MEISSEN, im August. Das alte weiße Schulgebäude liegt hoch oben am Burgtor von Meißen, eine steile Straße aus Pflastersteinen führt hinauf zur Freiheit Nr. 13. Und ein Schild am Eingangstor erklärt, dass schon Gotthold Ephraim Lessing hier lernte. Es ist alles recht beeindruckend, und drinnen ist es sehr still für eine Schule mit hundert pubertierenden Jugendlichen. Die Jungen und Mädchen, die an diesem Sommermorgen in den langen Gängen noch ein wenig die Orientierung suchen, gehen auf das neu gegründete und bundesweit erste staatliche Hochbegabten-Gymnasium Sankt Afra. Auf einen ersten Blick unterscheiden sich die zehn bis sechzehn Jahre alten Schüler nicht von ihren gleichaltrigen. Einige Jungs sehen so aus wie die typischen Klassenbesten, es gibt aber auch die Coolen in Baggy-Jeans mit dem Schritt in den Kniekehlen, Mädchen in Miniröcken und mit hohen Absätzen. Raus aus der LangeweileConny Böttger gehört zu den Unauffälligen. Ob sie überdurchschnittlich intelligent ist, hat die 15-Jährige bislang nicht interessiert. Aber sie wusste: Für ihre Einsen und Zweien im Zeugnis musste sie nie lernen. Im Sport gab es auch mal eine Drei. Einen Grund die Schule zu wechseln, hatte Conny nicht. Nur, dass der Unterricht in ihrem Gymnasium in Schönheide im Erzgebirge immer langweilig war. "Die Lehrer haben den Stoff so lange durchgekaut, bis ihn der Schwächste verstanden hat." Da träumte sie meist schon vor sich hin.Als ihre Lehrerin von der Internatsschule Sankt Afra erzählte, beschloss Conny, sich in Meißen zu bewerben. Auch wenn sie dafür ein dreitägiges Aufnahmeverfahren über sich ergehen lassen musste und ihr Intelligenzquotient getestet wurde. Als hoch begabt gilt, wer einen IQ von mehr als 130 hat. Das sind zwei Prozent eines Jahrgangs. Normal Intelligente kommen auf 95 bis 110. Connys Wert dürfte deutlich darüber liegen, sonst hätte sie die Aufnahme nicht geschafft. Jetzt will sie nicht wissen, wie sie abgeschnitten hat. "Das interessiert mich nicht. Hauptsache, ich bin drin."Werner Esser hätte es ihr ohnehin nicht gesagt. Der Gründungsdirektor von Sankt Afra hält nichts davon, sich allein auf solche Messungen der Intelligenz zu verlassen, um die Hochbegabung festzustellen. "Da wird eine Scheinobjektivität hergestellt", sagt er. Seine Schüler mussten in den Tests auch ihre Kreativität und ihr soziales Engagement unter Beweis stellen. Und da kommt es eben nicht nur auf einen hohen Intelligenzquotienten an, sagt Esser. Dass der Wert egal ist, so weit würde er jedoch nicht gehen. Allein die Vorstellung, dass ein Durchschnittlicher die ausgeklügelten Prüfungen bestanden haben könnte, missfällt ihm. "Um Gottes willen, ich glaube nicht, dass wir in Sankt Afra einen 100er IQ haben."Dank der Auslese durch die psychologischen Tests sind unter den Schülern keine Problemkinder. Hoch begabt sind sie dennoch, was etwas erstaunt, hält man sich an die gängigen Klischees über die Wunderkinder. Nach diesen sind Hochbegabte fast immer verhaltensgestört, im schlimmsten Fall zwischen Genie und Wahnsinn zerrissen, oder nach mehrmaligem Sitzenbleiben auf der Sonderschule gelandet, bis die verzweifelten Eltern sie zu einem Psychologen schickten, der feststellt: Ihr Kind ist zu schlau für die Schule. Als Beispiel dafür, was aus Hochbegabten wird, wenn ihr Talent unerkannt bleibt, dient oft das Schicksal des Kaufhaus-Erpressers "Dagobert", dem nach der Festnahme ein