BERLIN. Signalrot prangt der Stempel "GEHEIM - amtlich geheimgehalten" auf dem Dokument. 75 Seiten lang ist der Untersuchungsberichts, den der Kommandeur der Isaf-Schutztruppe in Afghanistan, US-General Stanley McChrystal, in den Tagen nach dem verheerenden Luftschlag von Kundus zusammengestellt hat. Der Frankfurter Rundschau liegt der am 26. Oktober von McChrystal in Kabul unterschriebene Bericht jetzt vor. Er enthält der Öffentlichkeit bisher unbekannte Details und deckt Widersprüche auf. Eine Chronik der Ereignisse:----3. SEPTEMBER, 15 UHRZwei Tanklaster einer privaten Spedition aus Kabul sind unterwegs in der Provinz Kundus. Ein Lastwagen hat 30 000 Liter Benzin geladen, der andere Diesel. Die Kraftstoffe sind offenbar für die US-Truppen in Kabul bestimmt. Einer der Trucks hat eine Reifenpanne. Beide Fahrzeuge halten deshalb an einer Tankstelle etwa 15 Kilometer südlich der Stadt Kundus. Zum deutschen Feldlager sind es acht Kilometer.15.30 UHR.Die Reifenpanne ist behoben, und die beiden Fahrer wollen ihre Fahrzeuge besteigen, als mehrere Taliban-Kämpfer in Autos an der Tankstelle auftauchen. Sie bemächtigen sich der Laster, erschießen einen Fahrer und zwingen den anderen, sie zu begleiten. Ihr Ziel ist das Dorf Gor Tepa jenseits des Kundus-Flusses im Distrikt Chadar Darah.18.10 UHR.Der Konvoi erreicht das Flussufer. Die Taliban sichern die Route mit mehreren Hinterhalten, an denen sich jeweils zehn bis 15 Kämpfer verschanzen. Bundeswehr und afghanische Streitkräfte bemerken zwar diese Taliban-Positionen, wissen zu diesem Zeitpunkt aber nichts von der Entführung der Laster. Sie vermuten, dass die Aufständischen Militärfahrzeuge angreifen wollen.18.21 UHR.Die beiden Tanklaster stecken auf der Sandbank des Flusses fest. Die Talibanführer informieren über Mobiltelefon ihr Helfer-Netzwerk.19.15 UHR.Der Gouverneur von Kundus, Mohammed Omar, informiert seinen Polizeichef über die entführten Tanklaster, nachdem Bewohner des Dorfes Haj Sahhi Dad By die afghanische Polizei informiert haben.19.30 UHR.Talibankämpfer fordern in der Moschee von Haj Sahhi Dad By den Mullah und die dort zum Fastenbrechen versammelten Dorfbewohner auf, ihnen zu helfen. Manche folgen dem Befehl, "andere nicht", wie das Isaf-Protokoll vermerkt. Auch aus 15 weiteren Dörfern machen sich Bewohner in Fahrzeugen oder zu Fuß auf den Weg zur Sandbank. Zur gleichen Zeit informiert die afghanische Polizei den Kontaktbeamten der EU-Polizeimission im Bundeswehr-Feldlager Kundus über die Entführung. Bis dieser den Kommandeur des Lagers, Oberst Georg Klein, in Kenntnis setzt, vergehen 90 Minuten20.00 UHR.Ein afghanischer Informant meldet sich bei seinem deutschen Führungsoffizier im Feldlager. Der Offizier gehört der Taskforce 47 an, einer streng geheimen Sondereinheit von Geheimdienstleuten und Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK). Der Informant berichtet von zwei festsitzenden Tanklastern auf der Sandbank und gibt an, es hielten sich ausschließlich Taliban um die Fahrzeuge herum auf.20.30 UHR.Der Verbindungsoffizier des Feldlagers holt Oberst Klein aus einer Besprechung und informiert ihn. Laut einer späteren Befragung des überlebenden Lkw-Fahrers befinden sich zu dieser Zeit bis zu 300 