Liebe Mama", hatte Käthe Tucholla in ihrem letzten Brief geschrieben. "Dir, meine Arme! Sei tapfer heute. Ich bereue nichts. Mein Leben war reich. Sei stark wie ich es bin. Ich habe mein Leben der leidenden Menschheit gewidmet." Wenig später wurde Käthe Tucholla in Plötzensee hingerichtet. Gemeinsam mit ihrem Mann Felix hatte die parteilose Lichtenbergerin zur illegalen Widerstandsgruppe um Robert Uhrig gehört. Sie wurde nur 33 Jahre alt. Spottlied über HitlerKäthe Tucholla ist eine Von mehr als 100 Frauen, die das Heimatmuseum Lichtenberg nun mit einer Ausstellung ehrt. "Unangepasste Frauen 1933-1945" heißt die Exposition, die einen Blick wirft auf Lichtenbergerinnen und Friedrichhainerinnen, die sich dem NS-Regime widersetzten. Darunter finden sich bekannte Namen wie die Von Mildred Harnack und Hilde Coppi, die wegen ihres aktiven Widerstandes hingerichtet wurden, aber auch unbekannte Namen. Dorothea Fonden beispielsweise, eine eher unpolitische Angestellte und dreifache Mutter, hatte für Kollegen ein Spottgedicht über Hitler vervielfältigt und wurde zum Tode verurteilt. Gemeinsam ist all diesen Frauen, dass sie sich nicht an das erwartete Bild Von der "deutschen Mutter und Stütze ihres Mannes" anpassen wollten. Verschieden jedoch waren ihre Beweggründe, sich zu widersetzen. "Die einen handelten aus politischer oder religiöser Überzeugung die anderen aus dem einfachen Willen zur Mitmenschlichkeit", sagt Christine Steer, die Leiterin des Heimatmuseums. Mit der Ausstellung habe sie darauf aufmerksam machen wollen, das viele Frauen außer acht gelassen oder schlichtweg vergessen wurden. "Im Straßenbild tauchen vor allem die Namen der Männer auf", sagt Steer. Gut ein Jahr lang hatte sie mit Kolleginnen nach Spuren Von unangepassten Lichtenbergerinnen und Friedrichshainerinnen gesucht, in Archiven geforscht und Publikationen zu Rate gezogen. Gestoßen waren sie bei ihren Nachforschungen auch auf Erna Muhs. Als Mitglied der Zeugen Jehovas gehörte sie zu jenen Frauen, die wegen ihrer religiösen Ansichten verfolgt wurden. "Alle paar Wochen durchsuchten damals Männer Von der NSDAP unsere Wohnung und beschlagnahmten Bücher", erinnert sich die heute 90-Jährige. Mehrere Monate verbrachte sie wegen ihres Glaubens in Haft. Ihr Mann, der als wahrer Christ den Wehrdienst verweigert hatte, wurde 1942 geköpft. "Mich haben die Schicksale all dieser Frauen sehr berührt und emotional aufgewühlt", sagt Christine Steer. "Ich konnte mich da sehr reinfühlen." Zum Beispiel, wenn Frauen im Gefängnis ihre Kinder zur Welt bringen mussten oder mit ihren Säuglingen inhaftiert wurden. Wie Milda Voss: Fast ein Jahr lang hatte sie mit ihrer Tochter Ingrid in Untersuchungshaft gesessen bis sie 1938 wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Die Kommunistin und gebürtige Lettin hatte sich in Berlin am Widerstand beteiligt. Als sie sich Anfang 1945 gemeinsam mit 9 000 anderen Frauen auf den Todesmarsch vom schlesischen Jauer nach Görlitz machen musste, gelang ihr die Flucht. "Sie wurde mir als Tante Elli vorgestellt", erinnert sich die Tochter. Erst bei Kriegsende gab sich Milda Voss ihrer siebenjährigen Tochter zu erkennen. Deren Reaktion: "Jetzt glaube ich Dir nichts mehr."VERANSTALTUNGEN // Die Ausstellung "Unangepasste Frauen 1933 1945" wird bis zum 29. Juni 2000 im Heimatmuseum, Parkaue 4, gezeigt. Di, Do 11 18 Uhr, Mi 13 18 Uhr, So 14 bis 18 Uhr. Feiertags geschlossen.Begleitveranstaltungen: Über den Widerstand in Lichtenberg und Friedrichshain (Vortrag von Hans-Rainer Sandvoss): Do, 16. Sept. , 18 Uhr, VHS Lichtenberg, P. - Junius-Straße 71.Die Gedenkstätte Plötzensee, Führung: Mi, 22. Sept. , 11 Uhr, Anmeldung im Heimatmuseum unter 57 79 46 53.Frauen in Haft. Das Gefängnis in der Barnimstraße (Videofilm mit anschließender Buchvorstellung): Mi, 13. Okt. , 17. 30 Uhr, Treffpunkt Heimatmuseum Lichtenberg. Der Eintritt ist frei.