Wenn sich nach ,Papa und Mama' nur ein Paar zusammenrauft", so hat es sich Dieter Wedel kurz vor Weihnachten für seinen neuen Zweiteiler erhofft, "dann wäre das schon ein Erfolg." Das ZDF hat einiges getan, um den 63-jährigen Regisseur diesen Wunsch zu erfüllen.Die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit sorgte beispielsweise dafür, dass in den vergangenen Wochen kaum ein Medium an Wedel vorbei kam, sei es Deutschlandradio, sei es "Maischberger" oder die Frankfurter Rundschau. Außerdem legten die Mainzer den Ausstrahlungstermin direkt in die Zeit nach Weihnachten. Nicht nur, weil das Fest der Liebe mehrmals zentral in dem Film vorkommt, sondern auch, weil kaum ein Abschnitt des Jahres, vom Urlaub vielleicht abgesehen, so viele Trennungen hervorruft. Auf der Homepage des Senders findet sich zudem ein psychologisch grundierter Test: "Ist auch Ihre Ehe in Gefahr?"Das Fundament ist also gelegt. Die Frage ist nur, ob der Film selbst die Kraft besitzt, Paare wieder zusammen zu zwingen. Durch die Augen der Unschuldigen, der Kinder, erzählt Wedel - der selbst nie verheiratet war, aber sechs Kinder mit sechs verschiedenen Frauen zeugte - in "Papa und Mama" geschickt verflochten von diversen Scheidungen und ihren Folgen.Im Mittelpunkt stehen der erfolgreiche Scheidungsanwalt Dr. Peter Ullrich (Fritz Karl), ein dynamischer, etwas eitler Enddreißiger. Seine Frau Katja spielt Silke Bodenbender, die ein wenig an die junge Sharon Stone erinnert. Und dann sind da noch die gemeinsamen Kinder, der sieben Jahre alte Philipp (Wolf-Niklas Schykowski) mit den großen Augen und seine 13-jährige Schwester Julia (Anna Hausburg), die gerade wüst pubertiert. Ihr sorgloses Villen-Leben samt aufgeräumter Kinderzimmer wirkt derart perfekt, dass sofort klar ist: Hier wird etwas gründlich schief laufen.Aus heiterem HimmelUnd so ist es dann auch. Aus scheinbar heiterem Himmel verlässt Katja ihren Mann, ihr behütetes Leben und zieht mit den Kindern aus. In der Kanzlei verschweigt Ullrich aus nahe liegenden Karriere-Gründen sein Elend, lediglich seinen Referendar, den Jura-Studenten Thomas Hupach (Maximilian Brückner) weiht er ein. Auch, damit der sich ein wenig um Julia und Philipp kümmert. Der 27-Jährige allerdings hat selbst genug zu tun. Mitten im größten Examens-Stress klingelt nämlich seine Mutter (Gisela Schneeberger) an der Wohnungstür: Der Vater (Peter Weck) habe nun eine andere, eine neue, eine jüngere auch noch.Von hier aus spielt Wedel, der auch das Drehbuch schrieb, die verschiedensten Schlachtanordnungen souverän durch, mal überaus komisch, mal mitfühlend traurig. Natürlich geht das bei einer Länge von insgesamt drei Stunden nicht ohne den einen Altherrenwitz oder das andere Klischee ab, wenn etwa der verlassene Gatte vor einer grotesk überschäumenden Waschmaschine kapitulierenden muss. Auf der Habenseite aber steht, dass Wedel alle Schwarz-Weiß-Schablonen lässig umkurvt und seine Figuren nie denunziert.Was umso überraschender ist, als Wedel sich dezidiert gegen die Reform des Scheidungsrechtes von 1977 stellt. Waren bis dahin klar die Frauen benachteiligt, so sieht er nun mehrheitlich die Männer als Opfer: "Es ist doch so, dass der Besserverdienende von dem, der die Kinder erzieht, ausgenommen und erpresst werden kann." Gleichwohl sieht er, dass es nicht immer so einfach ist: "Was Männer anstellen, da kriegt man das Kotzen."In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch "Papa und Mama". Da gibt es den gierigen Anwalt, der den Konflikt anheizt ("Trinkt ihr Mann zu viel?" "Nein, überhaupt nicht." "Auch gut, er ist also ungesellig"). Ebenso gibt es die plötzlich neu erblühte erotische Attraktivität des Ex. Da gibt es die verzweifelte Suche nach dem einen, alles erklärenden Grund der Trennung ebenso wie die plötzliche hasserfüllte, blutig endende Schlägerei. Da