PEKING. Ob die Olympischen Winterspiele von Turin nun endlich beendet sind? Knapp vierzehn Monate sind nach dem Sportfest vergangen, doch am Mittwoch hat das Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) noch einmal in die Ranglisten eingegriffen. Sechs Österreicher wurden für olympische Wettbewerbe auf Lebenszeit gesperrt: Roland Diethart, Johannes Eder, Jürgen Pinter und Martin Tauber (Langlauf) sowie Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann (Biathlon). Das Verfahren gegen Christian Hoffmann, den ebenfalls unter Dopingverdacht stehenden Langlauf- Olympiasieger von 2002, wurde an den Ski-Weltverband (Fis) überstellt. Hoffmann, der nicht in Turin antrat, war vor den Winterspielen bei einer unangekündigten Dopingkontrolle nicht angetroffen worden.Im Urteil, das IOC-Präsident Jacques Rogge und Thomas Bach, Vorsitzender der juristischen IOC-Kommission, in Peking verkündeten, ist ausdrücklich festgehalten, dass die mutmaßlichen Blutdoper in keiner Funktion jemals wieder an den Spielen teilnehmen dürfen - weder als Athlet, noch als Betreuer, Trainer, Arzt oder Funktionär. Im vergangenen Jahr war bereits der einschlägig olympisch vorbestrafte Dopingtrainer Walter Mayer auf Lebenszeit ausgeschlossen worden. Mayer hatte bereits bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City die so genannte Blutbeutel-Affäre zu verantworten, weshalb er zunächst für zwei Winterspiele suspendiert worden war. Dennoch arbeitete er weiter mit Athleten und hielt sich in Turin 2006 in der Nähe der Sportler auf, die - wie schon in Salt Lake City - außerhalb des Olympischen Dorfes Quartier bezogen hatten. Nach einer Razzia der italienischen Polizei war Mayer unter abenteuerlichen Umständen geflüchtet. Die Gaunerstory machte weltweit Schlagzeilen. Schon damals hatte Rogge, der sich umgehend mit Österreichs Bundeskanzler Wolfgang Schüssel getroffen hatte, angekündigt: "Das IOC wird deutlich zeigen, dass wir diese Leute bei den Spielen nicht dulden." In diesem Fall hat er sein Versprechen eingelöst.Labor in der WohnungDie von Bach geleitete Disziplinarkommission, der außerdem der Schweizer Denis Oswald und der Ukrainer Sergej Bubka angehörten, hatte Anfang dieses Jahres die Unterlagen von den italienischen Behörden erhalten. Demnach sei laut Bach erwiesen, dass die Athleten a) im Besitz verbotener Substanzen und medizinischer Ausrüstung waren; und dass sie b) konspirativ zusammengearbeitet und ihren Betrug gemeinsam vertuscht haben. Der Besitz allein sei ausreichend, um dies als Verletzung der IOC-Regeln anzusehen, sagte Bach. "Es ist außerdem sehr unwahrscheinlich, dass man auf engstem Raum zusammenlebt und keiner vom anderen gewusst hat, was er tut." Die Athleten hätten quasi in einem Labor gehaust - zwischen unglaublichen Mengen an Blutkonserven, Spritzen, Dopingmitteln und Laborgeräten wie etwa Hämoglobin-Messgeräten. Bach bezeichnete das Urteil als "die härteste Strafe, die das IOC je ausgesprochen hat".Letztlich war wieder einmal - wie schon 2002 in Salt Lake City, als der Blutpanscher Johann Mühlegg enttarnt wurde - Richard Pound der Vater dieses Fahndungserfolges. Kontrolleure der von Pound geleitetet Weltantidopingagentur Wada waren am 29. Januar 2006 bei einer Zielkontrolle in Ramsau aufgetaucht: in der vom Dopingtrainer Mayer geführten Pension Erzherzog Johann. Sie sollten von Christian Hoffmann, Johannes Eder, Martin Tauber, Michail Botwinow und Markus Hasler Urinproben nehmen. Nur Eder wurde angetroffen, er versuchte dann, die Kontrolleure stundenlang vom Haus fernzuhalten. Er verlangte, die Urinprobe im abseits gelegenen Trainingszentrum abzugeben. Laut einer Aktennotiz, die der Berliner Zeitung vorliegt, hat