Intelligenzquotient von 145 bescheinigt wurde."Unser Internatskonzept könnte gar nicht funktionieren, wenn die Kinder verhaltensgestört wären. Die Betreuung müsste viel intensiver sein", sagt Donatus Thürnau, der Deutsch, Ethik und Gemeinschaftskunde auf Sankt Afra unterrichtet. In der Sprache der Psychologen sind Schüler wie Conny, Franziska, Sarah oder Michel "hoch begabte Hochleister". Das heißt, sie haben nicht nur das Potenzial, sondern setzen ihre Begabung auch um. Und in Sankt Afra finden sie dazu ideale Bedingungen vor. Insgesamt 85 Millionen Mark investiert das Land Sachsen bis zum Jahr 2004 in die 1543 gegründete Fürstenschule. Allein der Umbau hat mehrere Millionen Mark gekostet. In zwei Jahren sollen hier dreihundert Schüler lernen. Sächsische Kinder zahlen dreihundert Mark im Monat, Auswärtige sechshundert. Zum Vergleich: Das private Internat Salem kostet 3 800 Mark im Monat. Das Wort des MinistersAuf dem Schulhof von Sankt Afra plätschert ein alter Brunnen, drei große Bäume spenden Schatten. In den lichtdurchfluteten Klassenzimmern stehen helle, moderne Holzmöbel, die blauen Wandtafeln sind noch ohne Kratzer, alles ist frisch gestrichen. Sogar Klaviere gibt es in den schallisolierten Übungsräumen. Schule, wie sie schöner nicht sein könnte."Hier wird die künftige Elite Sachsens geformt", hatte Kultusminister Matthias Rößler verkündet. Für viele war dieses Wort des Ministers von der Elite eine Zumutung. Und manche Schüler von Sankt Afra reagieren empört, wenn man sie darauf anspricht. "Ich bin so normal wie jeder andere", sagt etwa die zwölf Jahre alte Katharina Strauch aus Leipzig. Als Teil einer Elite will sie nicht bezeichnet werden. Werner Esser bekam E-Mails von Leuten, die sich beschwerten, dass im ganzen Land Schulen geschlossen würden und hier eine überflüssige "Kaderschmiede" errichtet werde. Der 51 Jahre alte Direktor, der nach sechzehn Jahren an der Schlossschule Salem am Bodensee nach Sachsen gezogen ist, sagt, er verstehe die Aufregung nicht. "Als ich 1995 von diesem Projekt erfahren habe, da stand für mich fest: Das ist eine historische Aufgabe." In einer Zeit, in der immer mehr junge Leute aus Sachsen weggehen, werde hier der Bildungsstandort gestärkt. So sieht es Esser.Noch nie gab es in Deutschland eine staatliche Schule, die sich der Förderung von Hochbegabten angenommen hat. Jahrzehntelang galt das Ideal der Chancengleichheit und Bildung für alle. Pädagogen hielten sich an den Grundsatz: "Auf der Schulbank sind alle gleich." Diese Einstellung ändert sich in den Köpfen der Bildungspolitiker langsam. Fast jedes Kultusministerium hat inzwischen eine Anlaufstelle für Hochbegabte. Nach Sachsen plant auch Hessen für 2003 eine staatliche Hochbegabtenschule. In einigen Ländern bieten Gymnasien inzwischen Förderklassen an. Mit Elitenbildung habe das nichts zu tun, sagt Werner Esser. So wie ein schwacher Schüler ein Recht darauf habe, gefördert zu werden, gelte das auch für einen Hochbegabten. Dabei hat der Schuldirektor mit dem Wort Elite kein Problem - solange man darunter nicht nur eine Leistungselite für die Führungsetagen der Wirtschaft versteht, "sondern Menschen, die gesellschaftlich Verantwortung übernehmen wollen". Ansonsten ist er die Diskussion inzwischen leid und rät zu Bescheidenheit: "Selbst wenn man zur Elite gezählt werden sollte, tut man gut daran, sich nicht als solche zu bezeichnen."Geht es nach dem Marburger