OLDENBURG, 27. November. Ronny Rieken hat das Wort. Dreimal sagt er, daß es ihm leid tue wirklich, wahnsinnig und sehr leid. Und dann macht der 1,85 Meter große Mann, der so zusammengesunken auf seinem Stuhl viel kleiner wirkt, etwas, was er während der sechs Verhandlungstage vor dem Schwurgericht, der 5. großen Strafkammer des Landgerichts Oldenburg, noch nie getan hat. Er hebt seinen Blick. Für einen ganz kurzen Moment schaut er durch die schußsichere Glasscheibe, vorbei an den 15 Beamten, die zu seiner Bewachung und seinem Schutz im Landgerichtssaal postiert sind, das Ehepaar an, das ihm direkt gegenübersitzt: Sylvia und Manfred Nytsch. Die Eltern, deren einziges Kind er entführte, mißbrauchte, dreimal vergewaltigte, dann erdrosselte und, als es tot war, 17mal mit dem Messer stach, damit es so aussehe, als habe ein Geisteskranker die Tat begangen.Aber es war kein kranker Irrer, der die elfjährige Christina aus Strücklingen am 16. März ermordete. Es war Ronny Rieken. Ein Mann, "der wußte was er tat", wie der Vorsitzende Richter Rolf Otterbein sagt, als er das Urteil "lebenslängliche Haft" begründet, ein voll einsichts- und steuerungsfähiger Mann, wie die psychologischen Gutachter tags zuvor festgestellt hatten, ein Ehemann, der sich die sexuelle Befriedigung, die er bei seiner Frau nicht fand, mit Gewalt bei jungen Mädchen holte ein eiskalter Mörder, wie Sylvia Nytsch ihn nennt.Seine heile Welt konstruiertGleichzeitig ist Ronny Rieken, der als 13jähriger zu stehlen beginnt, drei Jahre später ein Nachbarsmädchen vergewaltigt, kurz darauf wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt wird und als 21jähriger über seine zwei Jahre jüngere Schwester herfällt, sie bis zur Bewußtlosigkeit würgt und zweimal vergewaltigt, gleichzeitig ist er auch Familienvater. Hinter der roten Klinkerfassade des von ihm gemieteten Einfamilienhauses in Elisabethfehn hat er sich seine heile Welt konstruiert. Dort führte er eine "liebevolle und gewaltfreie Ehe und kümmerte sich liebevoll um seine Kinder", sagt Otterbein in der Urteilsbegründung.Riekens dreijähriger Sohn Florian und seine zweijährige Tochter Lena spielten in dieser heilen Welt am 29. Mai im Garten. Ronny Rieken mähte neben ihnen Rasen, als plötzlich immer mehr Polizeiautos in die kleine Straße einbogen. Sein fünf Monate alter Sohn Tobias schlief an diesem Nachmittag, kurz vor halb vier, als die Beamten Rieken abholten, als sein Leben in Freiheit endete.Denn rauskommen aus dem Gefängnis wird er und will er, wie er selbst in seinem "letzten Wort" sagt, erst dann wieder, wenn man "mit 99prozentiger Sicherheit sagen kann, daß keine Gefahr mehr ausgeht von mir".Daß das jemals der Fall sein wird, bezweifelt der Essener Psychiatrie-Professor Norbert Leygraf. Er hält Rieken "nach derzeitigem wissenschaftlichen Stand" für nicht therapierbar. Und seine Kollegin, die Psychologin Sabine Nowara, geht bei Rieken von einer "hohen Rückfallgefahr" aus. Die Kammer spricht schließlich sogar von einer "immens hohen Rückfallgefahr" und verurteilt Rieken, drei Stunden nachdem er sein Schlußwort gesprochen hat, nicht nur zu lebenslänglicher Haft, sondern sie erkennt auch wie von Staatsanwalt Christian Schierholt und Nebenkläger Reinhard Nollmann, dem Anwalt der Eltern Nytsch, gefordert auf eine besondere Schwere der Schuld wegen der Vielzahl und Brutalität der Taten.Nach 15 Jahren wird Ronny Rieken also keinesfalls vorzeitig auf Bewährung entlassen werden. Und daß er danach jemals aus dem Gefängnis kommen wird, ist unwahrscheinlich. Denn erst wenn weitere Gutachter nach Ablauf der 15 Jahre zu einem anderen Urteil als Leygraf und Nowara kommen sollten und die zuständige große Strafvollstrekkungskammer davon überzeugen könnten, daß von Rieken keine Gefahr mehr ausgehe, bestünde die Möglichkeit, daß der Häftling wieder freikommt. "Aber nach heutigen Erkenntnissen wird es zu keiner Zeit eine günstige Prognose geben. Deshalb wird wohl lebenslange Haft tatsächlich lebenslang bedeuten", erklärt Richter Otterbein dem Angeklagten, der das Urteil mit gefalteten Händen offensichtlich teilnahmslos entgegennimmt so wie alles, was bislang in dem Saal über ihn gesprochen wurde.Die Anordnung einer Sicherungsverwahrung, fährt Otterbein fort, komme bei einer lebenslangen Freiheitsstrafe