Menschen - Taliban, Unterstützer, Sympathisanten und andere Dorfbewohner - auf der Sandbank. Ein B1B-Bomber der US-Luftwaffe, der von der Bundeswehr in einer anderen Angelegenheit um 15 Uhr angefordert worden war, trifft im Luftraum über Kundus ein. Auf Bitten der Deutschen beginnt er mit der Suche nach den Tanklastern. Seine Live-Videobilder kann Oberst Klein im Gefechtsstand der Taskforce 47 mitverfolgen. Er sieht damit genau das Bild, das sich den Bomberpiloten bietet. Aufgrund falscher Koordinaten dauert es mehr als zwei Stunden, bis die feststeckenden Tanklaster gefunden sind.KURZ NACH 23 UHR.Der Informant meldet, das "gesamte Taliban-Führungspersonal des Distrikts Aliabad" halte sich auf der Sandbank auf. Die Aufständischen seien dabei, den Kraftstoff in Kanister abzufüllen und zu verteilen. Der Agent berichtet von Flugzeuggeräuschen, die zu hören seien. Die Taliban hätten vor der Möglichkeit eines Luftangriffs gewarnt. Hier vermerkt das Isaf-Protokoll: "Interessanterweise nahm niemand Notiz von dieser Warnung. Sie zapften weiter Kraftstoff aus den Trucks ab."4. SEPTEMBER, 0 UHR.Der Informant meldet sich erneut im Feldlager. Die Taliban wollten die Tanklaster leeren und die Fahrzeuge ausschlachten. Es befänden sich ausschließlich Taliban an den Trucks, darunter zwei Ausländer; Zivilisten seien nicht vor Ort. Der Informant erklärt, vier Talibanführern seien vor Ort: Kommandant Mullah Abdul Rahman sowie die Subkommandanten Saidi, Naser und Amanullah.0.15 UHR.Der US-Bomber entdeckt die Lastwagen. Etwa 100 Personen befinden sich zu diesem Zeitpunkt auf der Sandbank. Flugleitoffizier W., Codename "Red Baron 21", erklärt im Funkverkehr mit der Flugzeugbesatzung alle Anwesenden zu Taliban. Oberst Klein, der in den Gefechtsstand zurückgekehrt ist, zieht weder seinen Rechtsberater hinzu, noch macht er Meldung beim deutschen Hauptquartier in Masar-i-Scharif. In dem Isaf-Bericht gibt es auch keine Hinweise darauf, dass das Einsatzführungskommando in Potsdam von der laufenden Operation in Kenntnis gesetzt wird.0.25 UHR.Um Opfer unter den eigenen Leuten zu verhindern, lässt Klein klären, ob sich eigene oder afghanische Truppen in der Nähe der Sandbank befinden. Er erreicht aber die zuständige Operationszentrale nicht, offenbar ist sie in den Nachtstunden nicht besetzt. Dafür meldet sich erneut der afghanische Informant. An dieser Stelle zeichnet das Isaf-Protokoll nach, wie der Kommunikationsweg im deutschen Kommandostand verläuft: Der afghanische Informant kontaktiere einen Farsi-sprechenden Übersetzer. Dieser übermittle an den Hauptfeldwebel S. eine deutsche Fassung. Keiner von beiden sitzt direkt in der Operationsleitzentrale. Der Hauptfeldwebel wiederum informiert seinen Hauptmann N. im Gefechtstand, und der Geheimdienst-Verbindungsmann setzt dann Oberst Klein über die Angaben des Informanten in Kenntnis. "Fünf Leute zwischen Quelle und Kommandant", bemerkt das Isaf-Protokoll.0.30 UHR.Der Informant meldet, dass sich viele Taliban an den Lkw aufhalten. Zivilisten seien dort nicht zu sehen. Die Aufständischen seien bewaffnet mit Raketenwerfern und Kleinwaffen. Das Isaf-Protokoll hält fest, dass sowohl der deutsche Führungsoffizier als auch sein Übersetzer es für unüblich