Psychologen Detlef Rost, ist eine Schule wie Sankt Afra ohnehin überflüssig. "Diese pflegeleichten hochleistenden Hochbegabten, die ein Traum für jeden Lehrer sind, kommen sehr gut ohne spezielle Förderung zurecht. Sie sind selbstständig, gehen in Bibliotheken oder setzen sich an den Computer." Seit vierzehn Jahren begleitet Rost in einem wissenschaftlichen Langzeitprojekt 151 Hochbegabte. Und eines seiner Ergebnisse ist, dass die meisten der hoch begabten Kinder sehr gut in einer normalen Schule aufgehoben seien. Eltern und Lehrern gibt Rost den Rat: "Im Regelfall sind hoch begabte Kinder keine Problemkinder und die Schulen sollten lernen, mit ihnen zurechtzukommen und anders herum." Schließlich müssten diese Wunderkinder im späteren Leben auch mit Normalbegabten zurechtkommen. Gelangweilte Schüler sind für den Psychologen höchstens ein Zeichen von schlechtem Unterricht. Er sähe es am liebsten, wenn das Geld statt in eine Schule für Begabte wie Sankt Afra in die Regelschulen gesteckt würde, um dort den Unterricht zu verbessern. Die Schüler von Sankt Afra kümmert der theoretische Disput wenig. "Ich bin froh, dass ich hier sein darf. In meiner alten Schule war das Dach undicht und es regnete herein, im Winter mussten wir unsere Jacken anlassen, weil die Heizung kaputt war", erzählt die 16 Jahre alte Sarah Ruppe aus Weimar. Sie kann es nicht erwarten, die Vertiefungskurse in Mathematik zu erleben, die drei Pflichtsprachen zu erlernen und erstmals richtig gefordert zu sein. Ihrem Lehrer Thürnau macht aber genau dieser Eifer der Schüler Sorgen; der Ehrgeiz von Schülern, die am liebsten alle sofort an Jugend forscht oder Jugend musiziert teilnehmen wollen. "Wer das Ziel hat, auch hier der Beste zu sein, wird es schwer haben." Dass sich die Schüler in Meißen nicht überfordern, sollen Mentoren verhindern. Die Nervosität der BestenSchulleiter Werner Esser hat besonders bei einigen Mädchen Bedenken, dass sie zu viel von sich verlangen werden. "Diejenigen, die ich jetzt schon für die Besten halte, sind von einer Nervosität und Empfindsamkeit, die mich hellhörig macht." Esser hat deshalb kein Verständnis für die Theorien des Psychologen Rost, wonach hoch begabte Kinder keine Sonderbehandlung benötigen. Jeder zweite Schüler habe ihm gesagt, dass er an seiner alten Schule Probleme hatte, akzeptiert zu werden. "Die galten als Streber, das ging bis zum Mobbing." Vom Mobbing erzählt Conny nicht, aber davon, dass der cool war, dem die Schule egal war, der sich durchmogelte. "Es ist nicht gerade in Mode, sich zu engagieren." Auf Sankt Afra muss Conny nicht befürchten, mit ihrem Eifer als uncool aufzufallen. Sie ließ sich auch nicht von einer Freundin abschrecken, die sie warnte: "Auf deiner alten Schule warst du eine der Besten, dort wirst du nur eine von vielen sein." Wie viele ihrer Mitschüler hat Conny ihre Ziele klar gesteckt: Erst die Probezeit bis Oktober schaffen, dann das Abitur und dann studieren. Sollte einmal im Zeugnis eine Drei stehen, dann wird eben noch mehr gelernt. Und nur für eins hat auch Schulleiter Esser noch kein Konzept: Was passiert, wenn einer sitzen bleibt? Esser schluckt und zögert, dann sagt er: "Das kann ich mir nicht vorstellen. Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist."BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER "Wer das Ziel hat, auch hier der Beste zu sein, wird es schwer haben. " Schüler in Sankt Afra.