Durch Deutschland geht kein Ruck, sondern ein Riss: Oben tragen Männer mit Aktenkoffern das Geld in großen Scheinen von einer Bank zur nächsten, waschen es auf geheimen Konten und führen es Parteien zu, die den freien Markt noch ein wenig freier machen wollen. Unten halten Männer und Frauen ihr kleines Geld zusammen, die - falls sie noch Arbeit haben - morgens zum Konzerntor hineinmarschieren, abends aber nicht einfach wieder aus dem Kapitalismus austreten können.Der Österreicher Gerhard Friedl hat über diesen Riss einen Film gemacht: Über "Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?" wurde vergangene Woche bei der Diagonale, dem jährlichen Festival des österreichischen Films in Graz , besonders viel diskutiert. Die Namen der westdeutschen Nachkriegskapitalisten, deren bisweilen haarsträubende Transaktionen Friedl noch einmal Revue passieren lässt, sind immer noch im Gedächtnis: Stinnes, Thyssen, Flick, Oetker. Otto Wolff von Amerongen, der Mann aus dem Titel, war von 1969 bis 1988 Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages und als solcher schon neoliberal, als dieser Begriff noch nicht in aller Munde war. Friedl lässt in seinem Film einen Mann mit der vokalen Autorität eines Tagesschau-Sprechers einen Text verlesen, der sich anhört, als hätten die Bunte und das Handelsblatt zusammen eine Geschichte der westdeutschen Nachkriegswirtschaft verfasst. Dazu gibt es anonyme Bilder von Fabrikhallen, Geschäftsstraßen, Schließfächern. Der Gesamteindruck bleibt rätselhaft und provokant. Für seinen ein wenig altmodischen Versuch, den Kapitalismus über die Kapitalisten zu erwischen, bekam Gerhard Friedl am Samstagabend dann sogar einen Preis für innovatives Kino. Das passt zu einem Festival wie der Diagonale, die sich mit konfektionierten Spielfilmen nicht lange aufhält, sondern schnurstracks auf Doku und Experiment lossteuert.Vom Himmel aus besehen ist Österreich ein kleines Land. Unter der Lupe eines engagierten Filmfestivals aber wird ein ungeheures Gewimmel von filmischen Aktivitäten sichtbar, das von einem fein verästelten System staatlicher Subventionen gespeist wird. In einem Land, in dem die etablierten Medien immer kurzatmiger werden, bleibt viel Spielraum für eine Gegenöffentlichkeit, zu der sich die Diagonale zählt. In diesem Jahr hatten etablierte Filmkünstler wie Michael Haneke keinen Film fertig - so bekamen die jüngeren mehr Aufmerksamkeit. Der Dokfilm "Operation Spring" nützte dies für die Sache von mehr als hundert Afrikanern, die 1999 in einer für österreichische Verhältnisse spektakulären Polizeiaktion verhaftet wurden. Man warf ihnen Drogenhandel vor und versuchte, dies mit Material aus dem "ersten großen Lauschangriff" zu beweisen. Für Kritiker der rechtskonservativen Regierung stand fest, dass die "Operation Spring" vom Tod eines Abschiebehäftlings ablenken sollte, den die österreichische Polizei wenige Wochen zuvor verschuldet hatte. Fünf Jahre nach diesen Vorfällen rollt die Dokumentation nun Fälle auf, die aus der "Operation Spring" resultierten. Dabei wird ein Justizskandal erkennbar, der eigentlich die Republik erschüttern müsste: Die Gewaltenteilung wird in Österreich zu Gunsten der Polizei suspendiert. Die Justiz überprüft nicht mehr, was die Kollegen von der Exekutive vorbringen: dubiose Übersetzungen, verschwommene Videos, vermummte Zeugen.In einer aufgeklärten Republik müsste ein Film wie "Operation Spring" eine Debatte über den Zustand der Rechtskultur auslösen. In Österreich müssen zunächst Ersatzgefechte geschlagen werden: Wie wird sich der ORF, die nationale Fernsehanstalt, die den Film mitfinanziert hat, aber als regierungshörig gilt, verhalten? Mit ihrem basisdemokratischen Anspruch wird die Diagonale der Vielfalt des Filmischen in Österreich gerecht, aber sie hat einfach zu viele Themen. Ihr großer Geldpreis ging übrigens an Jessica Hausners unheimliches "Hotel", der 2004 schon in Cannes lief und von dort viel symbolisches Kapital mitgebracht hatte.------------------------------Wo etablierte Medien immer kurzatmiger werden, bleibt viel Spielraum für die Gegenöffentlichkeit.