Die junge Dame ist das Klischee persönlich - eine von den sagenhaften Schönen und Reichen, die zum Image von Monaco gehören wie der Fürst und seine Töchter, wie das Casino und die Haarnadelkurve von Monte Carlo: Modelfigur und langes blondes Haar, teure Jeans, teure Higheels, teure Sonnenbrille, teures Hündchen an teurer Leine - blitzen nicht gar Brillanten darauf? Es ist Abend, sie spaziert allein und unbemannt die Avenue Princesse Grace entlang, sie kann sich sicher fühlen, niemand wird sie belästigen, bestehlen, überfallen. Monaco ist überwacht, 400 Videoaugen verfolgen auf Schritt und Tritt, was sich bewegt. Auf 70 Einwohner kommt ein Polizist. Fotografiert jemand die Palazzi der Stephanie oder Caroline, kümmern sie sich. Auch die 700 Gärtner passen auf. Niemand scheint Probleme mit der Überwachung zu haben, sie ist Garant für Sicherheit, die muss gewährleistet sein, wo man sich doch im Fürstentum schon weniger Soldaten als Musiker gönnt. Trotzdem betritt selten einer der Darsteller von Welt die Freilichtbühne, sie meiden das Licht, sie verstecken sich in den Tempeln des Luxus, sie speisen bei Alain Ducasse im Restaurant Le Louis XV. oder im Hôtel Metropole, wo Joel Robuchon, der das feinste Kartoffelpüree der Welt macht, eine Zweigstelle unterhält.Nicht einmal im Casino stimmt der Mythos, jedenfalls nicht an einem normalen Wochentag um Mitternacht, nur wenige Tische sind in Betrieb, Smoking und Abendkleid in der Mottenkiste, Glanz und Glamour der Belle Epoque in den Himmeln der schönen Säle finden kein Echo auf dem Teppich. Wirkliche Dramen vollziehen sich im Stillen, in den Salons privés, für einen Mindesteinsatz von 150 000 Euro spielt hier ein Einsamer gegen die Bank, unter den Augen von Direktor, Inspektor und drei Croupiers. Da werden schon mal zwei bis drei Millionen in einer Stunde verloren - oder fünf gewonnen. Reichtum und Luxus in der Inszenierung Monaco spiegeln sich eher im Bühnenbild, hinter den Scheiben der Autoläden, in denen die Maybachs, Bentleys und Ferraris so selbstverständlich zum Verkauf stehen wie anderswo die Waschmaschinen. Oder im Grimaldi-Forum auf der Luxpack, der Luxusverpackungs-Messe, auf der die Verschwendung Triumphe feiert. Prächtig ist es unten am Meer, am Port Hercule. Weiß und abweisend liegen hier millionenschwere Yachten dicht an dicht, eine grandiose Seemacht des Überflusses, 70 Meter Schiff sind für 15 Millionen Euro zu haben, aber wer eine Yacht kaufen will und nach dem Preis fragt, kann sie sich schon nicht leisten. 200 000 Euro Liegemiete kostet der Platz am Kai. Gelangweilt ruhen die weißen Riesen im Hafen, als gehörten sie niemandem, die besitzende Klasse ist unsichtbar. Aus den Fenstern des Hôtel Port Palace (Zimmerpreis zwischen 600 und 2 100 Euro pro Tag) sieht man nur die Besatzungen an Deck unermüdlich schrubben, putzen, wienern - wenn der Chef auszulaufen geruht, muss das Boot startklar sein.Wem die Yachten gehören, erfährt man nicht, Verschwiegenheit ist eine hohe Tugend in Monaco, nur so viel: Amerikaner tarnen sich gern mit der Herkunft von den Cayman Islands, Deutsche fahren unter Luxemburgs Flagge. Nur wenn die Protzerei so laut und unfein geschieht wie bei der "Lady Moura" wird das Gebot des Schweigens gern verletzt: Der Eigner sei ein Herr Nasser aus Saudi-Arabien. Die Schriftzüge der Yacht mit Hubschrauber an Deck sind aus fünfzehn Kilo purem Gold gefertigt, goldene Waschbecken