NEUENDORF. Ein paar Kilometer hinter dem kleinen Ort Märkisch-Buchholz (Dahme-Spreewald) führt eine schmale Straße ins Dörfchen Neuendorf am See. Von dort schlängelt sich eine lange Asphaltpiste durch dichte Wälder bis zu einem ehemaligen Ferienlager. Rund 20 Häuschen, auffällig gelb gestrichen, stehen zwischen hohen Kiefern. Es ist eine Fuchs-und-Hasen-Gegend, fernab von jedem störenden Trubel. Das Tor zu dem weitläufigen Areal der "Haasenburg" steht offen. Und das, obwohl sie als härtestes Kinder- und Jugendheim Brandenburgs gilt. Hierher werden jene Jugendlichen geschickt, mit denen ihre Eltern nicht mehr klarkommen - und auch die Heime nicht, in denen sie zuvor waren und aus denen sie oft abgehauen sind. Jeder könnte hier raus, doch man sieht Jugendliche Basketball spielen, die Stimmung ist ausgelassen.Das könnte am Konzept der Einrichtung liegen, von dem sich Justizministerin Beate Blechinger (CDU) am Mittwoch vor Ort überzeugt. "Es ist ein beeindruckendes Konzept mit einer sehr intensiven Betreuung", sagt sie. "Es gibt einen fließenden Übergang zwischen geschlossener und offener therapeutischer Unterbringung." Aus Sicht der Ministerin ist das Haus ein wichtiger Teil der Kriminalprävention. "Wenn es gelingt, schwierige Jugendliche in ein friedliches Leben zu integrieren, ist die Chance groß, dass sie nicht im Gefängnis enden."Anti-AggressionszimmerLandesweit gibt es etwa 400 Heime mit insgesamt 5 000 Plätzen. Annähernd 4 000 Kinder und Jugendliche wurden von den Jugendämtern dorthin eingewiesen: misshandelte oder missbrauchte Kinder, drogensüchtige, kriminelle oder äußerst aggressive, Dauerschulschwänzer oder abgehauene Jugendliche, die sich gar prostituiert haben. Es gibt landesweit nicht ein geschlossenes Heim mit hohen Mauern. "Die Haasenburg ist das einzige Heim, in dem Jugendliche zur Gefahrenabwehr in ein Anti-Aggressionszimmer gesperrt werden dürfen. Etwas, das es auch in Berlin nicht gibt", sagt Anita Stöhr vom Landesjugendamt. "Es spricht aber für die Einrichtung, dass dies nur äußerst selten nötig ist."Es ist eine von vier Einrichtungen, die die Haasenburg GmbH - der Name geht auf den Gründer zurück - mit ihren 150 Mitarbeitern betreibt. Insgesamt etwa 100 Problemfälle betreut sie, allein 50 sind es in Neuendorf - zwölf davon aus Berlin. "Jugendämter aus dem ganzen Bundesgebiet weisen Kinder ein und zahlen für die Betreuung", sagt Geschäftsführer Mario Bavar. Die Tagessätze pro Platz liegen bei 90 bis 300 Euro, je nach notwendiger Betreuung. "Es gibt auch Heime mit Tagessätzen von 600 Euro", sagt er.Etwa 80 Prozent der Kosten sind Personalkosten. Auch das ist ein Geheimnis des Erfolgs. "Wir setzen nicht auf Zäune oder Stacheldraht", sagt Bavar. "Stattdessen verhindern wir Entweichungen durch intensive Betreuung, durch viel Personal, durch einen geregelten Tagesablauf von morgens bis abends."Viele der Jugendlichen werden auf richterliche Anordnung eingewiesen und sind gegen ihren Willen hier. Gegen ihre Verhaltensauffälligkeiten oder psychischen Störungen gehen Pädagogen und Psychologen sehr individuell an. Die meisten Insassen kommen ab dem zwölften Lebensjahr und bleiben zwei Jahre."Oft werden sie uns als Monster beschrieben", sagt Bavar. Meist seien sie aber gar nicht so schlimm. Ziel der pädagogisch-therapeutischen Betreuung ist es, dass die Jugendlichen "so glücklich wie möglich" sind. "Wir versuchen, zu ihnen eine stabile Beziehung aufzubauen. Das kannten sie meist vorher nicht", sagt der 40-Jährige. "Sie sollen den Aufenthalt nicht als Strafe begreifen, sondern erkennen, dass sie hier Halt und Angebote finden, die sie zu Hause nicht hatten."Rauch- und DrogenverbotDie Jugendlichen gehen auf dem Gelände zur Schule, können eine Ausbildung machen und lernen, selbstständig zu leben. Es herrscht aber auch strenges Rauch- und Drogenverbot. "Schön wäre es, wenn hinterher alle studieren würden", so Bavar. Doch das sei illusorisch. "Es ist auch ein Erfolg, wenn jemand, der sich 365 Tage im Jahr selbst verletzt hat, hinterher allein leben kann und einen Platz in der Gesellschaft findet."