Es ist mittlerweile knapp zehn Jahre her, dass Achim Szepanski mit Force Inc. in Frankfurt ein Techno-Label gründete, das sich so ganz anders darstellte, als man es bislang von einem Techno-Label gewohnt war. Es propagierte keinen Spaß, sondern gab sich gleichzeitig nachdenklich, intellektuell und radikal politisiert. So veröffentlichte es Anfang der Neunziger Atari Teenage Riots "Hetzjagd auf Nazis" und veranstaltete Touren mit dem klangvollen Motto "Destroy Deutschland". Wenn man Szepanski zu seinem Label befragte, gab er gern wortreiche Antworten, deren tieferen Sinn man auch heute nicht ganz versteht. Er zeigte dabei einen deutlichen Hang zu poststrukturalistischer Theorie, vor allem das Buch "Mille Plateaux" von Gilles Deleuze und Félix Guattari hinterließ bei ihm eine nachhaltige Wirkung.Die Quintessenz des Buches ist nach Szepanskis Ansicht, dass nach dem Beispiel eines Wurzelgeflechts "eine rhizomatische Struktur" (wovon auch immer) jederzeit einer "hierarchischen Struktur" vorzuziehen sei. Folgerichtig baute Szepanski sein Force-Inc. - Label zu einem recht unüberschaubaren Label-Geflecht aus, zu dem unter anderem einmal Intense, Communism Rec. , Virtual Science und Riot Beats gehörten und heute noch Force Tracks, Position Chrome und Ritornel zählen. Das bekannteste aber nannte er Mille Plateaux.Obwohl das Deleuze-Guattari-Buch bestimmt nicht die theoretische Grundlegung elektronischer Musik ist, hatte das Label Mille Plateaux schon dank seines Namens einen ungeheuren Einfluss auf ihre Rezeption. Heerscharen von Philosophie-Studenten entdeckten plötzlich einen neuen Sound, an dem sie nun mit offensichtlichem Eifer heruminterpretierten. Weil es so schon knisterte und knusperte schien hinter jedem Geräusch eine besondere Bedeutung zu lauern. Scheinbar komplex gebauter Techno wurde so intellektuell aufgewertet und galt als relevant, die simpleren Varianten hingegen, die in erster Linie nur für die Tanzfläche gedacht waren, galten als schnödes und seichtes Vergnügen. Ungefähr damals wurde dann auch die bürgerliche Trennung zwischen U- und E-Musik in Techno eingeführt.Vor einem Monat hat Szepanski auf Mille Plateaux nun die Compilation "Clicks & Cuts 2" veröffentlicht, ein aufwändig gestaltetes Werk auf drei CDs, dass einen Überblick schaffen soll, über den derzeitigen Produktionsstand elektronischer Musik. Dabei schreibt er die Label-Tradition der unnötigen Verkomplizierung stoisch fort, schon im Begleittext heißt es: "Wenn digitale Musik Bildschirmmusik ist, (. ) so wird häufig vergessen, dass es keine gegenseitige Entsprechung gibt, sondern der gegenseitige Bezug basiert auf den im Verborgenen operierenden Programmen, die sich zunehmend eigeninitiativ verhalten. Programmierer und Musiker, die durch die Programme und deren Routinen navigieren, fungieren als Designer. Dabei geht es weniger um das Design der Bedienungsoberflächen, sondern um das Design von klingender Software. In Netzwerken wächst Musik heute metastatisch. Clicks & Cuts sind dessen Symptome: omnipräsent und referenzlos. " Übersetzt heißt das ungefähr, dass man mit einem Computerprogramm mit wenigen Mausclicks mehr machen kann, als zum Beispiel mit einer Gitarre, weil ein Programm einfach mehr kann. Das ist soweit natürlich richtig, andererseits könnte man auch sagen: Na und?! Denn letztlich ist es ja nur für den Produzenten interessant, wie man Musik produziert, für alle Hörer hingegen ist wichtig, wie sie sich anhört. Und darüber hinaus sind auch Programme noch immer auf Menschen angewiesen, die sie bedienen. Ansonsten bräuchten Künstler wie Vladislav Delay, Kid 606 und SND ja gar nicht erst im Rahmen der Mille-Plateaux-Tour aufzutreten. Am morgigen Sonnabend sind sie übrigens leibhaftig in der Berliner Volksbühne zu sehen.Force Inc. / Mille Plateaux // Zwei Kompilationen haben die Frankfurter Schwester-Labels soeben veröffentlicht."Clicks & Cuts Vol. 2" (3-CD-Box, Mille Plateaux / EfA) enthält hauptsächlich Knistern und Knacken. "Hypercity Mixed by Andrew Weatherall" (Force Tracks / EfA) enthält hauptsächlich House und ist mithin sogar tanzbar.Der zehnte Geburtstag von Force Inc. wird mit einer ausgedehnten Tournee begangen.Konzerte und DJ-Sets in Berlin: am Sonnabend, dem 26. Mai, ab 23 Uhr in der Volksbühne. Mit Kid 606, Vladislav Delay, SND, Twerk, DJ Jasper und Gez Varley (auch als G-Man bekannt).