gibt es sowieso. Zum Vergleich: Für den frisch sanierten Empiresaal im Hôtel de Paris, der vor Blattgold nur so blitzt, war ein einziges Kilo vonnöten. Zwei Quadratkilometer Monaco. Stadt, Zwergstaat, Fürstentum. Auf der Karte ist das ein schmaler Streifen zwischen Seealpen und Mittelmeerküste, viermal so lang wie breit. In natura - oder besser: in seiner urbanen Gestalt ist es ein kunstvoll geschachteltes, hochgestapeltes Gebilde. Dicht gedrängt stehen Palazzi der Belle Epoque und Hochhäuser aus Beton, einige haben verblüffende Ähnlichkeit mit den Plattenbauten von Berlin-Marzahn und der Gropiusstadt. Der Unterschied ist nur, dass die Inhaber für ein kleines Apartement im Monat das Zehnfache zahlen. Warum tun sie sich das an? Die heruntergelassenen Jalousien geben Antwort. Die Jet-Setter sind auch noch anderswo zu Hause.32 000 Einwohner aus 112 Nationen zählt Monaco, nur 7 000 sind Monegassen. Ein paar davon kann man im Alltag besichtigen, wenn man durch die Altstadt läuft, Hausfrauen beim Einkaufen auf dem Markt, Rentner auf der Parkbank, sogar eine Schulklasse kreuzt die rue Princesse Caroline. Oder im Arbeiterbezirk Fontvieille, so etwas gibt es hier auch. Hier steht der einzige große Supermarkt, hier ist das Stadion des AS Monaco, dessen oberster Fan Prinz Albert ist. Dahinter, praktisch über die Straße, beginnt Frankreich. Die Häuser in dieser Gegend erinnern an sozialen Wohnungsbau, in ihnen verbergen sich zahlreiche kleine Firmen. Darunter auch das Laboratoire Asepta, ein Familienbetrieb, der es mit Hundeshampoo und Fußpflegemitteln über die Grenzen des Fürstentums geschafft hat. Letztere wurden übrigens vor 60 Jahren eigens für die müden Füße der Croupiers vom Casino entwickelt.Mehr als 40 000 Arbeitsplätze bietet Monaco, Arbeitslosigkeit unbekannt. Allein die 2 200 Hotelzimmer, davon 1 342 mit dem höchsten Komfort, benötigen eine hohe Zuwendung von dienstbarem Personal. Die meisten der Zimmerfrauen, Hotelmanagerinnen, Kellner, Chauffeure, Bankangestellten, Auto- und anderen Verkäufer pendeln täglich aus dem französischen Nizza oder dem italienischen Ventimiglia zur Arbeit herüber, wo die Mieten erschwinglich sind. Trotzdem, es wird weiter gebaut. Jeder Quadratzentimeter Land wird zum vermietbaren Kubus gemacht. Und nicht nur Land. Den Stadtteil Fontvieille hat man dem Meer abgerungen, die Landmasse wurde um fast ein Fünftel vergrößert. Das Grimaldi-Forum - eine Art Palast der Republik mit vielerlei Funktionen (Tagungen, Restaurants, Ausstellungen, Disko) wurde so weit ins Wasser getrieben, dass der Konzertsaal unter dem Meeresspiegel liegt. Neuestes Bauwerk ist ein schwimmender, im Meer verankerter Kai. Er hat mehr als das Doppelte eines auf festem Boden gebauten Piers gekostet, aber das wird sich rentieren. Nun können auch die großen Kreuzfahrtschiffe in Monaco anlegen, die die Urlauber von einem Mittelmeerhafen zum nächsten schippern. Was lange verpönt war im Fürstentum - nun ist es willkommen: Eintagsfliegen. In Maßen, nicht in Massen. Diese Touristen bringen zwar die Übernachtungsstatistik nicht weiter (die Verweildauer liegt bei 2,7 Nächten), aber sie geben Geld aus in Boutiquen, besuchen das Meeresmuseum mit den fantastischen Aquarien oder die Autosammlung des Fürsten. Und trinken vielleicht in der American Bar vom legendären Hotel de Paris einen Tee für acht Euro. Wenn die Hemmschwelle nicht zu groß ist, einen Ort zu betreten, an