Besonders cool waren sie nie. Der Bandname Rosenstolz versprach eine Mischung aus bemühtem Drama und angestaubtem Glamour, die frühen Alben "Soubrette werd' ich nie" oder "Die Schlampen sind müde" standen schon wegen der Titel unter dringendem Kleinkunstverdacht, und ihre alten Hits wie "Lass mich dein Schlafzimmer sein" oder "Ja ich will" - ein rundum entsetzliches Duett mit Hella von Sinnen - ließen auch nichts Gutes erwarten. Hinzu kam, dass Sängerin AnNa R. sich für ihren Namen eine unfassbar prätentiöse Schreibweise ausgedacht hatte und mit Peter Plate, der anderen Rosenstolz-Hälfte, auf Plattencovern posierte, die hinsichtlich Farbgebung, Fotografie und Gestaltung zu den fiesesten gehörten, die sich deutsche Bands jemals geleistet haben."Cool wollten wir ja aber auch nie sein", erklären AnNa R. und Peter Plate am Kaffeetisch des Hamburger Hyatt Hotels. Was wollten sie dann? "Musik machen", verrät Plate, und R. sagt: "Ich wollte einfach nur singen" - was angesichts ihrer älteren Arbeiten eine relativ harmlos klingende Umschreibung ist.Denn wer sich von den Äußerlichkeiten nicht abschrecken ließ und tapfer die Hörprobe wagte, wurde mit einer Musik konfrontiert, die einer wenig erfreulichen Mischung aus Neuer deutscher Welle und Chansons glich und reich mit nervenzerfetzender, Nina-Hagen-artiger Vokalakrobatik dekoriert war. Kurzum: für die Fachpresse waren Rosenstolz ein unauflösbares Knäuel ästhetischer Fehlentscheidungen und damit letztlich ein hoffnungsloser Fall.Doch während die Kritiker bei Rosenstolz entsetzt das Weite suchten, strömten die Massen der Band zu. Nicht plötzlich, sondern langsam und unaufhörlich. Nach jeder Platte wurden die Hallen ein bisschen voller und größer, so dass Rosenstolz im kommenden Herbst, im fünfzehnten Jahr des Bestehens, die Berliner Wuhlheide gleich drei Mal nacheinander füllen werden. Bereits das letzte Werk "Herz" wurde zweifach mit Platin ausgezeichnet, und das neue, das in der kommenden Woche erscheint, wird wahrscheinlich noch erfolgreicher sein."Das große Leben", so der Titel, ist das mittlerweile zehnte Album des Berliner Duos - und es ist mit Abstand sein bestes geworden. Zwar mussten schon bei "Herz" die härtesten Gegner der Band klammheimlich zugeben, dass Rosenstolz der eine ("Liebe ist alles") oder andere Song ("Ich komm an dir nicht weiter") ganz wunderbar gelungen war. Doch "Das große Leben" ist nun plötzlich und ganz unverhofft frei von all den Dingen, die Rosenstolz in der Vergangenheit so unerträglich machten. Es gibt keine Schlampen-Lieder mehr, keine ungelenk forschen Rocksongs, keine NdW-Verweise und auch keine dramatischen Kiekser, Heuler und Jodler. Eigentlich gibt es auf dem Album fast nur Balladen, und laut Auskunft der Band ergab sich das "wie von selbst".Anfangs waren AnNa R. und Peter Plate von der Balladenlastigkeit ganz verunsichert. "Wir haben die neuen Stücke unseren Vertrauten vorgespielt", sagt Plate. "Und die meinten dann: Macht bitte unbedingt genau so weiter!" Ihren Vertrauten sollten sie für diesen Rat auf Knien danken.Während pianogesättigter Gitarrenpop im Midtempo-Bereich für Rosenstolz dieses M al die musikalische Grundlage ist, handelt "Das große Leben" textlich vor allem von drei Themen: 1. von der Liebe, 2. vom Sein und 3. vom Sein unter den Bedingungen der Liebe. Titel wie "Nichts von alledem (tut mir leid)" schließen inhaltlich an die aktuelle Single "Ich bin ich (Wir sind wir)" an, doch dann kommt die Liebe dazwischen, und es heißt auf einmal "Ich bin verändert" und alles ist "Anders als geplant". Der letztgenannte Titel ist dabei der schönste und ergreifendste, zumal er sich auch als Kommentar zum gesamten Album lesen lässt. "Und wenn es besser wird / Besser als du glaubst / Und wenn es freier wird / Freier sind wir auch / Und wenn es schöner wird / Schöner als du ahnst / Und wenn es anders wird / Anders als geplant", singt AnNa R., während sich das Arrangement melodietrunken und selig hochschaukelt und schließlich der Himmel voller Geigen hängt.Es gibt einige solcher Momente auf dem Werk. Auch "Ich hab genauso Angst wie du", "Aus Liebe wollt ich alles wissen" und "Woran hält sich die Liebe" funktionieren in der Kombination aus ansprechendem Text und zwingender Melodie. Doch das eigentlich bemerkenswerteste Kunststück, das Rosenstolz gelungen ist, besteht darin, dass sie sich für "Das große Leben" verändert haben, ohne sich dabei wirklich zu verändern. Sie haben lediglich hier und da wichtige Auslassungen gewagt, an anderer Stelle wiederum ein paar Stilmittel betont, anschließend mit leichter Hand die Lücken gefüllt und das Ganze dann auf erstaunlich geschmackvolle und zugleich berührende Weise fertig gestellt. Ihre alten Fans wird "Das große Leben" bestimmt nicht verschrecken, dass sie mit dem Album völlig neue Hörer gewinnen, ist hingegen sehr wahrscheinlich. Peter Plate weiß auch schon ein Beispiel: "Nach all den Jahren wurden wir jetzt gerade zum ersten Mal in der Bravo erwähnt!" - was für zwei Musiker der Jahrgänge 1969 (AnNa R.) und 1967 (Peter Plate) ein bemerkenswert spätes Debüt ist.Überhaupt scheint die Band ein großes Talent dafür zu haben, alle denkbaren Publikumsgruppen für sich zu gewinnen. Spielten sie zunächst vor allem für eine Zuschauerschaft aus Schwulen und Kleinkunstfreunden, wiegen sich heute auch Mütter und Väter, Töchter und Söhne zu ihrer Musik. Und wahrscheinlich werden sie jetzt mit "Das große Leben" sogar die strenge Fachpresse für sich gewinnen, ohne dabei auch nur ansatzweise den Konsens zu gefährden. Eine wirklich erstaunliche und letztlich auch völlig überraschende Leistung.------------------------------Rosenstolz: Das große Leben (Universal)------------------------------"Das große Leben" ist frei von allem, was Rosenstolz so unerträglich machte.------------------------------Foto: "Cool wollten wir nie sein": AnNa R. und Peter Plate.