gibt es Verständnis für den älteren Mann, der glaubt, das kann doch noch nicht alles gewesen sein, ebenso wie für seine Frau, die ihn ihr Leben lang unterstützte, seine Spedition managte und der er kurzerhand den Boden unter den Füßen wegzieht.Und da gibt es, nicht zu vergessen und vor allem: die Kinder. Ihrem generellen Unverständnis, ihrer Hilflosigkeit, ihrem steten Wunsch, dass die Eltern zusammen bleiben, ihrem mühsamen Klarkommen mit der Situation und ihren Narben ist "Papa und Mama" gewidmet. Wedel ist dabei schlau genug, Patentrezepte wegzulassen: Er sagt nicht, wie man den Kindern eine Trennung erläutert, er lässt statt dessen - Bertolt Brechts Parabel "Der kaukasische Kreidekreis" im Hinterkopf - immer wieder aufblitzen, wie sie die Situation wahrnehmen. Wenn Philipp und Julia etwa ihre Eltern an Weihnachten im Schlafzimmer einsperren und sie erst wieder herauslassen wollen, wenn sie wieder ein Paar sind. Oder wenn Julia bitter resümiert: "Sie haben gesagt, es wird sich nichts ändern. Natürlich würden sie uns weiter lieben. Aber das haben sie sich ja auch einander geschworen."Überraschender AusgangEs hilft der kammerspielartigen Intensität, dass Wedel für "Papa und Mama", anders als bei ihm üblich, zu großen Teilen auf recht unbekannte Schauspieler setzt. Deren Gesichter drängen nicht automatisch Assoziationen auf, schaffen so eine größere Authentizität. Und es erstaunt, dass Wedel, der so oft Patriarchen-Epen erzählte wie "Der große Bellheim" oder "Der König von St. Pauli", die Frauen massiv in den Vordergrund rückt. Sie sind es, die gegen die herrschende Sprachlosigkeit ankämpfen. Sie sind es, die häufiger großherzig reagieren. Und sie sind es, die am Ende insgesamt weit weniger beschädigt sind als die Männern.Als das ZDF "Papa und Mama" Ende Oktober das erste Mal Fernsehkritikern zeigte, schlossen viele nach dem Ende des ersten Teils Wetten auf den Ausgang ab. Die meisten von ihnen lagen falsch. Für Dieter Wedel war es natürlich ein großes Kompliment, auch Hartgesottene noch zu überraschen.Ob sich aber nach dem Anschauen des zweiten Teils Paare wieder zusammen raufen, so wie Wedel hofft, darf dann doch angezweifelt werden. Sein Schluss, erneut Weihnachten spielend, diesmal aber unter Palmen, legt nahe, dass eine Trennung zwar dramatisch, aber beileibe kein Weltuntergang ist.Dem könnte auf ganz anderer Ebene entsprechen, dass Wedels Exklusiv-Vertrag mit dem ZDF Ende letztes Jahres auslief. Die zehnminütige Fortsetzung von "Papa und Mama" mit dem Untertitel "Ein Jahr später" ist jedenfalls auf Premiere zu sehen und auf den Internet-Seiten von Daimler Benz, ab dem 4. Januar, 21.55 Uhr, nach Ende des zweiten Teils. Sie bestätigt, glaubt man dem Trailer, dass das Leben weiter geht. So ist eines der größeren Probleme der männlichen Hauptfigur, des Scheidungsanwaltes Ullrich, inzwischen offenbar, dass die Polster seines neuen Autos nicht verschmutzen. Seine Tochter Julia aber kann ihn beruhigen: "Alles abwaschbar, Papa."------------------------------Der RegisseurDieter Wedel hat mit aufwändigen TV-Mehrteilern wie "Der große Bellheim", "Der Schattenmann" oder "Der König von St. Pauli" Fernsehgeschichte geschrieben und hohe Einschaltquoten erzielt. Sein letztes Werk, der Sechsteiler "Die Affäre Semmeling", liegt drei Jahre zurück und war unter der gewohnten Sehbeteiligung geblieben.Sein jahrelanger Exklusivvertrag mit dem ZDF lief Ende 2005 aus. Nach einem Film über die Privatisierung im Krankenhausbetrieb will der Regisseur für die ARD die Geschichte des Millionenbetrügers Jürgen Harksen verfilmen.Papa und Mama, 20.15 Uhr, ZDF. Zweiter Teil am Mittwoch, 20.15 Uhr.------------------------------Foto (2): Erfolgreich auch in eigener Sache: Scheidungsanwalt Peter (Fritz Karl) mit seiner Ex-Frau (Silke Bodenbender).Der Autor und Regisseur Dieter Wedel