PRENZLAUER BERG. Sie sind gebildet, zahlen hohe Mieten, der "Wohlfühlfaktor" im Kiez ist für sie ganz wichtig und dass es "keine Spießer" in der Nachbarschaft gibt, finden sie gut. So sind sie, die Bewohner rund um den Kollwitzplatz. Zum ersten Mal gibt es jetzt für eine der begehrtesten und teuersten Wohngegenden Berlins eine Sozialstudie. Darin werden die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur, die Erwerbstätigkeit und die Mietentwicklung in den vergangenen 15 Jahren untersucht.Und kaum sind die Ergebnisse bekannt, beginnt darüber im Bezirk eine Debatte. "Die Studie wirft Fragen auf, über die wir noch diskutieren müssen", sagt Michail Nelken (Linke), der Pankower Stadtrat für Stadtentwicklung.Das 60 Hektar große Altbaugebiet zwischen Schönhauser und Prenzlauer Allee, Tor- und Danziger Straße gilt in Berlin als Vorzeigeviertel für soziale Stadtentwicklung. Von 1993 bis 2007 wurden 131 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln in das Gebiet investiert, allein 68 Millionen in die Gebäudesanierung. 4,5 Millionen Euro wurden für Mieter ausgegeben, deren Wohnungen saniert wurden. Von 7 000 Wohnungen sind rund 1 000 Wohnungen mietpreisgebunden.Zum Jahresende wird das Sanierungsgebiet aufgelöst. Heute gibt es im Viertel kaum noch ein unsaniertes Haus, auf früheren Freiflächen entstanden schicke Neubauten mit Eigentumswohnungen. Familien, junge Leute und viele Kinder prägen das Straßenbild. Zwei Drittel der Bewohner sind zwischen 18 und 45 Jahre alt. Das Netto-Haushaltseinkommen der rund 7 000 Haushalte ist mit 2 332 Euro längst mit Werten von Steglitz-Zehlendorf vergleichbar.Vor allem in den letzten fünf Jahren sind überwiegend Menschen mit hohem Einkommen in das Viertel gezogen. Die Durchschnitts-Nettokaltmieten stiegen in den vergangenen vier Jahren auf 6,31 Euro pro Quadratmeter und höher. Die Nachfrage ist riesig, die Mieten steigen weiter."Weitgehend als Erfolg" bewertet Jochen Korfmacher vom Kreuzberger Büro für Stadtplanung, -forschung und -erneuerung (PFE) die Veränderungen der vergangenen 15 Jahre. Das Büro hat die Sozialstudie Kollwitzplatz im Auftrag des Bezirkes von November 2007 bis März 2008 in 661 Haushalten durchgeführt. Die Umfrage ist repräsentativ. Doch vor allem bei einer Frage gehen die Meinungen auseinander. Hat die Sanierung im Gebiet Kollwitzplatz dazu geführt, dass die angestammte Bevölkerung aus ihren Wohnungen verdrängt wurde?Laut Studie konnte ein "erheblicher Anteil" früherer Bewohner im Sanierungsgebiet bleiben. Konkret sind es laut Studie 17,3 Prozent der heutigen Bewohner, die schon vor 1993 im Gebiet wohnten. "Das heißt aber auch, dass mehr als 80 Prozent der angestammten Bevölkerung nicht mehr da sind. Ist das jetzt ein Erfolg, ein Teilerfolg oder ein Misserfolg?", fragt Stadtrat Nelken. "Meine persönliche Erfahrungen stehen den Ergebnissen der Studie diametral gegenüber." Von "Rechenkunststücken" spricht der Verordnete Wolfram Kempe von der Linken.Jochen Korfmacher kann diese Zweifel und die Kritik nicht verstehen: "Warum wird der Wegzug aus einem Gebiet denn so negativ dargestellt?"Mit dem Thema Verdrängung wollen sich die Bezirkspolitiker nun auf einer Fachveranstaltung beschäftigen. Eine Ausstellung wird vorbereitet, in der die Veränderungen der vergangenen Jahre dokumentiert werden sollen.------------------------------Foto: Man sitzt gern draußen am Kollwitzplatz, Cafés gibt es jede Menge.