halten, dass sich der Informant alle 15 bis 20 Minuten mit seinem Mobiltelefon im deutschen Lager meldet, obwohl er doch fürchten müsse, entdeckt zu werden. Unklar ist, ob die Männer diese Zweifel an ihrem Informanten ihren Vorgesetzten mitteilen. In einem Protokoll der Taskforce 47 wird Hauptmann N. an einer Stelle mit der Warnung an Oberst Klein zitiert, man dürfe Meldungen von Informanten nie als "absolut" annehmen.0.35 UHR.Während der deutsche Flugleitoffizier und die B1B-Besatzung noch diskutieren, wie sie die Tanklaster am effektivsten bombardieren können, erhält die Crew von ihrer Leitstelle den Befehl, zu ihrem Stützpunkt in Katar zurückzukehren, weil ihr Treibstoff zur Neige geht. Eine Bitte des Piloten um Luftbetankung wird abgelehnt. Der US-Bomber dreht ab. Von der Kundus-Mission erwähnt er in seinem späteren Flugbericht kein Wort.0.49 UHR."Red Baron 21" erbittet beim US-Flugkontrollzentrum in Kabul erneut Luftunterstützung. Die Kontrollstelle fragt nach, ob alliierte Truppen Feindberührung hätten, da nur in solchen Fällen zu dieser Stunde Kampfjets angefordert werden dürfen. Die Deutschen melden nach kurzer interner Beratung im Gefechtsstand "Feindberührung" und eine "unmittelbare Gefahr" für ihre Truppen. Flugleitoffizier W. räumt später ein, er habe die Anweisung von Oberst Klein nur an die Leitzentrale übermittelt, um die weitere Mission zu ermöglichen. Mit anderen Worten: Im deutschen Gefechtsstand war zu diesem Zeitpunkt klar, dass der Einsatz nur unter Vorspiegelung falscher Tatsachen fortgesetzt werden kann.1.08 UHRZwei F-15E-Jets treffen im Gebiet über Kundus ein. Sie schlagen vor, sechs 500-Pfund-Bomben, die über dem Erdboden zünden sollen, über der Sandbank abzuwerfen. Als sie Sicht auf das Ziel haben, erhält der deutsche Gefechtsstand wieder Live-Videobilder1.18 UHR"Red Baron" meldet der Crew, die Fahrzeuge und die Individuen um die Lkw herum seien das Ziel. Die Piloten bieten zwei Mal an, zur Warnung im Tiefflug über die Sandbank hinwegzufliegen. Die Deutschen lehnen ab. Sie weisen im Gegenteil die Jets an, außer Sicht- und Hörweite zu bleiben. Die Flugzeugbesatzungen diskutieren untereinander, nach welcher Einsatzregel sich ein Angriff rechtfertigen lässt. Sie sorgen sich beispielsweise um den Fahrer des einen Lastzugs, der doch weiterhin bei den Fahrzeugen festgehalten werde.1.27 UHREine Kampfjet-Besatzung meldet den Deutschen, dass sich von Süden her offenbar weitere Feinde der Sandbank nähern. "Red Baron" schlägt vor, fünf 500-Pfund-Bomben auf die Sandbank abzuwerfen, sowie eine 2 000-Pfund-Bombe auf die Flussufer, um die dort befindlichen "Feinde" auszuschalten.1.28 UHRDie US-Crew fragt erneut nach, ob es sich bei den Leuten am Boden wirklich um "Feinde" handele. Der deutsche Flugleitoffizier bestätigt und nennt als Quelle "Geheimdienstinformationen". Die Crew beobachtet, wie eine größere Menschengruppe von der Sandbank aus durch das flache Wasser in Richtung Norden läuft. Erneut meldet sich der afghanische Informant. Er gibt an, ausschließlich Taliban hielten sich in und um die Trucks auf.1.30 UHROberst Klein lässt die Anweisungen für den Luftangriff durchgeben. Als Ziel gibt er die Aufständischen am Boden sowie die gestohlenen