Altwerden ist nichts für Feiglinge", sagte die tapfere Bette Davis, eine Weisheit, die ihrerseits kein bisschen gealtert ist. Insbesondere für Männer in der Midlife-Crisis. Berlusconi und seine Gespielinnen - ein typisches Beispiel von Feigheit vor dem Feind, in letzter Instanz dem Tod. Ausgerechnet Tom Tykwer, der in "Lola rennt" Franka Potentes jugendliche Unbekümmertheit gegen den Lauf der Zeit ins Rennen schickte, mahnt nun zur Besinnung auf das sichere Ende. Sein Beziehungsstück "Drei", einziger deutscher Wettbewerbsbeitrag in Venedig, präsentiert sich schon mit dem kunstvoll gestalteten Vorspann als barockes Memento Mori.Während abstrahierte Bilder von Eisenbahn-Stromleitungen dekorative Parallelogramme in den Himmel schreiben, erzählt der von Sebastian Schipper gespielte Simon sein typisches Selbstverwirklicher-Leben in Kurzfassung. Kinder- und ruhelos rast es dem Tod entgegen. Seit zwei Jahrzehnten mit seiner österreichischen Freundin Hanna an der Seite - gespielt von Sophie Rois. Seine morbide Botschaft übermittelt er beim Liebesakt, was ihrem Landsmann Gustav Klimt gewiss gefallen hätte. Nur lebt man leider nicht im Wien des Fin de siècle. Sondern in der pulsierenden Gegenwart der Junge-Leute-Stadt Berlin. Die Geschichte spielt im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb, einem Milieu, das pflichtbewusst die Volksbühne frequentiert, keine tiefere Erschütterung erwartend. Für die Kulturjournalistin Hanna führt der Theaterbesuch dennoch zum Kick, zur erotischen Begegnung mit dem Stammzellenforscher Adam (Devid Striesow). Dass später auch Simon über verschlungene urbane Umwege - Tykwer ist hier ganz in seinem Element - in Adams schmucklosem Schlafzimmer landet, müssen wir der gemeinsamen Sozialisierung zuschreiben: Sicher erinnert sie der potente Wissenschaftler an Houellebecq-Romane ."Die Gegenwart von Kultur in unserer Gegenwart wird vom Kino nicht genügend repräsentiert", erklärte Tykwer in Venedig. "Diskussionen über Kulturphänomene bestimmen so viele unserer Unterhaltungen, aber in Filmen kommt das kaum vor." Nachdem also Tykwers letzter Spielfilm "The International" immerhin in ein nachgebautes Guggenheim-Museum führte, geht es nun auch um die Menschen, die in und vom Kunstbetrieb leben. Aber ob sie sich in "Drei" auch wieder erkennen würden?So liebevoll er seine Protagonisten zeichnet, so belanglos sind ihre Debatten. Auch wenn Sophie Rois die Moderatorin einer Kultursendung im Fernsehen spielt - würde diese tatsächlich ihren Freund im Krankenhaus besuchen, nur um ihn gleich mit abgestandenen Argumenten eine Kopftuchdebatte aufzumuntern? Und würde ein liebenswerter Vertreter der linken Kulturbourgeoise tatsächlich antworten, "für mich gehört der Islam ja eigentlich abgeschafft"?Nur durch ihre wunderbaren Darsteller werden diese Figuren überhaupt lebendig. Allen voran Devid Striesow, der viele Drehbuchsätze einfach durch süffisante Blicke ersetzte. Welcher Schauspieler kann physische Präsenz und intellektuelles Charisma derart miteinander kombinieren? Ohne diese für Tykwer ungewohnte Ironie wäre die Aussage seines Films kaum zu ertragen. Denn trotz der lustvoll ausgespielten sexuellen Befreiung seines Trios ist die schon recht konservativ: Wieder einmal droht uns der "Verlust der Mitte" wie ihn der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr einst der Moderne attestierte. Nur, dass Tykwer den Bedeutungsverlust nicht bei der Kunst, sondern ihren Vermittlern erkennt. Und doch wäre er nicht Tom Tykwer, wenn er nicht an das rettende Wunder glaubte - angedeutet in einem anrührenden Filmzitat aus Vittorio de Sicas sozialkritischer Fantasie "Das Wunder von Mailand". Letztlich sind es also doch die Künstler, die Kunst am besten verstehen. Wie die Jury eines Festivals.Für die Preisverleihung an diesem Sonnabend, dürfte der bei der Presse verhalten aufgenommene deutsche Beitrag wohl kaum ins Gewicht fallen. Ebenso wenig der letzte US-amerikanische Wettbewerbsbeitrag des Genre-Veteranen Monte Hellman. Auch in "Road to Nowhere" muss sich die Realität am Anspruch der Kunst messen lassen - hier ist es die Vision eines jungen Regisseurs, der an einem "Film im Film" scheitert. In einer finsteren Neuinterpretation von Truffauts Komödie "Die amerikanische Nacht" wird ein Filmset zur kreativen Hölle: Die Affäre mit seiner attraktiven Hautdarstellerin (Shannyn Sossamon) kostet den Regisseur erst sein Urteilsvermögen und dann seinen Realitätssinn. Und die Drahtzieher des realen Mordfalls, dem sein Film zu Grunde liegt, scheinen mit seiner Hilfe abermals zuzuschlagen.Ohne äußeren Aufwand hat Hellman hat einen stimmungsvollen und hochkomplexen schwarzen Thriller gedreht, so komplex allerdings, dass er sein Publikum auch mit einer gewissen Frustration des Unverstandenen zurücklässt. Und mit der Erinnerung an ähnliche, bessere Filme, insbesondere von David Lynch. Tatsächlich aber war dieses Festival reich genug an Kunsterlebnissen, wie sie Tom Tykwer meint - Filme, über die man lange spricht weil sie einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Etwa "The Ditch", das erschütternde Lagerdrama des Chinesen Wang Bing, das Quentin Tarantinos Jury kaum wird übergehen können.------------------------------Ohne Ironie wäre die Aussage dieses Films kaum zu ertragen.Foto: Wer hätte das gedacht: In Tykwers Film erfährt Sophie Rois in der Berliner Volksbühne einen erotischen Kick.

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