nicht in Betracht. Denn ein solches über das Haftende hinausgehende Wegschließen sei nach Auffassung der Kammer und des Bundesgerichtshofes nur dann möglich, wenn Täter zu Haftstrafen mit zeitlich klar umrissener Dauer verurteilt werden. Bei Rieken stand jedoch selbst für Pflichtverteidiger Rolf Sauerwein seit dem ersten Verhandlungstag fest, daß das Urteil nur lebenslänglich lauten kann. Schließlich hatte Ronny Rieken nicht nur Christina Nytsch umgebracht und sich "wegen des Gruppendrucks" (Otterbein) selbst mit der freiwilligen Abgabe einer Speichelprobe am Karfreitag beim bislang größten Massen-Gentest überführt. Er hatte danach auch gestanden, am 11. Juni 1996 Ulrike Everts aus Jeddeloh von der Ponykutsche herab entführt zu haben. Danach verschleppte er sie wie auch Christina im Kofferraum seines Opels, mißbrauchte sie, vergewaltigt sie und erdrosselte sie mit ihrem T-Shirt. Rieken warf die Leiche dann im Ipweger Moor in eine Senke, wo sie wohl bis heute nicht gefunden worden wäre, hätte er die Beamten nicht selbst dort hingeführt.Mehr als zwei Jahre lang hatten Ulrikes Eltern fest daran geglaubt, daß ihr Kind noch irgendwo lebt. Sie starteten die größte private Suchaktion, verteilten eine Million Plakate mit dem Bild ihrer "vergötterten Lütten" in ganz Europa. Nun haben sie zwar Gewißheit, sind "nervlich aber so am Ende", wie Marlene Everts sagt, daß sie ihre Nebenklage zurückgezogen haben, nicht zum Prozeß gekommen sind und von ihrem Anwalt auch gar nicht hören wollten, mit welcher "Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit" (Otterbein) Rieken ihre Tochter eineinhalb Stunden lang quälte, bevor er sie umbrachte.Als die Kammer über das Urteil beriet, spielten nur noch die beiden Morde, nicht mehr der Mißbrauch von Ulrike und Christina eine Rolle. Auch nicht die anderen Taten, die Rieken gestanden hatte: Daß er im Herbst 1993 die achtjährige Tochter seiner Schwägerin mißbrauchte, daß er am 17. Januar 1996 in Neuscharrel ein neunjähriges Mädchen entführte und quälte, daß er rund ein Dutzend Mal auf Feld- und Waldwegen Mädchen auflauerte, um diese zu vergewaltigen, die Kinder dann aber flüchten konnten oder er gestört wurde, daß er seine 15jährige Schwägerin zu sexuellen Handlungen verführt hatte. Die Verfolgung all dieser Taten war mit Zustimmung aller Prozeßbeteiligten am vorletzten Verhandlungstag vorläufig eingestellt worden, weil abzusehen war, daß allein die beiden Morde zu einer lebenslangen Haft führen würden.Bei der Gesamtbeurteilung des Angeklagten, so Richter Otterbein, spielten die im Urteil nun nicht berücksichtigten Taten jedoch durchaus eine Rolle. Sie zeigten, so die Kammer, daß der Angeklagte, als sich in seiner Ehe "sexuell praktisch nichts mehr abspielte", immer wieder tagelang umherfuhr, um nach Mädchen Ausschau zu halten, die er mißbrauchen könnte. Sobald die Gefahr drohte, daß ihn jemand entdecken könnte, ergriff er die Flucht. Nach den Taten hörte er den Polizeifunk ab. Angesichts dieses kühl überlegten Vorgehens stand für das Gericht fest, daß Rieken weder in seiner Steuerungsfähigkeit noch in seiner Schuldfähigkeit eingeschränkt ist. Christina und Ulrike habe er, so Otterbein, vorsätzlich und heimtückisch getötet, weil sie ihn unmaskiert gesehen hatten und er ihre Aussagen bei der Polizei gefürchtet habe. Otterbein attestierte dem Angeklagten einen "verfestigten Hang zu schwersten aggressiven Taten".Daß Ronny Rieken seine Haft nun im normalen Vollzug antreten und in keine psychiatrische Klinik eingewiesen wird, war nicht anders zu erwarten, nachdem Psychiater Leygraf und Psychologin Nowara ihre Gutachten vorgetragen hatten. Sie fanden bei dem durchschnittlich intelligenten Angeklagten (IQ 105) keinen Hinweis darauf, daß er pädophil oder sonstwie triebhaft krank sei. Eine strafrechtlich relevante seelische Abartigkeit fanden sie nicht.Kleine Mädchen habe Rieken nur deshalb überfallen, weil es einfacher ist, sie zu vergewaltigen als erwachsene Frauen. "Mag schon stimmen, daß man bei jungen Mädchen schneller ans Ziel kommt", hatte Rieken während des Prozesses gesagt, denn die hätten ja "mehr Angst als Vaterlandsliebe", und da reichte dann auch schon weniger Gewalt aus, um sie gefügig zu machen.Sich ausführlicher zu seinen Motiven äußern wollte Rieken