Lkw an. Im Zielgebiet befänden sich keine "Freunde". Einer der Piloten fragt, ob die Bomben über oder zwischen den Fahrzeugen detonieren sollen: "Wollen Sie die Fahrzeuge oder die Leute treffen?" Flugleitoffizier W. antwortet: "Wir wollen versuchen, die Leute zu treffen." Dies ist das einzige Mal in dieser Nacht, dass ausschließlich die (vermeintlichen) Taliban als Ziel genannt werden.1.36 UHRDie Piloten bieten noch zwei Mal an, im Tiefflug das Zielgebiet zu überfliegen. Nein, entgegnet "Red Baron": "Ich will, dass ihr direkt angreift." Insgesamt fünf Mal lehnen die Deutschen das Angebot ab, die Leute am Boden vor dem Bombardement zu warnen.1.46 UHRDie Crews fragen ein letztes Mal, ob tatsächlich "unmittelbare Gefahr" bestehe. Die Deutschen antworten: "Ja, diese Leute sind eine unmittelbare Bedrohung. Diese Aufständischen wollen sich des Treibstoffs aus den Tanklastern bemächtigen, sich anschließend neu gruppieren und sehr wahrscheinlich, so unsere Geheimdienstinformationen, das Lager Kundus angreifen."1.49 UHRZwei 500-Pfund-Bomben (GBU 38) detonieren nahe der beiden Lkw.1.50 UHRDie beiden Kampfjets bleiben weitere 30 Minuten im Luftraum, um eine erste Schadensbilanz des Einsatzes zu ziehen. Sie beobachten etwa 25 Leute, die die Sandbank in nördlicher Richtung verlassen.2.00 UHRZum letzten Mal in dieser Nacht meldet sich der afghanische Informant bei seinem Führungsoffizier. Er berichtet von 70 getöteten Aufständischen, unter ihnen seien die Talibanführer Saidi und Amanullah. Rahman und Naser seien hingegen entkommen. Zivile Opfer habe es nicht gegeben.2.35 UHREine dreiviertel Stunde nach dem Luftangriff informiert Oberst Klein die Kollegen im benachbarten regulären Gefechtsstand des Feldlagers Kundus über die erfolgte Operation.3.13 UHRAnderthalb Stunden nach dem Angriff wird das Regionalkommando Nord, das Bundeswehr-Hauptquartier in Masar-i-Scharif, per E-Mail von dem Vorfall unterrichtet. Bis dahin hat es Klein nicht für nötig gehalten, seinen Vorgesetzten, General Jörg Vollmer, zu informieren. In der Meldung ist von 56 getöteten Kämpfern die Rede, 14 Aufständische seien geflohen. Zivilisten seien nicht zu Schaden gekommen.------------------------------Die BerichtslageAm 4. September bombardiert die US-Luftwaffe auf Bitten der Bundeswehr nahe Kundus zwei entführte Lkw. 142 Menschen sterben, unter ihnen nach Nato-Angaben auch Zivilisten. Die Bundeswehr bestreitet zunächst zivile Opfer. Der damalige Verteidigungsminister Jung muss deshalb das Kabinett verlassen. Die Berichtslage:Feldjägerbericht: Am Tag nach dem Angriff von deutschen Stellen in Afghanistan erstellt. Trifft am 9. September in Deutschland ein und weist auf zivile Opfer hin.Isaf-Bericht: Im Auftrag von US-General McChrystal erarbeitet, liegt am 29. Oktober deutschen Stellen vor. Die Rede ist von bis zu 40 toten Zivilisten.------------------------------Karte: Rot-Kreuz-Bericht: Liegt am 6. November dem neuen Verteidigungsminister Guttenberg vor, listet die Namen von 74 toten Zivilisten auf. Das Internationale Rote Kreuz sieht in dem Angriff einen Verstoß gegen das Völkerrecht.Foto: Mit Fackeln und Weihnachtsliedern feiern Bundeswehrsoldaten im afghanischen Kundus einen Gottesdienst zum vierten Advent.