dem Gäste 7 000 Euro für eine Nacht hinlegen, ohne mit der Wimper zu zucken.Aber sie sollen kommen, die Touristen, die Hemmschwelle überschreiten. Das wünscht sich Michel Bouquier, der Generalbevollmächtigte für Tourismus, der über sich nur zwei Chefs hat, den Wirtschaftsminister und den Fürsten. Der Fürst ist der Boss. Bouquier wird in den Palast gerufen: Welche Strategie haben Sie? Kultur, sagt Bouquier, Monacos Kulturangebot entspricht dem einer großen Hauptstadt. Wellness, sagt er noch, Les Thermes Marins sind die Nummer eins in der Welt. Und für jeden zugänglich. Für Tagungen jeder Coleur ist man gerüstet, Beispiel: die deutschen Steuerberater. Und die Busse und die Kreuzfahrtschiffe. Was nicht heißt, Monaco will sein Image aufgeben, es lebt ja davon. Aber es will sich öffnen, damit alle etwas von Glanz und Glamour haben: Die japanischen Gruppen, die zur Wachablösung zum Fürstenpalast kommen, mittags fünf vor zwölf. Die deutschen Individualisten, die mit eigenem Auto die Formel-1-Strecke von Monte Carlo abfahren, die im Alltag eine ganz normale Straße ist. Und die sentimentalen Amerikaner, die am Verkehrsbüro neben dem Casino Schlage stehen, weil sie verrückt sind nach dem Stempel im Pass von jenem Ort, an dem einst ein trauriges Hollywoodmärchen von einer Schauspielerin und einem Fürsten wahr wurde. ------------------------------SERVICE // Monaco ist ein unabhängiger Staat, (der zweitkleinste der Welt), konstitutionelle Erbmonarchie, seit 1993 Mitglied in der Uno, 195 Hektar groß, 5,5 Kilometer lang. Höchster Punkt ist der Fürstenpalast auf einem 62 Meter hohen Felsplateau.Monte Carlo ist der berühmteste der vier Stadtteile. Hier steht das Casino. Hier ist auch der Ausgangspunkt der Rallye Monte-Carlo, bei der alljährlich im Januar mehr als 100 Autoteams an den Start gehen. Im Mai wird der Große Preis von Monaco in der Formel 1 gefahren. 17 Hotels, darunter sechs der Luxusklasse, stehen bereit. Das Hôtel de Paris, das Hermitage und das Metropole verkörpern das klassische Monte Carlo, im Grand Hôtel steigen die Rennfahrer ab, Le Méridien Beach Plaza hat einen eigenen Strand. Preiswerter wohnt man in 2- und 3-Sterne-Hotels, zum Beispiel im Hotel Helvetia (DZ ohne Frühstück 65 Euro); eine Jugendherberge gibt es auch.Ein kultureller Höhepunkt ist das Zirkusfestival - das nächste findet am 20. Januar 2005 statt. Bedeutsam ist der Skulpturenweg: Von Botero bis Moore säumen etwa 100 Skulpturen Straßen und Plätze der Stadt. Besuchenswert ist die Oldtimer-Automobilsammlung des Fürsten Rainier und das Ozeanographische Museum mit seiner Haifischlagune sowie 90 Becken. Es ist täglich geöffnet; im Winter von 10 bis 18 Uhr, im Sommer von 9.30 bis 19 Uhr.Anreise: Flug nach Nizza. Von dort fliegen 20-minütig Helikopter. Der Preis liegt mit 70 Euro unter dem einer Taxifahrt, die etwa 75 Euro kostet.Auskünfte: Monaco Informations-Centrum, Tel.: 0211/3 23 78 44. Im Internet: www.monaco-tourisme.com------------------------------Karte------------------------------Was lange verpönt war, ist nun willkommen: Eintagsfliegen.------------------------------Foto (2): Luxuslimousinen auf der Straße vor dem Casino in Monte Carlo. Auch in den Autoläden stehen die Maybachs, Bentleys und Ferraris so selbstverständlich zum Verkauf wie Waschmaschinen.Jeder Quadratzentimeter Land wird bebaut. Die Fläche für den Stadtteil Fontvieille hat man sogar dem Meer abgerungen.