um die Frauen im Baile Funk geht.Das Tolle an einer solch ambitionierten Präsentation von Clubmusik ist natürlich, dass man auch einfach nur ein paar Nächte lang befreit mit dem Arsch wackeln kann. Aber ist es nicht auch schön, dazu mit dem Hirn zu rasseln wie mit einer Rumbanuss?------------------------------Hyperhybridität!Ausstellung "Radical Riddims": Galerie Schau Fenster, Lobeckstr. 30 - 35; Eröffnung: Fr (10. 6.), 19 Uhr mit einem Vortrag von Uh Young Kim und einem Live-Set von Sissi Nobby; dann bis 18. 6., tgl. 16-20 UhrParty im Ritter Butzke Ritterstr. 24, mit Spoek Mathambo, DJ Flore & MC Rodney P, MC Zuzuka Poderosa u. a.: Sa (11. 6.)., ab 22 UhrVorträge und Filme in der Galerie Schau Fenster: Mo (13. 6.), 18 Uhr------------------------------Foto: Am Sonnabend im Ritter Butzke: Spoek Mathambo aus Johannesburg.