Mayers Frau Gerlinde den Wada-Fahndern verboten, in der Pension die Dopingkontrollen durchzuführen. Gerlinde Mayer habe sich "extrem aggressiv benommen" und wollte die Fahnder rauswerfen. Im Keller des Gebäudes entdeckten die Kontrolleure zahlreiche Medikamente, eine Blutzentrifuge und einen Eimer mit Injektionsnadeln.Für einen noch größeren Skandal sorgte dann aber Peter Schröcksnadel, allmächtiger, höchst umstrittener, doch bislang krisenfester Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV). Schröcksnadel war am 30. Januar bei der Olympianominierung in Wien anwesend und hat, obwohl bestens informiert, dem österreichischen Olympiakomitee (ÖOC) kein Wort über den Vorfall in Ramsau erzählt. Schröcksnadel, der seit der Razzia in Turin der Weltöffentlichkeit in schillerndsten Farben das Bild vom bösen IOC und von unschuldigen Sportlern malte, wusste also Bescheid. Auch ÖSV-Sportdirektor Markus Grandler war über den Vorfall informiert. Dennoch erklärte Grandler vierzehn Monate später, nach dem IOC-Urteil, in beispielloser Unverfrorenheit: "Sollte es schwerwiegende Vorwürfe geben, die wir noch nicht kennen, wird der ÖSV reagieren. Aber es ist eigenartig, jemanden zu verurteilen, der noch gar nicht weiß, wofür."Grandler sagte eine Vorladung der IOC-Disziplinarkommission ab. Schröcksnadel wiederum, in Skandale aller Art verwickelt, hatte nimmermüde von einer Hexenjagd gegen unschuldige Sportler gesprochen und unter anderem erklärt, das IOC habe ein Jahr gekreißt, aber noch sei kein Dopingsünder geboren. Nach Informationen dieser Zeitung verheimlichten weitere ÖSV-Mitarbeiter, Alois Stadlober und Generalsekretär Klaus Leistner, den Zwischenfall in Ramsau dem Österreichischen Olympiakomitee.Wada-Chef Richard Pound hatte die Informationen während der Olympischen Winterspiele in Turin an IOC-Präsident Rogge übergeben, der die italienischen Carabinieri um Hilfe bat. Mehr als 30 Beamte durchsuchten daraufhin die Unterkünfte der mutmaßlichen Blutdoper. Vierzehn Monate später ist das Urteil gefällt. "Das IOC braucht von Zeit zu Zeit die Hilfe der staatlichen Autoritäten", sagte Rogge, der an diesem Abend eine sehr ernste Miene aufgesetzt hatte. "Aber ich hoffe, es braucht sie nicht allzu oft."------------------------------Flucht nach der RazziaWolfgang Perner (39), Biathlet: Der gelernte Koch wird 2002 in Salt Lake City Dritter im Sprint und gewinnt Österreichs erste Olympiamedaille im Biathlon. In Turin 2006 ist er Vierter im Sprint und 25. in der Verfolgung. Nach der Polizeirazzia im Turiner Quartier flüchtet er mit dem Mannschaftskollegen Wolfgang Rottmann Richtung Heimat.Wolfgang Rottmann (33), Biathlet: Belegt in Turin Rang 27 (Sprint), Rang 21 (Verfolgung).Roland Diethart (33), Langläufer: Tritt bei Olympia in Turin in der Staffel an und ist als dritter Läufer unterwegs, als das Quartett an letzter Stelle liegend ausscheiden muss.Martin Tauber (30) Langläufer: Wird in Turin Achter über 10 Kilometer im klassischen Stil, 17. in der Doppelverfolgung über 30 Kilometer. Mit der österreichischen Staffel wird er am Morgen nach der Polizeirazzia wegen Überrundung disqualifiziert.Jürgen Pinter (33), Langläufer: Startet in Turin an zweiter Position in der Staffel.Johannes Eder (27), Langläufer: Führt bei sich gerade eine Kochsalzinfusion durch, als die Polizei im Quartier eintrifft, und wird später wegen Anwendung einer verbotenen Methode ein Jahr gesperrt. Als Schlussläufer der Staffel kommt er in Turin nicht mehr zum Einsatz. Nach der Sperre wird er 2007 in Sapporo WM-Vierter über 15 km Freestyle.------------------------------Foto: Mit Verspätung aus dem Verkehr gezogen: der österreichische Biathlet Wolfgang Rottmann.