vor Gericht nicht. Meist antwortete er auf Fragen nur einsilbig, ohne den Blick vom Boden zu erheben. Oder er zuckte mit den Schultern und sagte "ich weiß nicht". Immer wieder mußte ihm der Vorsitzende Richter vorhalten, was er den Kriminalpolizisten bei seinen Vernehmungen gesagt hatte. Zunächst hatte Rieken davon gesprochen, daß er mit den Mädchen nur über sein Leben habe reden wollen. Als ihm der Polizist nicht abgenommen hatte, daß man kleine Mädchen vom Rad reißt und in den Kofferraum sperrt, um dann in Ruhe reden zu können, räumte Rieken ein, daß er mit den Mädchen "einfach irgendwas machen wollte jetzt nicht brutal sein, aber Vergewaltigung gehört schon dazu". Das sagte er wörtlich ins Tonband der Polizei.Brutal, das bestätigte Rieken nochmals vor Gericht, sei die Vergewaltigung seiner Schwester gewesen, als er sie mit Hilfe eines Gürtels erst mehrmals bis zur Bewußtlosigkeit würgen mußte, bevor er ihren Widerstand gebrochen hatte. So brutal habe er bei den Mädchen nicht sein wollen. Er war es aber. "Kaltblütig und mit erbarmungsloser Brutalität", sagte am Donnerstag Staatsanwalt Schierholt, habe er die Mädchen zum Sex gezwungen.Sein Pflichtverteidiger nennt die Taten tags darauf "ganz grausam und ganz schrecklich", und Richter Otterbein spricht in der mündlichen Urteilsbegründung schließlich von "einem Gipfel der Gefühlskälte". Die Gutachter erklären sich die "äußerste Brutalität" nicht mit einem Hang zum Sadismus, sondern damit, daß Rieken als Kind nie die Möglichkeit gehabt habe, zu jemandem ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen. Daß Rieken "in einem familiären Klima der Gewalt" aufwuchs, regelmäßig von Vater, Mutter und später Stiefvater Prügel bezog, das sei mit verantwortlich dafür, daß er bis heute zu keiner Empathie fähig sei, kein Mitgefühl oder Mitleid entwickeln könne. Dieses "emotionale Defizit" wiederum ermögliche ein solch brutales Vorgehen.Die Gewalterfahrung der Kindheit"In seinen Taten hat er die Gewalterfahrung der Kindheit inszeniert, um sie zu überwinden", sagte Leygraf. Daß sein Mandant trotzdem nicht als krankhaft eingestuft wird, das wollte Verteidiger Sauerwein nicht akzeptieren: "Jemand, der solche Taten begeht, muß doch krank sein", warf er Gutachter Leygraf vor. "Nach volkstümlicher Meinung schon", entgegnete der Psychiater. "Aber man kann nicht sagen, je schrecklicher die Taten, desto krankhafter der Mensch. So ein Täter muß nicht krank sein."Dennoch forderte Sauerwein in seinem Plädoyer, Rieken in dem Celler Hochsicherheitsgefängnis, in dem er nun seine Haft verbüßen wird, eine Therapie zu ermöglichen, um ihm damit eine Chance zu geben, "eines Tages wieder Sonnenlicht zu erblicken". Ansätze für eine Therapie seien da, schließlich habe Rieken nach anfänglichen Lügengeschichten bei der Polizei Stück für Stück alles gestanden. "Man kann Herrn Rieken jetzt nicht einfach wegschließen. Es muß ihm eine Chance zur Resozialisierung gegeben werden", sagte Sauerwein, der keinen Antrag zum Strafmaß stellte.Vielleicht, meinte auch Nebenkläger Nollmann, hätte man die Entwicklung Riekens ja noch aufhalten können, wenn man ihn 1989, als er wegen der Vergewaltigung seiner Schwester verurteilt worden war, im Gefängnis nicht nur wegen seiner Alkoholsucht, sondern auch wegen seiner Sexualität behandelt hätte. Nollmann forderte deshalb weniger von der Kammer, eher vom Gesetzgeber künftig alle Ersttäter, die Gewalttaten begehen, eingehend zu untersuchen und gegebenenfalls zu therapieren.Aber selbst wenn Rieken damals behandelt worden wäre, hätte das wohl die weiteren Taten nicht verhindert, stellte Leygraf fest: "Meine Prognose ist deshalb äußerst düster." Auch Otterbein, der Rieken schon 1989 als Vorsitzender Richter des Schwurgerichts wegen der Vergewaltigung seiner Schwester verurteilt hatte, sieht das so: "Niemand hat damals die Entwicklung voraussehen können." Und obwohl sich der Vorsitzende nicht der Meinung des Verteidigers anschließt, daß jeder Mensch, der solche Taten wie Rieken begeht, krank sein müsse ("Allein die Scheußlichkeit der Taten selbst darf nicht Ausgangspunkt einer Diagnose sein"), weist er in seiner Urteilsverkündung darauf hin, daß man Rieken in der Haft die Chance eröffnen müsse, an ihm arbeiten zu können "auch im Rahmen einer Therapie".