Conrad Schumann springt. Sein Blick ist auf den Boden gerichtet, die Lippen zusammengepresst, die Arme hält er wie Flügel ausgebreitet. Der rechte spannt den Tragriemen der Kalaschnikow über seiner Schulter. Conrad Schumann trägt Uniform, Stahlhelm und Stiefel. Er springt über eine Rolle Stacheldraht. Es sind viele Fotos gemacht worden in diesen Tagen um den 13. August 1961 in Berlin. Aber vor allen anderen ist dieses eine geblieben. Der junge NVA-Soldat springt nämlich an der Bernauer Straße nicht einfach über eine Stacheldrahtrolle. Er springt aus der Sowjetzone in die freie Welt. So jedenfalls interpretierte man dieses Foto im Westen. Egon Bahr, der damals das West-Berliner Presseamt leitete, nannte das Bild einen Lichtblick. Es entlarve die Propagandalüge vom Schutzwall. Als Conrad Schumann sprang, drückte Peter Leibing auf den Auslöser . Der Fotograf, der am 15. August 1961 an der Bernauer Straße stand, war genauso alt wie der Flüchtling: 19 Jahre. Die Hamburger Foto-Agentur "Conti-Press", bei der er zu der Zeit volontierte, hatte ihn am Tag zuvor nach Berlin geschickt. Da sei was los, hatte sein Chef ihm gesagt. Er habe gleich den nervösen Volksarmisten bemerkt, der auf der anderen Seite stand und eine Zigarette nach der anderen rauchte, sagt der heute 60-Jährige. "Der hüpft gleich rüber", hätten Passanten gesagt, die den jungen Mann schon länger beobachtet hatten. So stellte Peter Leibing seine Exakta-Kamera auf die Stacheldrahtrolle scharf und wartete. Eine Stunde verging, dann eine zweite. Gegen 16 Uhr drehte der Soldat sich um und sprang. "Ich hatte nur eine Chance", sagt Peter Leibing. Kameras mit Motor gab es damals nicht.Peter Leibing wusste nicht, dass er das Foto seines Lebens gemacht hatte. Er sprang mit dem Flüchtling in das wartende West-Berliner Polizeiauto und fuhr mit zur nächsten Wache. Schumann habe Hunger gehabt, er habe ein Leberwurstbrot gewollt, erinnert er sich. Da hätten er und die Kollegen zusammengelegt. Ein freier Fotograf, der zur selben Zeit an der Bernauer Straße fotografiert hatte, nahm Leibing dann mit zur "Bild"-Zeitung. Die beiden gaben ihre Filme ab. Am nächsten Tag war das Foto von dem fliehenden Soldat über eine ganze Seite im Blatt. Fotograf: Peter Leibing. In den folgenden Tagen gab es Anfragen von Zeitungsredaktionen aus aller Welt. Leibing erntete zwar Ruhm, aber Geld verdiente er mit dem Foto nicht. Die Rechte gehörten der Agentur, für die er arbeitete. Klaus Lehnartz, der Mann, der Leibing zur "Bild"-Zeitung mitgenommen hatte, verkaufte das Bild ebenfalls unter seinem Namen. Das Negativ jedoch besitzen weder Lehnartz noch Leibing. Es ist im Besitz des Hamburger Staatsarchivs. Das Staatsarchiv hatte das Archiv von Conti-Press gekauft, nachdem die Agentur pleite gegangen war. Leibing hat die Nutzungsrechte für dieses Foto vor Gericht erstritten. Es darf nur noch unter seinem Namen gedruckt werden. Für jede Veröffentlichung gehen fünfzig Mark an das Staatsarchiv. Dem heute 65 Jahre alten Lehnartz ist es seit 1981 per einstweiliger Verfügung verboten, das Foto unter seinem Namen zu verkaufen. Die Verfügung hatte der Springer-Verlag erwirkt, für den Leibing in Hamburg arbeitete. Zufrieden ist Lehnartz nicht, doch er lässt den Streit auf sich beruhen. Ob ihm das Foto damals wirklich gelückt ist, weiß er nicht genau. Conrad Schumann hat man seit dem 15. August 1961 wieder und wieder springen sehen. Sein Bild ist zur Ikone geworden - und zu einem Marketingartikel. Schumann springt auf Streichholzbriefchen, Telefonkarten, Aschenbechern und Stadtplänen. Auf einem Werbeplakat springt er mit einem Gurkenglas in der Hand. Das Bild machte Conrad Schumann zum Vorzeigeflüchtling. Zur 750-Jahr-Feier noch wurde er nach West-Berlin eingeladen. Auf Wunsch des US-Präsidenten Ronald Reagan saß er auf der Ehrentribüne. Doch der Polizeipsychologe, der ihn nach seiner Flucht betreut hat, sagt, Schumann habe darunter gelitten, dass alle Welt wusste, was er getan hatte. Warum er sich all die Jahre als Held hat vorführen lassen, ist ungewiss. Hat Schumann den Sprung bereut? "Nein, eigentlich nicht", antwortete er einmal auf die Frage. Aber er hat Angst vor der Stasi gehabt - auch noch nachdem die Mauer gefallen war. Der Mann, der in seiner sächsischen Heimat Schäfer gelernt hatte, wurde in seinem neuen Leben Maschinenführer bei Audi in Ingolstadt. Er hat geheiratet, Kinder bekommen und zwei Enkel. Am 20. Juli 1998 hat Conrad Schumann sich in einem Schuppen hinter seinem Haus das Leben genommen.Die Dokumentation "Sprung in die Freiheit" wird am 15.8., 22.45 Uhr auf B 1 gezeigt"Den Stiefelschlag des Soldaten habe ich noch heute im Ohr. " Klaus Lehnartz, Fotograf "Ich hatte nur eine Chance, dieses Foto zu machen." Peter Leibing, Fotograf