Plötzlich sind die Kindheitserinnerungen wieder wach: Gut gekleidete Menschen, die in der Toreinfahrt aus ihren Autos steigen und in dem Haus verschwinden. Winfried, der Junge aus dem Nachbarhaus, weiß, wohin sie gehen. In den prächtigen Sälen des Hauses Lützowstraße 76 fanden einst große Orchesterkonzerte und Liederabende statt. Der kleinere von beiden, der frühere Schwechte- und spätere Schumannsaal, galt zwischen 1910 und 1945 als einer der schönsten und berühmtesten Konzertsäle Berlins. Er hatte 500 Plätze und einen Rang.Das letzte Mal stand Winfried Maier 1945 in diesem Saal. "Der Krieg war vorbei und ich suchte in den Trümmern nach etwas Brauchbarem", erzählt er. Eine Bombe hatte das Dach des Schumannsaales zerstört. In einer Schatulle fand der Junge Aktienbriefe. "Die waren von Daimler-Benz. Ich habe sie bei den Amis gegen Süßigkeiten eingetauscht", erinnert er sich. Jetzt nach 56 Jahren steht Maier wieder dort. Es ist seine Art, die Vergangenheit zu verarbeiten. Denn die Erinnerungen an die Bombennächte des Krieges lassen den 65-Jährigen bis heute nicht in Ruhe. Mit seinen Eltern lebte Maier von 1939 bis 1957 im Nachbarhaus. "Während der Bombenangriffe flohen wir in den Luftschutzkeller der Lützowstraße 76." Wie damals läuft Maier durch den Luftschutzkeller und über die breiten Treppen in den Schumannsaal. Scheinwerfer über der Bühne"Nichts hat sich hier verändert", stellt er fest. Die Scheinwerfer hängen noch über der Bühne, verstaubt und verschmutzt. Vergoldete Ornamente und blaue Stoffbahnen lassen den einstigen Prunk ahnen. Die Säle im Haus an der Lützowstraße 76 waren in ihrer Glanzzeit berühmt. Ihre Akustik begeisterte Musikliebhaber und Konzertkritiker gleichermaßen. "Das Klavier klang ausgezeichnet, der getragene Ton floss rund und voll in den Saal, und auch dem Gesang kamen die klanglichen Verhältnisse des Saales aufs Günstigste entgegen", hieß es in einer Konzertkritik über den Schumannsaal aus den dreißiger Jahren. "Die Akustik des Bachsaales ist wundervoll", schrieb Wilhelm Klatte, Musikprofessor der Universität Berlin. Die Deutsche Grammophon AG nutzte die Säle für Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen. Auch das UFA-Sinfonieorchester spielte dort. Ein AktenlagerDoch der Glanz von einst ist verblasst. Heute ist der Schumannsaal ein vergessener Saal, verborgen hinter einer unscheinbaren Fassade. Wer an dem Haus vorbeigeht, ahnt nicht, was sich hinter den schmalen Fensterreihen verbirgt. Tatsächlich wissen weder Mitarbeiter des Denkmalamtes noch des Heimatmuseums Tiergarten etwas über die Konzertsäle. "Wir haben keine Ahnung", muss auch eine Sprecherin des Landesdenkmalamtes zugeben. Selbst Musikprofessoren und Orgelspezialisten fanden keine Hinweise auf die Säle in ihren Archiven. Vielleicht ist Winfried Maier der Einzige, der die Säle noch aus eigenem Erleben kennt. "Ich war damals das einzige Kind in unserem Haus", sagt er. "Außer mir kann niemand mehr etwas über diese Geschichte erzählen." In der verriegelten Toreinfahrt hängen heute noch goldglänzende Mosaikbilder. Davor stehen hohe Regale mit neuen Toilettenbecken und Wascharmaturen. Sie gehören der Sanitär- und Heizungsfirma Bergmann & Franz, die das Grundstück 1965 gekauft hat. Den Schumannsaal nutzt die Firma als Aktenlager, für Betriebsfeiern und kleine Empfänge. "Für den Schumann- saal", sagt Prokurist Uwe Grahl, "hat sich bisher niemand interessiert."Geschichte eines Hauses // 1907 ließ der Komponist und und Dvorak-Schüler Robert Robitschek zwei Konzertsäle in der Lützowstraße 76 bauen. In den damaligen Blüther-Saal baute die Firma E. F. Walcker eine Konzertorgel mit 60 Registern. Robitschek war Direktor des nahe gelegenen Konservatoriums Klindworth-Scharwenka in der Genthiner Straße. Die Musikschüler und Komponisten nutzten die Säle für Proben und Konzertaufführungen Zu ihnen gehörten auch Paul Dessau und Hanns Eisler.1923 übernahm Oskar Schwalm das Haus. Das Konservatorium litt unter der Weltwirtschaftskrise und musste Räume aufgeben.1928 gab es drei Säle im Haus: der Feurig-Saal (330 Plätze) befand sich im Erdgeschoss, der Bachsaal (1 162 Plätze) und der Schwechte-Saal (500 Plätze) lagen darüber.1932 wurde der Feurig-Saal geschlossen. Schwalm war verschuldet und beklagte gegenüber der Baupolizei die "trostlose Geschäftslage". Er konnte Reparaturen im Haus nicht mehr bezahlen.1942, nach Schwalms Tod, kaufte die Stadt Berlin das Haus für 320 000 Reichsmark. Der Schwechte-Saal wurde in Schumannsaal umbenannt. Die Stadt setzte einen Zwangsverwalter ein und vermietete die Säle auch für Konzertaufnahmen.1945 wurde das Dach des Schumannsaales bei Bombardierungen stark beschädigt. Den Bachsaal nutzte die Möbelfirma Dahlke nach dem Krieg als Möbellager.1949 zerstörte ein Großbrand etwa 700 Quadratmeter Lagerfläche und Möbel auf dem Gelände. Dabei wurde auch der Bachsaal zerstört.1950 ließ das Bezirksamt Tiergarten das vom Krieg beschädigte Dach des Schumannsaales notdürftig reparieren.1965 kaufte die Firma Bergmann & Franz das Grundstück für 630 000 Mark vom Land Berlin.BERLINER ZEITUNG/KARL MITTENZWEI Nach 56 Jahren sitzt Winfried Maier wieder im Schumannsaal. Das letzte Mal sah er ihn nach Kriegsende als 10-Jähriger. Seitdem hat sich wenig verändert.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Lützowstraße 76: Über den Büroräumen im ersten Stock liegt der Schumannsaal. Im Nachbarhaus (r. ) wohnte Winfried Maier bis 1957.