WASHINGTON, im September. Der Himmel ist voller Sterne, weil der Sternwärter Ojishona schlief und der Fuchs seinen Sternenbeutel geöffnet hat. Die Sterne sind aus dem Beutel direkt in den nächtlichen Himmel geflogen. So jedenfalls, meinen die Navajos, sind die Sterne ans Firmament geraten. Die Tligint hingegen denken, ein Rabe habe sich in ein Kind verwandelt und Sterne, Mond und Sonne aus einer großen Kiste herausgelassen. Jeder Indianerstamm hat seine eigene Vorstellung, warum die Sterne am Himmel sind, warum die Sonne scheint und der Wind weht. So ist es ein Haus voller Geschichten, dieses Museum für die ersten Einwohner Amerikas, das National Museum of the American Indian, das am kommenden Dienstag in Washington eröffnet wird. Knapp fünfzehn Jahre nachdem der amerikanische Kongress entschieden hat, den Indianern auf Washingtons berühmter Museumsmeile, der Mall, ein Denkmal zu setzen, ist das Museum nun fertig. Es war eine schwere Geburt. Vor allem deshalb, weil das neue Museum ein authentisches "Ureinwohner"-Museum werden sollte, sagt Richard West, Häuptling eines Cheyenne-Stammes aus Oklahoma und Chef des Museums.Alles fließtMan findet in dem gesamten Gebäude keine Ecken. Von der goldbeigen Naturstein-Fassade bis zu den Glas-Vitrinen sind alle Formen in dem Museum rund, geschwungen, in sich geschlossen, immer im Fluss - ein Zeichen für die Harmonie zwischen Mensch und Natur. Vermutlich gibt es wenige Museen auf dieser Welt, in denen Natur eine so große Rolle spielt wie in diesem neuesten Washingtoner Museum. Die Aula ist mit Holzstäben ausgekleidet, was der großen Bedeutung des Waldes Rechnung tragen soll. Die Kuppeldecke der Eingangshalle gibt den Blick zum Himmel frei.Selten wohl hat auch das Zusammentragen von Ausstellungsstücken eines Museums so viel Planung erfordert wie in diesem Falle. So durften zum Beispiel gewisse Exponate nicht gemeinsam transportiert werden, da das die Geister störe. Indianische Kampfschilder mit ihren Symbolen durften nur in einem bestimmten Winkel zueinander aufgestellt werden. Und unter den insgesamt 600 000 Ausstellungsstücken gab es einige, die nur von Frauen, andere, die nur von Männern berührt werden durften. Einige der Stücke sind relativ neu, andere so alt, dass nicht einmal die alten Häuptlinge wissen, ob man sie berühren darf oder nicht. Bemerkenswert klein werden in dem Museum übrigens die Ausrottung der Indianer durch die Weißen und die blutigen Kämpfe der Stämme untereinander behandelt. Es ist ganz offensichtlich, dass die Indianer das prominenteste Museum für ihre Geschichte vor allem als Aushängeschild für ihre Kultur nutzen und jegliche Konfrontation meiden wollen.